KW-38 2017: Was gewesen ist

Die Woche begann gut, denn es schien die Sonne und ich war immer noch in New York. Ich zog mit meinen wenigen Sachen von der Lower East Side nach Greenwich Village, direkt an den Washington Square Park, und hier gemeinsam mit Giannina, die am Montag aus Berlin gelandet war, in das vielräumige Apartment unserer Freundin Michelle, die uns von nun an bei sich wohnen lassen sollte. Michelle arbeitet zur Zeit bei der UN und da in dieser Woche eine Vollversammlungswoche war, kam auch Sigmar Gabriel vorbei, dessen letzte Dienstreise als Aussenminister das wohl nun gewesen ist. Aber das hatte er zu Beginn dieser Woche wohl noch nicht wissen können, höchstens ahnen, aber so ein Typ ist er ja nun auch wieder nicht.

Aus der Ferne beobachtete ich außerdem die diversen Wahlaufrufe in Deutschland, die so ziemlich jeder, der gerne Influencer wäre und dann meist doch nur Homeshopping-Moderator seines eigenen kleinen Kanals ist, in nun immer stärker werdender Frequenz in die Filterblasen seiner sozialen Netzwerke sendete. Gebracht hat es, wie ich jetzt weiß, nicht viel. Oder vielleicht doch, denn es sind überraschend viele Nichtwähler dann doch zur Wahl gegangen und diese eigentlichen Nichtwähler haben dann die rechtsradikale AFD gewählt. Ob die sich allerdings von Wolfgang Tillmans’ Plakaten haben motivieren lassen, wage ich hier öffentlich zu bezweifeln. Dennoch kann man sich eigentlich nur wünschen, dass der allseits gefeierte Starfotograf, Feuilleton-Liebling und Anti-Brexit-Aktivist nicht als nächstes für den Weltfrieden wirbt.

Das taten dann allerdings auch schon Giannina und ich, indem wir am Dienstagabend unweit von unserer Haustür auf eine Charity-Veranstaltung der Weltverbesserer von Global Citizen gingen, harzigen Wein aus Plastikbechern tranken, einigen Reden zuhörten, von Menschen, die die Welt in der Tat ein Stück besser machen, weil sie zum Beispiel Mädchen in West-Afrika helfen, sicher zur Schule zu kommen, und dann der Soulsängerin Andra Day zuhörten, die zeigte, wie gut sie singen kann.

Den Mittwoch verbrachte ich im Met Breuer-Museum und schaute mir dort die Arbeiten des vor zehn Jahren verstorbenen Designers Ettore Sottsass an, der von der Pop Art beeinflusst war und Möbel und Gegenstände schuf, die an Architektur erinnern. Es ist ein sehr poppiges Design und zuweilen radikal und die Ausstellung eine gute. Eine Etage weiter oben im Museum flitzte ich dann noch ein wenig zu geschwind durch die Ausstellung „Delirious – Art at the limits of reason“, die absurde und humorvolle Arbeiten von 1950 bis 1980 zeigt. Es war schlicht nicht meine Art Kunst und außerdem hatte ich Hunger und wollte gern noch im Restaurant im Subparterre des Museums essen, was ich dann auch tat und was sehr, sehr köstlich.

Und während ich so dasaß, Wein trank und aß, schrieb mir die tolle Münchner Illustratorin Kera Till, die aktuell für einige Monate in einem nahgelegenen Hotel lebt, und fragte, ob wir uns nicht treffen wollen würden und natürlich wollten wir und so schlenderten Giannina und ich ein paar Blocks nach Norden. Wir trafen Kera im Vorzimmer der Bar des legendären Carlyle Hotels, dem Hotel also, in dem Woody Allen jeden Montag mit seiner Band und seiner Klarinette Jazz spielt, tranken Sours und erzählten uns, was wir hier so den lieben langen Tag machen, in New York. Kera zeichnet aktuell für das Carlyle Hotel und was ich so den ganzen Tag mache, weiß ich auch noch nicht so recht. Irgendwas werde ich schon finden. Schlendern vielleicht. Und so schlenderten Giannina und ich irgendwann einige dutzend Blocks zurück nach Downtown. Im Vorzimmer der Bar saßen wir übrigens deshalb, weil es für die Bar wohl einen Dresscode gibt und mein rosafarbenes Longsleeve mit dem aufgedruckten Comicschwein, das einen Ohrring trägt, wohl nicht darunter fiel.

Am Donnerstagabend saß ich abends auf der Geburtstagsfeier einer Freundin in Queens, direkt am Wasser des East Rivers und schaute auf den dunklen Trump-Tower, der uns direkt gegenüber lag, und hinter mir blinkten große rot-leuchtende Zahlen, die ein Countdown waren, der die verbleibenden Tage bis zum Ende von Trumps-Legislaturperiode runterzählten. Diese ablaufende Uhr muss von Trumps großem, dunklen Turm aus gut zu sehen sein, dachte ich und schaute auf die Zahl, die noch 1206 Tage zählte.

Den Freitag verbrachte ich im Freien und schlenderte durch die Stadt, landete abends im Soho House, dann im Bowery Hotel und später im aktuell scheinbar angesagtesten Club, dem Casablanca, das von einem gewissen Paul geführt wird, der auch schon das „Paul’s Baby Grand“ geführt hatte und nun eben diesen Nachtclub. Es war ein ausgesprochen unprätentiöser Ort, mit zu weißen, gewölbten Decken, in denen das blaue Licht stark reflektierte, und es war voll und das Publikum erlesen, einst soll hier auch mal eine Tochter der Obamas unter Aufsicht des Secret Services unerlaubte Dinge mittem auf dem Dancefloor getan haben, aber an diesem Abend war sie wohl nicht da. Und im Gegensatz zu den prolligen Clubs im Meatpacking District war es auch garnichtmal so klimaanlageneiseskalt, dass man es nur im Sakko aushalten kann und den Mädchen in ihren dünnen Seidenkleidchen die Nippel hart frieren. Es war ein ausgesprochen okayer Laden, dachte ich, für einen angesagten Nachtclub in Manhattan, ein guter Ort und wir hatten Spaß, auch wenn dieser natürlich pünktlich um vier zumindest hier endete. Das Gesetz will es so.

Am Samstag widmeten wir uns dann abermals der passiven Teilhabe am Guten: wir gingen zum großen Global Citizen Festival in den Central Park, setzten uns auf den Rasen und hörten Reden und Bands. Zum Beispiel spielte dort die Band The Lumineers, die ich vorher nicht kannte, und deren Sänger ganz ergriffen vom eigenen, sehr weißen, sehr blutleeren Soul ins Mikrofon schrie und dazu auf seiner Gitarre rumschrammelte. Und als irgendwann dann die Chainsmokers spielten, kam dann gar kein Gefühl mehr mit, weil gleich ein Großteil der Musik und des Gesangs vom Band kam und die Gitarre, die der Sänger sich umgehangen hatte, nicht eingestöpselt war, so wie es einst schon Dieter Bohlen vorgemacht hatte. Also saßen wir weiterhin recht unbeteiligt auf dem Rasen und einmal kauften wir auch am Getränkestand ein Wasser in einer Einwegplastikflasche, das wir dann am Nachbarstand in eine Mehrwegflasche umfüllen konnten. Es war sinnlos, dachte ich und wir waren quasi grad schon auf dem Nachhauseweg, als ein aufgeregter Mann auf die Bühne sprang, den ich noch aus Kindheitstagen, genauer: aus 1994, kannte und dieser Mann war Billy Joe Armstrong, Sänger und Gitarrist der Band Green Day, den Helden meiner Kindheit. Selbstverständlich blieben wir, alles andere wäre Verrat an meinem jungen Ich gewesen, und wir hörten die größten Hits aus den beiden Karrieren dieser Band, der frühen und der späteren Phase, der mit Kajal und Punkrock-Oper. Es war eine große Show mit großen Liedern und Tré Cool, Mike Dirnt und natürlich Billy Joe Armstrong sahen, wenn ich das aus der allerletzten Reihe denn richtig habe erkennen können, tatsächlich genauso aus, wie damals, als ich sie als Kind verehrt hatte, für ihr Major-Label-Punkrock-Meisterwerk „Dookie“. Und Billy Joe tat immer noch so, als sein er ein totaler Weirdo, mit aufgerissenen Augen und hektischen Bewegungen, nur sagt er heute statt „Bullshit“ eben „BS“ und zur Unterstützung spielen jetzt zwei weitere Gitarristen mit und ein Keyboarder, und am Bühnenrand stand Whoopie Goldberg und wippte mit, aber das machte überhaupt gar nichts, spätestens dann nicht, als er die mit Aufklebern übersäte Gitarre, die er schon in den frühen 1990er Jahren immer gespielt hatte, umgehängt bekam und „Basket Case“ spielte, diesen Pop-Punk-Powersmasher, den Soundtrack meiner Kindheit, wegen dem ich mir im Alter von zwölf Jahren die Haare rot färbte und mich damit dem Spott meiner Klassenkameraden aussetzte. Mehr Punkrock ging nicht, damals, auf der Gustav-Heinemann-Schule in Hofgeismar.

Den großen Wahlsonntag begingen Giannina und ich mit einem Frühstück bei „Sadelle’s“, einem angesagten Frühstücksrestaurant in Soho, in dem die Amerikaner sich kiloweise geräucherten Lachs reinziehen, was wohl die Spezialität des Ladens ist. Und dann spazierten wir zum One World Trade Center, ließen uns vor Ort über die neuesten Verschwörungstheorien aufklären und warnen, bloß nicht zurück nach Deutschland zu fliegen, weil wir dort für NSA-Spione gehalten würden und man uns umbringen würde, und wir hörten gerne zu und fanden es eigentlich eine gute Idee, nicht zurück nach Deutschland zu gehen, wo es kalt ist und regnet und wo die rechtsradikale AFD in den Bundestag einziehen wird und drittstärkste Kraft ist und in Dresden sogar zweitstärkste, ausgerechnet in Dresden, dieser vielleicht schönsten deutschen Stadt. Es ist brutal und nun muss die AFD ausdemokratisiert werden, in der parlamentarischen Debatte. So haben wir es doch im Politikwissenschaftsstudium gelernt – wenn auch allerdings nicht in der Geschichte.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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