KW-35 2017: Was gewesen ist

Während ich am Montag ganz ergriffen von der eigenen Arbeitsethik eigentlich den ganzen Tag an meinem mit Werbegeschenken der Tabakindustrie zugestellten Schreibtisch, der übrigens nicht nur fürs Finanzamt im größten Zimmer meiner Wohnung steht, sondern auch tatsächlich, saß und E-Mails beantwortete, an Texten feilte und es dann wieder verwarf, weil das mit dem Feilen bei mir nie eine gute Idee ist und es am besten immer ganz schnell geht oder eben gar nicht, war der Dienstag schon ein schönerer Tag.

Das Wetter war gut und ich hatte nicht vor, den Tag drinnen zu verbringen, also aß ich mit meinem Freund Paul Ronzheimer zu Mittag, der kurz in Berlin vorbeigekommen war, für wenige Stunden nur, und mich zu Recht mit Nachdruck zu diesem Treffen gedrängt hatte. Wir hatten uns lange schon nicht mehr gesehen und deshalb war das vollkommen richtig. So saßen wir dann in der Sonne und aßen und Paul, der ja politischer Journalist ist, brachte mich auf den neuesten Stand in Sachen Wahlkampf und Chancen und wir sprachen natürlich über die völlige Ratlosigkeit, wen wir wählen würden, bei der anstehenden Bundestagswahl. Später in der Woche würde ich mich, da greife ich mal kurz vorweg, dafür entscheiden, aus Mitleid für Martin Schulz von der SPD zu wählen. Mitleid deshalb, weil ich finde, dass es neben der CDU eine weitere große Volkspartei geben muss, und Mitleid auch deshalb, weil Martin Schulz dieses merkwürdig traurige Foto von sich bei Twitter gepostet hatte, auf dem er ein schnurloses Telefon in der Hand hält und allein vor einem großen Gemälde sitzt und dazu hatte er geschrieben, dass er mit 4000 Menschen telefoniert hatte und er sah ganz abgekämpft und mutlos aus. Noch später in der Woche, nachdem ich das TV-Duell gesehen hatte, war ich mir ob meiner Mitleidswahl dann übrigens doch nicht mehr so sicher, aber insgesamt auch nicht schlauer.

Für den Nachmittag, Paul war schon längst wieder auf dem Weg woanders hin, hatte ich mich mit meinem Freund Moritz von Uslar verabredet. Ursprünglich wollten wir wohl an den See fahren, aber das hatte ich ein wenig vergessen und auch, dass ich mit meiner frischen Tätowierung besser wohl nicht in einen der späteren Sommer immer schon etwas tümpeligen Berliner Seen springen sollte. Moritz ließ sich seine Enttäuschung nur sehr wenig anmerken und packte die Badesachen auf den Rücksitz seines Autos und wir fuhren mit der S-Bahn die schöne Bahnlinie vom Hackeschen Markt zum Bahnhof Zoo.

Ich brauchte dringend noch ein neues Headset und weil Apple in den neuen iPhones ja so ganz besondere Stecker für die Kopfhörer eingebaut hatte, gingen wir in den großen Flagship-Store am Ku’Damm. Dort würde es die Kopfhörer wohl geben, dachte ich und lag damit wenig überraschend goldrichtig. Die Kopfhörer zu finden war dann auch des geringste Problem, schwieriger war es, sie zu bezahlen. Eine Mitarbeiterin bot mir an, mich selbst “abzukassieren”, was ja übrigens schon ein absolutes Unwort ist, wie ich seit Jahren finde, und mich da immer direkt schon abgezogen fühle, ich würde nur diese eine bestimmte App auf mein Handy laden müssen und dort dann meine Zahlungsdaten eingeben und dann die Kopfhörer einscannen und schon würde ich gehen können und hätte gezahlt. Ich wartete dann doch lieber auf einen der herumschwirrenden Mitarbeiter, bei dem ich dann auf klassische Art zahlen durfte. Danke nochmal.

Es war immer noch sehr angenehm warm draußen und so setzten Moritz und ich uns vor das Kaffeehaus Reinhardt’s (das Deppenapostroph ist hier sehr wichtig und überhaupt nicht deppig), von dem aus meinen einen tollen Blick auf den Ku’Damm und seine vorbeilaufenden Protagonisten hat: ältere Jazzmusiker oder Musiklehrer mit federndem Gang und Lederweste, russische Töchter mit Pelzkragen und Einkaufstüte, sehr laute Autos, wie diese fürchterliche G-Klasse von Mercedes Benz, die man doch am liebsten sofort ins nächste Moor schicken würde, wo sie jämmerlich unterginge, greise Frauen mit vornehmen Hüten, Menschen mit Puma-Turnschuhen, sowas eben. Über Puma äußerte Moritz den schönen Gedanken, dass man wohl nichts falsch mache, wenn man niemals Puma trüge und ich konnte ihm da nur zustimmen. Hatte nicht auch Boris Becker Puma getragen? Dieser deutsche Held gilt ja nicht unbedingt als einer derjenigen, die Fehler vermeiden – und so passte alles schon wieder ganz gut, dachte ich.

Weil der Nachmittag so schön war und bitte nicht enden sollte, gingen wir noch auf ein sehr kleines Bier (0,2l) in die Paris Bar und sprachen über das Schreiben und den Wald und dann endete er doch, der Nachmittag.

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof Zoo schlenderten wir noch an diesem schönen 1950er Jahre Haus vorbei, in dem die C/O Galerie ein neues Zuhause gefunden hat und gingen dann auch rein und waren beeindruckt von den unstrittig extrem guten Schwarzweißfotos von Josef Koudelka und mehr noch vom Haus selbst. Hier müsste man wohnen, dachte ich. Dann fuhren wir nach Mitte und verabschiedeten uns und ich war froh, als Moritz mir am nächsten Tag schrieb, dass er nun mit seinem Sohn zum See gefahren sei.

Am Mittwoch sollte es noch wärmer werden, aber davon bekam ich nicht viel mit, weil ich mich mit Michel Würthle, dem legendären Paris Bar-Betreiber, in seiner Kreuzberger Wohnung verabredet hatte, um noch einmal gemeinsam das Interview, das ich einige Tage zuvor mit ihm geführt hatte, durchzugehen. Michel, der sein weißes Hemd sehr weit offen trug, machte mir einen furchtbar süßen Pulvercappuccino und dann strichen wir einige rüdere Bemerkungen und ein paar Anekdoten, die ihm für eine Veröffentlichung zu hart oder auch zu belanglos erschienen. Aber eigentlich hingen wir vor allem zusammen in seiner Küche ab und erzählten uns Geschichten und er rauchte viel und ich trank den Cappuccino nicht aus. Es war ein toller Nachmittag und auf dem Weg nach draußen war ich nochmal einen Blick durch diese wunderbar mit Andenken, Büchern, Notizen, Kunst und Leben überladene Altbauwohnung und verabredete mich mit Michel auf ein baldiges Fläschchen Wein in seiner Bar.

Tags darauf, es war natürlich Donnerstag, nahm ich einen frühen Flug nach Stockholm, um dort dann irgendwann David zu treffen und mit ihm gemeinsam einen kurzen Blick auf die Stockholmer Fashion Week zu werfen. Während David allerdings noch an irgendwelchen Flughäfen planmäßig auf seine Anschlüsse wartete, schaute ich mir im Moderna Museet noch das “Wilhelm Tell”-Bild von Salvador Dalí an und schlenderte dann noch ein wenig ziellos durch die schwedische Hauptstadt.

In Stockholm schien Fashion Thursday zu sein oder irgendetwas ähnlich Schlimmes, jedenfalls hatten viele Modegeschäfte länger geöffnet und manche hatten eine Bar aufgebaut und einen DJ ins Schaufenster gestellt und jeder wollte etwas besonderes machen, um seine Mode zu bewerben. In einem Eckladen in der Innenstadt hatte auch die Berliner Modemarke 032c ein kleines Event organisiert. In Zusammenarbeit mit der schwedischen Schuhmarke Eytys hatten die Magazin- und Modemacher einen Laden umdekoriert, ein paar neongrüne Acrylbongs ausgestellt und ihre neuesten Designs feilgeboten. Einige toll angezogene junge Leute waren gekommen und tranken Bier und Sekt und fotografierten sich gegenseitig, wie man das eben so macht, und Jörg Koch, Herausgeber des zur Modemarke gehörenden Magazins erzählte mir, dass sie mittlerweile mit der Mode mehr Umsatz machten, als mit dem Heft und dass sie außerdem planten bald auch Kollektionen anzubieten, also zwei mal im Jahr ihre Mode zu präsentieren.

Dann musste ich auch schon los, weil eine andere Marke, Björn Borg, zu einer ebensolchen halbjährlichen Modepräsentation geladen hatte und ich nicht zu spät kommen wollte. In der königlichen Tennishalle zeigte die Marke eine zum bald anlaufenden Film “Borg” passende Kollektion, die an Wes Anderson erinnerte.

Abends lief ich mit David noch ein wenig durch Stockholm und wunderte mich sehr über die sterilen Bars und ihre weißhemdigen Gäste mit den teuren Drinks und alles erinnerte an München.

Am Freitag verschliefen wir lang und gingen dann in das Fotografie-Museum, um uns eine Ausstellung über Pferdefotografie anzuschauen und eine, die dem großen Fotografen Irving Penn gewidmet war, mit einigen seiner stärksten Aufnahmen und ganz sicher war es die beste Fotoausstellung, die ich je gesehen hatte.

Wir nahmen einen späten Flug zurück und abends holten Giannina und Paul und Juliette mich dann ab und wir gingen gemeinsam auf die Geburtstagsfeier der Kaulitz-Zwillinge, die 28 Jahre alt wurden und feierten, nicht in den Club of 27 eingetreten zu sein und weil es ein Doppelgeburtstag war, ging die Feier eben doppelt so lang wie üblich und ich erst sehr, sehr spät nach Hause. Es war eine gute Feier.

Den Sonntag verbrachte ich auf der Modemesse Bread & Butter, sprang in ein Bällebad, trank eine Rhabarberschorle und schaute mir an, was die Modemarken da so ruminszeniert hatten, für die vielen tausend Besucher, die das ganze Wochenende gekommen waren, ging aber rechtzeitig nach Hause, um das TV Duell zu sehen und später dann die neue Staffel der Serie Narcos, aber irgendwann schlief ich ein. Es war eine lange Woche und Martin Schulz’ Redepausen waren es ebenso. Es gab nichts zu verpassen – jetzt nicht mehr.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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