KW-33 2017: Was gewesen ist

War ich tatsächlich erst vor einer Woche aus Italien zurückgekommen? Diese wenigen Tage in Berlin kamen mir doch schon wieder ewig vor und ich hatte ja auch viel erlebt, aber würde das jetzt immer so sein, dass ich quasi alle zwei Wochen würde flüchten müssen, verreisen, Neues sehen?

Ich habe mal grob zusammengezählt und tatsächlich ist es so, dass ich die Hälfte dieses ja auch erst halben Jahres nicht in Berlin verbracht habe. Ein guter Wert, fand ich. Mehr müsste es nicht sein und weniger auch nicht. Alles tuto bene und weiter so, bitteschön.

In Berlin war ich also in der vergangenen Woche und nicht woanders und weil das Wetter gut war, aß ich einen Wassermelonensalat und ging schon nachmittags ins Kino. Am Montag schaute ich mir, wir hatten das so als Männerausflug seit längerem verabredet, mit meinen Freunden Philip Mollenkott, Quid Haden, Peter Kaaden und Tim Peters, den Anti-Kriegsfilm „Dunkirk“ von Christopher Nolan auf 70mm an. Neben wirklich schönen Bildern vom Elend am Strand von Dünkirchen, von durchs Wasser ziehenden Torpedos und britischen Jagdflugzeugen, flimmernden Weiß beim Kameraschwank in den Himmel und dem bedrohlichen Soundtrack von Hans Zimmer, sahen wir allerdings nicht viel außer der historischen Gewissheit, dass Großbritannien zusammenstand, um die eingekesselten Soldaten vor den Deutschen, die so ganz und gar böse und hinterhältig waren, dass Nolan ihnen in diesem Film nicht einmal ein Gesicht gab, zu retten. Wir alle hatten mehr vom Film erwartet, zum Beispiel Dialoge oder Hauptdarsteller, aber vielleicht waren wir auch zu naiv oder hatten etwas übersehen, vielleicht konnte Nolan diese Rettungsaktion auch gar nicht anders zeigen, und der Hauptdarsteller war natürlich der Krieg, dieses erbarmungslose Schwein.

Im Diener, dem schönsten Boxerlokal der Stadt, einst geführt vom Schwergewichtsboxer Franz Diener, der es geschafft hatte, in der Nazi-Zeit sauber zu bleiben, der diesem Scheisskrieg also nicht erlegen war und auch sonst niemandem, außer einmal Max Schmeling, aber das war früher gewesen, 1928, tranken wir dann noch ein paar Biere und aßen ehrliche Berliner Küche. Über den Film sprachen wir nur kurz. Es gab schlicht nichts zu bereden. Und über den Krieg sprachen wir auch nicht.

Auf dem Heimweg kehrte ich kurz noch im Quelleck ein, dieser wunderbaren Kneipe bei mir nebenan, aber das Bier lief nicht besonders gut aus der Zapfenlager und die Wirtin war sauer, weil die Kunden ungeduldig wurden, sie warteten auf ihr Bier und die Wirtin ja auch. Es muss am Sauerstoff gelegen haben.

Weil das Wetter am Dienstag immer noch besonders gut war, fuhr ich mit meinem Freund Rafael Horzon an den Wannsee und dann mit seiner Segelyacht „Melody 3“ hinein. Wir segelten und aßen Wassermelone und getrocknete Mango und ankerten in der Sacrower Bucht, in der auch ein schnittiges Motorboot geankert hatte, das sicher mindestens 100.000,- Euro gekostet hat, und darauf sonnte sich ein Mann, der wie Donald Trump aussah, nur vielleicht zwanzig Jahre jünger und er erinnerte uns an die karikaturistischen Nacktzeichnungen, die man vor der Präsidentschaftswahl zur Schmähung des Kandidaten Trump angefertigt hatte, wie er da so dick rumstand, so selbstsicher und so nackt. Und auch seine Begleiterin war nackt und sonnte sich und ihr Mann war ganz stolz auf sie und ihren schönen Körper, soviel konnte man von weitem erahnen, und auf ihren gemachten Busen. Wie die beiden da so absolut zufrieden mit der Welt auf ihrem Boot lagen und sich aneinander freuten, das freute auch uns und als sie irgendwann wegfuhren, winkten wir uns zum Abschied nicht zu, weil wir friedlich koexistiert hatten und niemand den anderen in seinem Frieden gestört.

Am Mittwoch schaute ich mir den Film „L’Age D’or“ an, von Luis Bunuel, und hätte ich nicht schon in einem anderen Text dazu geschrieben, was es dazu zu schreiben gibt, würde ich es jetzt hier tun, aber ich bin leer und habe alles gesagt und der Text erscheint sicher auch bald, ich sage Bescheid.

Wobei, es muss noch gesagt werden, dass Gaston Modot, der den Mann gespielt hat, der wohl beste Schauspieler aller Zeiten ist. Die Art, wie er sein Kinn nach vorne schiebt, wenn er sauer wird, versuche ich seither nachzumachen. Modot hat zwischen 1917 und 1959 in über 100 Filmen gespielt und ich werde sie mir alle anschauen müssen und lernen.

Am Donnerstag traf ich meinen Freund Zin Juan Klaft, ein intimer Kenner der amerikanischen Ostküste, der mir empfahl bei nächster Gelegenheit von New York aus Richtung Norden zu fahren, besonders schön sei es im Herbst. Und da ich ja ohnehin bald verreisen wollen würde, merkte ich mir diese Empfehlung und freute mich darüber und auch Zin wiederzusehen, der ja selbst nicht so besonders oft in Berlin ist, wie aktuell ohnehin viele meiner Freunde Berlin nur noch als einen von mehreren Wohnorten nutzen und sie viel unterwegs sind, mal hier und mal dort wohnen, aber nur sporadisch in Berlin. Vielleicht würde Zin nach Boston ziehen oder nach Berkeley und ich würde ihn besuchen, weil auch ich ja nur sporadisch in Berlin sein möchte, weil es ja noch so viel anderes zu sehen gibt, überall.

Auf dem Heimweg traf ich Moritz von Uslar auf einen Espresso und ein großes Mineralwasser. Er sollte am nächsten Tag den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz interviewen, ich den Paris Bar-Macher und Cowboy-Zeichner Michel Würthle. Wir unterhielten uns dann eigentlich ausschließlich über letzteren und ich frage mich jetzt, ob das daran liegt, dass Martin Schulz so langweilig und gesprächsuntauglich ist oder daran, dass ich mich noch ein wenig auf mein Interview vorbereiten wollte und Moritz scheinbar nicht auf seins, vielleicht weil er Profi genug war und sowieso sehr gut vorbereitet.

Ich schlenderte nach Hause und schrieb mir noch einige Fragen auf, die ich dann beim Interview am darauffolgenden Tag ohnehin nicht stellen würde.

Am Abend traf ich Giannina und unsere lieben Freunde Travis und Reda im Club der Visionäre. Travis, in Las Vegas geboren und in Los Angeles lebend, war zum ersten Mal in Europa und somit auch zum ersten Mal in Berlin und er hatte unbedingt in den Club der Visionäre, also einen dieser Holzlatten-Clubs in denen den ganzen Tag und die ganze Nacht elektronische Musik läuft und die größtenteils Open Air sind, gewollt, also gingen wir hin uns es war dann auch sehr schön. Später am Abend gingen wir dann noch hier hin und dort hin und es wurde sehr spät und ich schlief nur sehr wenig bevor ich dann mit einem toten Meerschweinchen im Mund aufwachte und loshetzte, um es noch rechtzeitig in die Paris Bar zu schaffen.

In der Paris Bar dann trank ich erstmal gleich einen doppelten Espresso und wurde dann wachgehalten von den vielen immer guten Geschichten, die Michel Würthle, der vor Urzeiten schon nach Berlin gezogen war und nun davon erzählte. Wir sprachen über Cowboys und Männer und darüber, wie man einen Saloon oder eine Kneipe oder auch die Paris Bar richtig betritt. Das alles steht bald an anderer Stelle und auch hier gebe ich Bescheid. Wir sprachen vier Stunden lang und es war ein gutes Gespräch.

Irgendwann musste ich dann los, schnell losrasen mit dem Elektroroller Richtung Kreuzberg, weil dort die Künstlerin Katharina Grosse eine neue Schau eröffnen sollte, in der König Galerie. Und als ich dort ankam, waren natürlich alle anderen schon da, hunderte Leute, die sich drängten und sich drei große Bilder anschauten und sich gegenseitig ins Gesicht, sich erkannten und manche fragten sich, ob das alles gewesen war, drei Bilder, und ja, das war es. Drei Bilder zu je 200.000,- Euro Verkaufspreis, den hier ohnehin niemand zu zahlen in der Lage war, aber zum Kaufen war ja auch keiner gekommen, sondern zum gesehen werden und manche hatten sicher auch auf ein gutes Foto für ihr Instagram-Profil gehofft, aber dazu war es zu voll und die Leute drängten sich zu nah an den Bildern. Im hinteren Teil der Galerie, weiter drin, war es dann leerer, weil hier nur Sammler waren, Kuratoren, Menschen mit Geld, Mitarbeiter der Galerie und ich, der weder noch ist, von allem nichts, und es gab ein Brett mit Käse und Schinken und rosafarbenen Schaumwein und hier drängelte sich niemand. Johann König, der Stargalerist der Stunde, erzählte mir dann noch von seiner neuen Galerie, die er in London bald aufmachen würde, in einer Tiefgarage, wenn ich das richtig verstanden habe, irgendwo in Soho, und dann musste ich auch schon weiter, weil ich ja noch zum Abendessen verabredet war und dann noch auf ein, zwei Drinks mit den Freunden aus Los Angeles und allen anderen und ich ohnehin schon spät dran war. Also fuhr ich durch den Regen und in die Nacht.

Am Samstag las ich ein bißchen in der Gegend rum und trank Kaffee und abends besuchte ich die Lange Nacht der Museen, zu der sich einige gute Museen und einige eher obskure, wie das Trabi Museum, zusammengeschlossen hatten. In der Berlinischen Galerie schaute ich mir den apokalyptischen Western von John Bock an, in dem Lars Eidinger mitspielt und das sehr gut, und in der Akademie der Künste schaute ich auf die Fotografien von Katharina Sieverding und es war erschreckend wenig los bei dieser Leeren Nacht der Museen, sodass ich ganz allein vor den großen Fotos stand und auf einem stand „Am falschen Ort“, es war Zeit zu gehen.

In der Paris Bar trank ich dann noch ein paar weiße Spritzer mit Michel Würthle, weil das am Vortag schon so schön gewesen war und mein Freund Moritz war auch da und dies war dann kein falscher Ort, sondern genau der richtige.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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