KW-39 2017: Was gewesen ist

Den vergangenen Montag begingen wir hier in New York so, wie man ihn doch nach Möglichkeit immer verbringen sollte: als zweiten Sonntag. Wir, also Giannina und ich, setzten uns also auf einem Dach im ehemaligen Meatpacking District an einen Pool, bestellten Getränke mit Eiswürfeln und ließen uns die Sonne, die da vom Himmel kam, aufs Gesicht strahlen. Es war sicher einer der letzten wirklich heißen Sommertage dieses Jahres und ich wollte doch sowieso schon längst weitergelesen haben, in Luis Bunuels Erinnerungen „Mein letzter Seufzer“. Und so kam es dann auch.

Mal sprang ich in den Pool, mal nur unter die Dusche, mal lauschte ich einem der wie immer sehr laut sprechenden Amerikaner am Nebentisch und die meiste Zeit las ich in meinem Buch. Dort laß ich zum Beispiel über die für Bunuel sehr wichtige Unterscheidung zwischen Bar und Café. Im Café gehöre das Kommen und Gehen dazu, und die „manchmal geräuschvolle Gesellschaft von Frauen“. Eine Bar hingegen sei „eine Schule der Einsamkeit. Sie muss vor allem ruhig sein, möglichst düster und sehr bequem.“ Hier in New York mochte er die Bar im Plaza Hotel besonders gern, die mittlerweile aber zu großen Teilen einem Restaurant weichen musste. Bunuels Lieblingsgetränk war zeitlebens ein trockener Martini mit sehr kaltem, sehr hartem Eis, das möglichst kein Wasser an den Drink abgibt, denn „nichts ist schlimmer als ein feuchter Martini“. Und da hat er sicher recht.

Von diesem Ort, an dem ich meinen Montag verbrachte, einem lauten Social Club mit Pool auf Dach eines Hotels, hätte Bunuel sicher nicht besonders viel gehalten, er hätte ihn gehasst. Ich fand es okay, aber ich trinke ja auch keinen Martini und generell bin ich gar nicht so besonders festgelegt auf ein bestimmtes Getränk, sondern variiere hier stark und passe mich flexibel wie ein Flitzebogen den jeweiligen Gegebenheiten an. Nur Weißwein trinke ich in letzter Zeit nicht mehr so gern, weil ich davon neulich ein fieses Sodbrennen bekam, das mich frühmorgens aus dem Schlaf riss, und seither habe ich genau davor eine Affenangst.

Am Abend aßen wir in dem schönen französischen Lokal „Le Tartine“ im West-Village, das nicht über eine Alkohollizenz zu verfügen schien, weshalb man hier ohne ein Korkgeld zu zahlen, seinen eigenen Wein mitbringen durfte und ich besiegte meine Weinangst für einen kurzen Augenblick, weil alles andere schlicht unfranzösisch gewesen wäre.

Am Dienstag besichtigten wir einige Wohnungen und schauten uns in den jeweiligen Quartieren um. Letztlich wurde es dann eine schöne West-Village Wohnung mit Kamin im vierten Stock, der hier der fünfte genannt wird, weil das Erdgeschoss ja schon als erster gilt, mit Blick auf das One World Trade Center, und wir zogen wenige Tage später ein.

Mit dem Kunstmarktzersetzer, meinem Freund Dr. Magnus Resch, fuhr ich an einem dieser Wochentage auf seiner rosafarbenen Vespa mit dem Kennzeichen „MAGNU5“ durch Downtown und an den interessanten Orten der Lower East Side und der Bowery vorbei: am ehemaligen CBGB’s, an der Wohnung, in der Joey Ramone gelebt hatte und die keine 30 Meter vom CBGB’s entfernt liegt, an der Atelierwohnung von Basquiat, die quasi auf der gegenüberliegenden Straßenseite vom CBGB’s liegt und die Andy Warhol gehörte, und so weiter. Hier, so dachte ich, hat sich vor einigen Jahrzehnten also das gesamte kulturelle Leben dieser großen Stadt auf wenigen Straßenzügen abgespielt und ich fragte mich, wo der entsprechende Ort unserer Zeit wohl gewesen sein wird, wenn man in einigen Jahren oder Jahrzehnten mit einer rosafarbenen Vespa daran vorbei fährt. Und dann dachte ich an die Zerklüftung von Szenen, an die lokale Dezentralisierung, die die Vernetzung durch das Internet mit sich gebracht hatte, wo man eben nicht mehr Nachbar sein muss oder auch nur in der selben Stadt wohnen, um Teil einer bestimmten Gruppe zu sein oder einen bestimmten Lebensstil zu pflegen, der eben nur dort möglich wäre, weil er auf die Rückkoppelung mit Gleichgesinnten angewiesen wäre, quasi auf Befruchtung und wir befruchten uns nun eben durch das Internet, ohne jeden körperlichen Kontakt, gänzlich clean und unbefleckt und von unseren Nachbarn kennen wir nur den WIFI-Namen.

Mit Magnus ging ich auch in die Galerie Taitinger, von der ich erst später erfahren sollte, dass sie einem Mitglied der gleichnamigen Champagner-Familie gehörte, was im Nachhinein Sinn machte, weil der sehr freundliche Galerie-Inhaber uns auch direkt anbot, doch gemeinsam eine große Champagner-Party zu feiern, zum Abschluss seiner der Stadt Berlin gewidmeten Ausstellung. Wir vertagten die Entscheidung darüber und einen Champagner tranken wir auch nicht.

In dieser Ausstellung waren auch Arbeiten des in Berlin lebenden Malers Henning Strassburger zu sehen, der ebenfalls aktuell in New York ist und den wir dann auch direkt zum Abendessen in einem abermals französischen Lokal, diesmal dem astreinen Bistro „Lucien“ im südlichen East Village, trafen. Henning lehrt für einige Wochen an einer hiesigen Universität und hat sich außerdem in einem Atelier eingemietet, um einen New York-Bilderreigen zu malen, wenn ich das richtig verstanden habe, auch wenn der Kunstmarkt die Malerei aktuell nicht sehr schätze, sondern eher digitalmediale Arbeiten und Konzeptionelles.

Im Laufe der vergangenen Woche verhedderte ich mich auch zwei mal im Nachtleben dieser Stadt, deren Nachtleben einst weltberühmt war und es schon länger nicht mehr ist. Und während ich in der vergangenen Woche das „Casablanca“ gesehen hatte, ging ich in dieser Woche in „Paul’s Baby Grand“, den zweiten Nachtclub des Bruders der Kultschauspielerin Chloe Savigny, der hier einen tropisch-kitschigen Laden zwischen Bar und Club für etwa 120 Gäste im Stile Miamis in den 1980er Jahren hingesetzt hatte. Kurz dachte ich an das „Flamingo“ in Berlin, das nur kurze Zeit existiert hatte, mit einem ähnlichen Ansatz. Das Miami der 1980er Jahre ist der maximale Gegensatz zum Holzlatten-Technoclub-Berlin, dachte ich außerdem und wünschte mir, dass es sowas bald wieder gäbe, in Berlin und nicht nur immer wieder eine weitere hölzerne Bar 25-Kopie.

Ansonsten schaute ich mir in dieser Woche und aus der Distanz noch die Diskussionen über die Bundestagswahl an und eine Ausstellung im Whitney-Museum, die dem Protest gewidmet war, der nun also museal war. In Berlin hatte es scheinbar nur kurz ein paar Proteste gegeben, vor der Disco, in der die AFD ihren Wahlsieg gefeiert hatte – und ob dieser Protest es mal ins Museum schaffen sollte, wagte ich mit Blick auf die Protestformen der Black Panthers oder der Anti-Vietnamkriegsbewegung zu bezweifeln, vielleicht auch weil er ästhetisch noch keinen Ausdruck gefunden hat, nicht den Pop der Hippie-Plakate und nicht die Radikalität der Panther.

Und während ich den Sonntag, der vielleicht mein letzter Sommertag für dieses Jahr sein sollte, am Strand von Coney Island verbrachte und noch ein bißchen vom Spanier Bunuel laß, verprügelten spanische Polizisten in Katalonien Wähler und Demonstranten und Europa rutschte wieder ein Stück nach rechts, und ich schlief im noch warmen Sand ein und träumte vom Gespenst der Freiheit.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

Instagram