KW-4 2017: WAS GEWESEN IST

Das erste Eis des Jahres aß ich am 24. Januar in Rom. Foto: Peter Kaaden (der nicht so gern Eis mag)

Diese, nun erst vierte Woche des dank Trumps apokalyptischen Amtsantritts nicht mehr allzu jungfräulichen Jahres, begann für mich in Rom, der Stadt also, die die ewige genannt wird und das schon seit über zweitausend Jahren. Hier, zwischen all den alten Gebäuden, die letztlich wohl auch größtenteils auf merkwürdige Herrscher zurückgehen, schnurrt selbst ein Trump auf Schrumpfgröße zusammen. Was hat diese Stadt nicht schon alles gesehen: eben nicht zuletzt ja auch den irren Kaiser Nero, der sich als Künstler sah und die halbe Stadt eventuell sogar selbst abfackelte.

Mit meinen Freunden David und Peter flog ich von Berlin-Tegel aus und wunderte bis amüsierte mich über die unkonventionelle Abfertigung der Passagiere. Nur mit kleineren Tricks, die wohl nur hier möglich sind, kamen wir schnell durch die Sicherheit und an einer hundert Meter langen Schlange im unsäglichen Terminal C vorbei, um unseren Flug nicht zu verpassen. Auf dem Flug laß ich die gar nicht mal so spektakuläre Geschichte des schwulen, in den USA lebenden Briten, der zum Posterboy der Trump-Bewegung geworden war. Dass man schwul und trotzdem ein ziemliches Arschloch sein kann, schockte mich jedenfalls nicht so richtig.

In Rom bewohnten wir in drei Zimmern auf drei Etagen das Hotel Regina Baglioni, das im Art Deco-Stil gehalten ist. Der marmorne Fußboden auf den Zimmern und die stattlichen Mini-Bar-Preise trieben uns auf die Straße und in das erstbeste Restaurant. Wir aßen Pasta und die war gut. Und wenn ich mich recht erinnere, spazierten wir dann noch ein wenig durch den Nieselregen. Am weltbekannten Trevi-Brunnen diskutierten wir, wer für ein Foto nackt hinein steigen würde und vertagten dann letztlich die Entscheidung auf ein unbestimmtes Später.

Am Abend hatte Campari, die italienische Likörmarke mit dem schönen Schriftzuglogo, uns zu einem Cocktail geladen. Wir gingen nur allzu gern hin und tranken zwölf unterschiedliche Cocktails die allesamt gemein hatten, mit Campari gemischt worden zu sein. Der Abend wurde lang und am Ende trafen wir wohl noch den amerikanischen Musiker Moby an der Hotelbar, doch da verschwimmt es schon.

Den Dienstag verbrachten wir fast vollkommen damit, aus dem britischen Schauspieler Clive Owen, bekannt aus “Children of Men” und zuletzt der Serie “The Knick”, erfrischende Antworten zu seiner Rolle als Markenbotschafter und Werbegesicht von Campari zu entlocken, oder immerhin einige Frivolitäten zu seiner rothaarigen Mitschauspielerin. Abends lud Campari dann wieder zu Drinks, diesmal vorrangig Negronis. Neben uns hatten sie vorsorglich auch einige hundert Leute der römischen Upper Class eingeladen, die sich allesamt mehr an den Dresscode hielten – beziehungsweise überhaupt von ihm wussten – als wir, in unseren Jeansjacken. Die Damen trugen Abendkleid, Seide und hochwertige wie -hackige Schuhe, die Herren maßgeschneiderte Anzüge, Schals, toll gebundene Krawatten und Kaschmir. Insgesamt also ein Look, wie man ihn in Berlin nichtmal zum Bundespresseball hinbekommt. Die Gäste sahen wirklich beeindruckend gut aus, vor allem dann, wenn der Look hin zu gediegenem Italo-Pornostar driftete, mit Schnurrbart, Goldkettchen und teurem Mantel.

Auf Empfehlung einiger Freunde verabschiedeten wir uns zwischenzeitlich, wir hatten schließlich mehr als genug gesehen, in eine der angesagten Speakeasy-Bars der Stadt. Das “Jerry Thomas” beansprucht für sich, zu wissen, wie es in den sogenannten “Roaring Twenties” in den Bars der amerikansichen Ostküste zu Zeiten der Prohibition ausgesehen und wie die Drinks dort geschmeckt haben. Am Klavier wurde Jazz gespielt, die Barkeeper, die sich hier “Mixologists” nennen, trugen Bart und Hosenträger und alle waren sehr ernst bei der Sache. Unklar, ob es tatsächlich so hüftsteif zuging, in den verbotenen Bars, vor fast hundert Jahren.

Später nahmen wir aus Wut eine Geisel und gingen eben nicht in den Stripclub neben unserem Hotel, obwohl etwa ein halbes dutzend Koberer uns versuchte hineinzuzerren.

Der Mittwoch begann für mich mit der Lektüre der New York Times im prächtigen Frühstücksraum des Hotels und für David mit einem Kater, der ihm später dabei half, sich nicht allzu viele Gedanken zu machen, während er nackt auf die Mauer vor dem Trevi-Brunnen stieg. Wir machten ein paar Fotos, die anwesenden klassenfahrenden Jugendlichen kicherten und dann kam auch schon recht unaufgeregt die Polizei und führte David ab, der dann etwa eine Stunde auf der Wache verbringen musste. Peter und ich gingen derweil in den Petersdom, in den wir uns ohne größere Probleme an der langen Schlange vorbei mogelten, und staunten nicht schlecht. Katholik sein, dachte ich kurz, ist doch eine ganz schön feierliche Sache. Dann flogen wir stundenlang über Brüssel nach Berlin zurück, was nicht mehr allzu feierlich war.

In Berlin macht dieser Tage das dänische Restaurant “Sticks’n’Sushi” auf und wir – klassische Pärchennummer: Giannina, Alyssa, Jan und ich – waren am Donnerstag zum Testessen geladen und um unsere Meinung gebeten worden. Ich halte die Potsdamer Straße ohnehin für den aktuell heißesten Ort Berlins und war dementsprechend begeistert. Auch Essen, Cocktails und Wein konnten mit der Straße mithalten, einzig der große Raum wirkte etwas sehr clean und bahnhofshallig. Aber das soll wohl so sein. Die Macher sind schließlich keine Anfänger, sondern haben bereits Restaurants in London und Kopenhagen.

Weil die Victoria-Bar schräg gegenüber liegt, gingen wir kurz rein, trafen Celia und einige Freunde und blieben stundenlang, bevor wir angeheizt von der Nacht ins Prince Charles rasten, weil dort doch irgendein DJ, der wohl auch mal im legendären New Yorker Club Studio 54 aufgelegt hatte, seine alten Hits spielen würde. Wir und etwa dreißig andere Enthusiasten tanzten uns einen Wolf, bevor wir, immer noch sehr aufgepeitscht, in die Kingsize Bar aufbrachen und später, quasi zum Ausklang des Abends, den Bastard-Pop-Klängen von Dixon und Frank Ocean in Celias sehr schöner Altbauwohnung lauschten, bis irgendjemand eine Lautsprecherbox aus dem Fenster warf und plötzlich nur noch Dixon zu hören war.

Der Freitag war verloren.

Am Samstag spazierte ich mit meinem Freund Philip Mollenkott von Mitte nach Moabit. Wir aßen in einem kambodschanischen Restaurant und fragten uns bei Jasmintee, ob wir erwachsen geworden waren.

Abends trank ich eine Cola und schaute den hoch gepriesenen Film “Manchester By The Sea”, der zwar eine solide schauspielerische Leistung von Casey Affleck zeigt, ansonsten aber brutal vor sich hin mäandert. Wie dieser Film an eine Oscar-Nominierung gekommen ist, ist mir völlig schleierhaft. Ich habe ihn meinem Freund Quid Haden empfohlen, einfach nur, weil ich wissen möchte, ob er ihn genauso mau findet, wie ich.

Heute hat mir mein Freund Philip geschrieben, dass er sich zum Lesen neuerdings ins “McCafé” von McDonalds am Hermannplatz setzt, was mich tief beeindruckt. Ich hingegen war auf der Design Börse, die im vierten Stock der Galeria Kaufhof am Ostbahnhof einmal pro Jahr Quartier bezieht, und habe dort dann keinen neuen Lesesessel gekauft.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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