KW-31 2017: Was gewesen ist

Um mich auf meine anstehende Italienreise einzustimmen, hatte mich mein Freund Quid Haden, der ja nun mit Schließung der Kingsize Bar ohnehin nichts anderes zu tun hatte, am Montagabend zum Essen eingeladen. Quid hatte den letzten Kingsize-Abend, das finale Closing also, noch so weit es ging ausgedehnt und so war er am Montag noch etwas matt. Es gab Spaghetti mit viel Basilikum und Tomaten und weil es auch auf dem Balkon noch sehr warm war, tranken wir erst kaltes, helles Bier und dann Weißweinschorle mit großen Eiswürfeln. Wir besprachen die nahe Zukunft und waren uns einig, dass die in der Potsdamer Straße in Berlin-Schöneberg liegen würde. Und während wir so über Bars und die Wichtigkeit des Nachtlebens sprachen, dachte ich erstmalig seit langem mal wieder an “Das Striptease”, die Tabledance-Bar, die ich doch sehr bald eröffnen müsste. Aufgeregt schrieb ich noch in der selben Nacht meinem Freund Tim Peters, der diese Bar würde führen müssen. Mit Tim hatte ich einige dutzend Nächte im Hamburger Dollhouse verbracht, wo er als Barkeeper alles gelernt hatte, was man über einen Stripclub wissen muss. Ich kannte vor allem die andere Seite des Tresens.

Am Dienstagmittag traf ich David in der Nähe des ehemaligen Grenzübergangs an der Bernauer Straße, wo jetzt ein Co-Working-Space, also ein Großraumbüro für moderne Perfomer, in einer ebenfalls ehemaligen Brauerei residiert. Unser Freund Ole hatte uns zum Mittagessen eingeladen und wollte uns die Räume seines Arbeitgebers und dann auch direkt seinen Arbeitgeber einmal zeigen. Und weil man ja schließlich irgendwann auch mal essen muss und wir uns außerdem immer freuen, Ole zu sehen, hatten wir zugesagt. So saßen wir also in der “Factory”, die tatsächlich genau das war: eine sehr zeitgemäße Fabrik, in der im Akkord des Zehnfingersystems geschuftet wurde, und aßen einen Salat und waren ganz erstaunt, dass es hier neben Tischtennisplatten und Telefonkabinen auch eine Gemeinschaft zu geben schien, die sich gegenseitig bei Projekten hilft und aus der hin und wieder auch ein erfolgreiches Start-Up-Unternehmen entstand.

Wir waren natürlich nicht nur wegen des Essens gekommen, sondern auch, um zu sondieren, in wie weit wir hier in diese Factory unsere Armada eigentlich ganz ordentlich bezahlter Praktikantinnen würden setzen können, damit sie sich mit diversen Start-Up-Übermenschen anfreunden, uns auf der Tischtennisplatte kiloweise Venture-Captial erarbeiten und uns somit sehr, sehr reich machen könnten.

Den Abend verbrachte ich im Soho House und kaufte mir dort vor lauter Übermut ein Bier für sechs Euro. Ich würde schließlich sehr bald sehr reich sein. Da ginge das schon in Ordnung.

Im ersten Stock oder dem zweiten des ehemaligen Kaufhauses, das nun Member Club war, wurde schon wieder das Kingsize Buch vorgestellt und ich hörte mir kurz das Gespräch zwischen den Herausgebern und Frank Künster, dem Türsteher und nun ehemaligen Besitzer der Kneipe an. Frank war angenehm unsentimental drauf und schien sich vor allem auf die freie Zeit und seine Autoreise nach Mittelasien zu freuen.

Ich hingegen flog am Mittwoch mit Giannina nach Neapel, was mir bequemer erschien, wenn auch weniger abenteuerlich, als tausende Kilometer in einem silbernen Van durch den ehemaligen Ostblock in die zentralasiatische Steppe zu fahren. Außerdem hatte ich weniger Zeit.

In Neapel residierten wir am zweitschönsten Platz der Stadt, dem Piazza Amedeo im Stadtteil Chiaia. Es war sehr heiß und die Zeitungen fanden für diese selbst für hiesige Breitengrade ungewöhnliche Hitze bald den Namen “Luzifer”. Weil ich auf dem Hinflug dank irgendeiner reißerischen Online-Überschrift mal wieder von der zerstörerischen Wirkung zuckergesüßter Getränke gelesen und mir selbst in die verschwitzte Hand versprochen hatte, gegen den Durst nur noch Wasser zu trinken, trank ich also genau das: nur Wasser. Jeder Schluck, den ich in mich reinschüttete, kam wenig später durch sämtliche Poren meiner Haut wieder an die Oberfläche und versuchte mich so zumindest ein bisschen von der Hitze Luzifers zu kühlen. Es half herzlich wenig. Luzifer ehrte seinen Namen.

Zwei Tage verbrachten wir in Neapel, dieser gar nicht mal so schmutzigen Stadt, in der die Müllabholung einst nicht funktionierte, nun aber doch. Die Mafia, so erzählte man mir, hätte diese Stadt unter Kontrolle und auch die Müllabfuhr sei in der Hand der berüchtigten kriminellen Familien. Um mich auf die Hafenstadt, von der aus angeblich drei Viertel des illegalen weltweiten Waffengeschäfts und große Teile des europäischen Drogengeschäfts gelenkt würden, einzustimmen, hatte ich das Buch “Gomorrha” des damals noch jungen italienischen Autors Roberto Saviano gelesen. Die fleißige Aufzählung so ziemlich jeden italienischen Familiennamens und jeden um Neapel liegenden Städtchens, aber auch der zwar atemlose, dabei aber nicht sehr flüssige Erzählstil und letztlich auch die gesamte Erzählung selbst, überzeugten mich jedoch nicht sonderlich. Es ist ein langweiliges Buch, das zwar die Realität schildern mag, wie Saviano sie erlebt hat, es aber nicht schafft, daraus eine packende Geschichte zu machen. Vielleicht gefällt mir aber auch einfach nur der Sound nicht oder die deutsche Übersetzung. Enttäuscht habe ich es brav zu Ende gelesen.

Einen bleibenderen Eindruck hat das kleine Café am Piazza Amedeo bei mir hinterlassen. Dort hatte ich ohne groß nachzudenken ein paar Croissants und zwei Kaffee zum mitnehmen bestellt, um gemeinsam mit Giannina in unserem Apartment zu frühstücken. Weil in Italien ein Kaffee aber natürlich immer das ist, was wir als Espresso bezeichnen, ein kleiner, starker Kaffee also, der möglichst kochend heiß und noch im Stehen getrunken, niemals aber irgendwohin mitgenommen wird, gab der Wirt mir nicht nur zwei sehr kleine mit Espresso befüllte Plastikbecherchen mit improvisierten Alu-Deckeln und eine Lektion fürs Leben mit. Der Gang über den Piazza Amedeo war nicht weniger als ein veritabler Walk of Shame, den ich ohne Frage verdient hatte.

In Neapel besuchten wir kleine, rumpelige Restaurants und teurere mit Klimaanlage und Cafés und Pizzerien und Bistros und überall schmeckte es ausgezeichnet, weil die italienische Küche natürlich die beste Küche auf der Welt ist, weil man hier sehr stolz darauf ist und sicher auch, weil die Tomaten hier extra viel Sonne abbekommen. Und das beste Essen ist natürlich Parmigiana Melanzane, das ich seit unserer Ankunft mindestens einmal pro Tag esse und mittlerweile auch recht fehlerfrei, wenn auch mit starkem Akzent zu bestellen gelernt habe, per favore!

Das Hafenviertel ist natürlich der spannendste Ort der Stadt. Während man an den mit Zäunen abgesperrten und streng bewachten Containerhafen nicht so ohne weiteres rankommt, obwohl es da die allerbesten Restaurants geben soll, für die hungrigen Hafenarbeiter, die geschafft sind, von ihrem Tagwerk, ist das Hafenviertel mit seinen schwarzen Märkten und den krummen Geschäften eine passable Alternative. Hier kann man alles kaufen, wenn man nur will und ein bisschen Bargeld dabei hat und hierhin würde ich in der kommenden Woche zurückkommen, wenn ich wieder nach Neapel käme, aber erstmal musste ich weiter in den Süden, an die Amalfi Küste, wo es kühler sein sollte oder zumindest etwas Wind vom Meer käme.

Mit dem Taxi fuhren Giannina und ich vorbei am Vesuv, dem aktuell ruhenden Vulkan, der die Stadt Pompeij einst zerstört und damit für immer konserviert hatte, was ich irgendwie doch sehr romantisch finde, also die Ewigkeit durch Zerstörung, und wir fuhren weiter über die Berge bis wir das Meer sahen.

Wir besuchten die malerischen Postkartenörtchen Amalfi und Positano und die kleinen Strände in den Buchten zwischen den Klippen und wir rasten mit einer stark motorisierten Vespa über die engen, kurvigen Straßen an der Küste, deren nichtmal einen Meter hohen Mäuerchen uns im Unfall vor dem Sturz in die Tiefe niemals bewahrt hätten und hinter jeder Kurve lauerte der Tod durch einen Omnibus oder eine der vielen S-Klassen, in denen sich die Sehrreichen an der Küste entlang chauffieren ließen, zum nächsten Hummerrestaurant. Und dann trafen wir noch unsere lieben Freunde Leyla und Sandra und Axl und Shermine, die mehr oder weniger zufälligerweise auch gerade hier waren und wir tranken Wein in der Sonne und aßen Pasta, sprangen ins Meer und fuhren mit dem angeblich schnellsten Boot der Amalfi-Küste, das einem freundlichen englischen Aussteiger, der mit Vatis Geld hier ein Hotel gekauft hatte, gehörte, dem Sonnenuntergang hinterher und in eine Grotte und auch einfach so an der Küste entlang und es war eine gute Zeit, so wie die Zeit doch eigentlich immer gut sein sollte und nie das Gegenteil, weil es nicht genug davon gibt.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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