KW-37 2017: Was gewesen ist

Nunmehr eine Woche bin ich schon in New York und freue mich nicht nur über das angenehme Spätsommerwetter, sondern auch über die Veröffentlichung des Radiohead Songs “Lift”, den die Band vor einigen Jahren absichtlich nicht auf ihrem Album “OK Computer” veröffentlicht hatte, aus Angst, damit zu bekannt zu werden. Das habe ich im Newsletter von Christoph Amend gelesen, den er jeden Tag per E-Mail verschickt. Es ist ein großer Popsong, mit allem was dazugehört, also auch dem exzessiven Einsatz eines Schellenkranzes und einiger Streicher.

Den Anfang der Woche habe ich mit David in Brooklyn verbracht. Wir waren von Yves Saint Laurent eingeladen worden und damit Teil der Kampagne zum neuen Herrenduft “Y”. Darüber werde ich dann nochmal bei nächster Gelegenheit genauer Rechenschaft ablegen und die Kampagnenfotos zeigen, die wir hier produziert haben und gerne würde ich auch den Duft zeigen, der an mir ganz besonders gut riecht, aber das geht noch nicht über das Internet, was ja auch irgendwie beruhigend ist, weil die Gegenwart eben doch gar nicht so zukünftig ist, wie immer alle sagen.

Am Mittwoch besuchte ich im sehr angesagten Brooklyner Stadtteil Dumbo einen Campus für Artificial Intelligence. In einer alten Schiffsfabrik, in der sicher auch die Titanic Platz gehabt hätte, hätte sie es denn bis nach New York geschafft, wurden hier einige dutzend Start Ups und Forschungsteams angesiedelt, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen und man führte mich rum und erklärte mir allerlei Dinge, von denen ich wenig verstand. Bei mir blieb vor allem hängen, dass das Ziel der so genannten künstlichen Intelligenz eigentlich menschliche Intelligenz sei und der Name eher irreführend. Während die künstliche Intelligenz also versucht, zu verstehen, wie zum Beispiel ich denke, habe ich versucht zu verstehen, wie die künstliche Intelligenz denkt – und wir sind beide wohl noch nicht sehr weit gekommen, damit.

Weil wir ohnehin schon da waren, schauten David und ich am Donnerstag noch beim Medienhaus Vice in Brooklyn vorbei und ließen uns die dortigen Räumlichkeiten zeigen, fürstlich bewirten und beinahe einige Prozente unseres eigenen kleinen Medienhauses abschwatzen. Die gereichten Mimosas machten uns aber dermaßen müde, dass wir auf der großen Dachterrasse einfach einschliefen, noch bevor wir die finale Unterschrift leisten konnten und als wir wieder zu uns kamen, rannten wir schnell in die untergehende Sonne und David fuhr zum Flughafen und ich nach Manhattan.

Der Kunstmarkt-Prophet Prof. Dr. Magnus Resch, zweifelsfrei bekannt durch diverse Kurzfilme, hatte mir ein Apartment in der Lower East Side zur Verfügung gestellt, in dem ich den Rest der Woche verbringen konnte und so saß ich dann auch hoch oben über der Stadt und schaute auf sie herab, wie es sonst nur Magnus tut.

Abends ging ich dann noch auf eine Feier, direkt hier um die Ecke. Irgendeine Start Up-Trulla feierte ihren Geburtstag in ihrer 8.000,- Dollar teuren Wohnung, die klein war, wie ein Schuhkarton, aber schön gelegen, in der Ludlow Street, der Reeperbahn der Lower East Side. Einige Jungs trugen Schlips und alle ein Hemd und manche arbeiteten sicher als Investement Banker oder ebenfalls in einem Start Up und sie tranken Getränke aus Plastikbechern und die sonst so peinlich auf Body- und Mind-Optimierungen achtenden Frauen mit den lauten Stimmen griffen dann doch irgendwann angetrunken und gierig zur sahnigen Geburtstagstorte und sie haben sich am darauffolgenden Tag sicher sehr gebodyschämt und nochmal eine extra Runde Pilates gemacht, mit Privattrainer und auf den Power-Lunch haben sie sicher auch verzichtet. Ich ging schnell wieder und setzte mich in eine nahegelegene Hotelbar, in der Getränke aus Gläsern gab und etwas weniger Banker.

Am Freitag frühstückte ich im “Café Henri”, einem Frühstückcafé in der Chrystie Street, das irgendwie dem französischen Street Art-Künstler und Nachtlebenimpressario André Saraiva gehört und leider war es gar nicht mal so lecker, wenn auch der Laden gut aussieht und die Kellner ebenso.

In der Mulberry Street wurde währenddessen das jährliche Fest zu Ehren des heiligen San Gennaro gefeiert. Die gesamte Straße ist für hunderte italienische Essensstände gesperrt und wenn ich mich recht erinnere, spielt auf diesem Fest auch die Schlüsselszene von “Der Pate II”, in der der Don Corleone (hier gespielt von Robert DeNiro), der da eben noch kein Don ist, sondern ein Straßenjunge und Gelegenheitsarbeiter, seinen ersten Mord verübt und den Boss Don Fanucci in seinem Haus auf ebendieser Straße tötet, weil dieser ihm vorher Schutzgeld abpressen wollte.

Abends ging ich noch auf einige Drinks in den unter dem gleichnamigen Restaurant gelegenen Nachtclub ACME, in dem nur etwa die Hälfte der Männer Hemden trugen und die andere Hälfte egale Sneakers und immer genau eine halbe Nummer zu große Jeans und dunkelblaue T-Shirts. Alle waren jedenfalls sehr sauber und brav und gaben mindestens 150,- Dollar für Drinks aus und liessen sich dann pünktlich um 4.00 Uhr rausschmeissen, weil dann alle Clubs und Bars schließen müssen und kein Alkohol mehr verkauft werden darf.

Den Rest des Wochenendes verbrachte ich in den verschiedenen guten Restaurants von Downtown und die beste Pasta aß ich natürlich im Sant Ambroeus, einem zu teuren italienischen Restaurant, das aussieht, wie man sich das Mailand der 1960er Jahre vorstellt, also sehr gut.

Am Abend besuchte ich dann noch kurz das “Sanatorium”, eine neue Bar von den Machern der legendären “Apotheke”, dieser versteckten Bar in China Town, die Inspiration für sicherlich hunderte Bars weltweit war, die sich ebenfalls in ehemaligen Apotheken eingerichtet hatten. Und auch hier gab es einen versteckten Raum, eine weitere “Hidden Bar” innerhalb der eigentlichen Bar, die man nur durch das Getränkelager und einen großen, eiskalten Kühlraum betreten konnte. An der Wand hing das große Gemälde einer Marlboro-Werbung und auch ein Gast trug ein T-Shirt mit Marlboro-Aufschrift, was aktuell sehr hip zu sein scheint, dieses Marlboro-Ding, vielleicht allerdings schon so hip, das es uncool ist, dachte ich und ging in die Nacht und schlich durch die Lower East Side, um die Ratten nicht aufzuschrecken, die hier in den Müllsäcken und den Basements leben und vor denen ich eine tierische Panik habe, eine Art Urangst, die von Jahr zu Jahr schlimmer wird, was hier in New York ein echtes Problem ist, weil es hier vor Ratten nur so, und man kann es sich bildlich vorstellen, wimmelt.

Bislang habe ich noch keine gesehen, nur eine bräunlich-graue Maus im Park, was schon eklig genug war. Aber ich bin ja auch noch einige Wochen hier. Das Glück bleibe mir hold.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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