KW-27 2017: Was gewesen ist

Das tatsächlich einzig Gute an dem ansonsten, wie ich nun schon seit längerem finde, saublöden Titel dieser wöchentlichen Kolumne ist, dass ich heute mit Schreck festgestellt habe, dass die 27. Woche dieses Jahres gerade zu Ende geht und wir damit schon in der zweiten Jahreshälfte stecken. Das hätte mir natürlich auch auf dem Midsommar-Fest auffallen können, mag man hier einwenden, aber da war ich mit anderem beschäftigt.

Diese nunmehr 27. Woche begann mit einem sehr langen Tag und unserer großen Eröffnungsfeier anlässlich der Berliner Fashion Week und zu Ehren des großen deutschen Avantgardekünstlers Harald Glööckler, den mein Freund Rafi Horzon vollkommen zu Recht als „letzten lebenden Surrealisten“ identifiziert hat.

Wir hatten den „Prince of Pompöös“ eingeladen, mit uns das irrste und bunteste und lauteste Kitschfest aller Zeiten zu feiern – und das wurde es auch. Am Nachmittag, als die Zwergponys gebracht wurden, konnte ich zum ersten Mal die Perversion erahnen, die wir hier erschaffen würden. Später am Abend, als Kronprinz Glööckler schon längst an Davids und meiner Hand über den „längsten Red Carpet der Welt“ geschritten war, ließ sich TV-Sternchen Kader Loth (Dschungelcamp, Die Alm, Big Brother, Frauentausch, Auf High Heels Durch Afrika, alles) zwei Meter neben Haralds güldenem Thron dann von einem Mann, der nicht Doktor genannt werden wollte, Botox in die ohnehin schon spiegelglatte Stirn spritzen und setzte damit den Höhepunkt dieser durchgeknallten Neo-Rokokonacht. Später ließen sich dann noch etwa 25 weitere Personen mit Botox notdürftig verarzten und ein gutes dutzend Gäste ließ sich die Glööckler-Krone, sein Markenlogo, tätowieren. Die dank Glitzerpillen glitzernden Pferdeäpfel wurden allesamt, wohl als Souvenir, von den Gästen der Feier mit nach Hause genommen und Nackt-DJane Micaela Schaefer (Topmodel, Big Brother, Dschungelcamp, Das Aschenputtel-Experiment, Das Supertalent, Reality Queens auf Safari, Promi-Dinner, Miss Venus, Miss Maxim, alles) spielte dazu ihren 2011er Smashhit „U-Bahn ins Paradies“. Es war von allem so viel mehr als wir je gedacht hatten. Es war ein großer Abend.

Weil ich den ganzen Abend klugerweise nur Zero-Zero-Bier von Heineken getrunken hatte und nur ganz kurz mal ein paar Gläschen Champagner, hatte ich am Dienstag, dem eigentlichen Beginn der Fashion Week, überhaupt gar keine größeren Probleme. Trotzdem lag ich die meiste Zeit im Bett oder auf dem Sofa und schwänzte alle Modeveranstaltungen. Was hätte denn nach dieser enormsten aller Mode-Partys auch kommen sollen?

Am Abend raffte ich mich dann aber doch kurz auf und ließ mich, großer Dank an den Autohersteller Jeep, der mir für die gesamte Woche einen Wagen samt Fahrer zur Verfügung gestellt hatte und ohne den das niemals möglich gewesen wäre, an den Moritzplatz fahren, wo der Sportschuhhersteller ADIDAS zu einer kleinen Feier geladen hatte, auf der Mädchen gefeiert  werden sollten und unter anderem die Rapperin Haityi eine Installation gebaut hatte, die ich mir anschauen wollte. Haiyti hatte eine Gefängniszelle nachbauen lassen, mit Gitterstäben und so, und darin einige ihrer Gemälde und Skulpturen ausgestellt, später sollte sie noch auftreten, aber das war ich schon lange weg und ich hatte sie ja ohnehin erst vor einigen Tagen in München bei unserer Dandy Diary Negroni-Tour gesehen. Wie der Knast und die „Girls Are Awesome“-Kampagne von ADIDAS zusammen passen, verstand ich eh nicht auf Anhieb und ich war auch zu müde, um nachzufragen.

Der Fahrer fuhr Giannina, die bei ADIDAS noch ein paar samtige Adiletten mitnehmen konnte, und mich dann weiter zur Poolparty des Magazins 032c die damit erstmals eine eigene Veranstaltung zur Berliner Fashion Week organisiert hatten. Normalerweise hatte sich das auch international ganz angesagte Heft immer in Paris feiern lassen, nun also auch in Berlin. Das Wetter war beständig und der Sand nur leicht feucht, also alles ok. Poolpartys können in Berlin ja so eine Sache sein, dachte ich und dachte dann natürlich auch an unsere Poolparty, die wir anlässlich einer Fashion Week vor einigen Jahren mal veranstaltet hatten und bei der es dann geregnet hatte. Am Ende waren dann natürlich doch alle im Wasser gewesen und dort ist dann auch dieses legendäre Foto der Sängerin Kaey entstanden, wie sie nass aus dem Pool des Sexclubs Kit Kat steigt. Um zehn Uhr war die Magazinfeier vorbei und ich hatte es gerade noch so geschafft, einigen Freunden Hallo zu sagen und ein kühles Heineken, diesmal mit Alkohol, zu trinken. Mehr war nicht drin, was okay war, wie ich fand. Wir ließen uns nach Hause fahren und schliefen bald. Nach dem irren Auftakt am Montag, war dieser Dienstag angenehm ruhig: die Ruhe nach dem Glitzersturm.

Am Mittwoch besuchte ich meinen Freund Johann König in seiner Galerie, der nach ihm benannten König Galerie, und besprach dies und das und wir saßen in seiner Cafeteria und fanden, dass hier mal Farbe rein müsste, sehr bald. Im großen Raum seiner Galerie linste ich dann noch kurz in den massiven mit Drohnen gedrehten Film des Künstlers Julian Rosefeldt rein und war total begeistert. Das sollte man sich wirklich mal angucken. Die Ausstellung läuft noch bis zum 23. Juli.

Unser Fahrer wartete schon vor der Galerie und brachte mich dann schnell und sicher und natürlich vor allem sehr komfortabel an den Ku’damm, wo ich zwei PR-Manager von der italienischen Modemarke Gucci traf, die mir bei einem Eiscafé im „Reinhard’s“ (wichtig: mit Apostroph!) erzählten, wie Gucci-Designer Alessandro Michele das mit dem Ideenraub so gemeint hat und dann philosophierten wir noch lang und breit über die Sampling-Kultur des Hip Hop und kamen bald beim wechselhaften Berliner Wetter an und dann wurde es für alle auch Zeit zu gehen. Ganz nette Leute sind das, bei Gucci, dachte ich, und freute mich auf weitere Treffen.

Abends holte ich Giannina ab und traf mich dann mit einigen Freunden auf der Ausstellungseröffnung des Fotografen Maxime Ballesteros, der unglaublicherweise erst seinen ersten Bildband rausgebracht hat und das an diesem Abend feiern wollte. Und weil Maxime ein wirklich ganz feiner Kerl ist und seine Bilder ausserdem sehr gut, kamen viele Leute, viele Freunde und ich denke, er kann sehr zufrieden damit sein und hat hoffentlich schon viele seiner „Les Absents“-Bücher verkauft. Nichts anderes wäre ihm zu wünschen.

Weil wir hungrig waren, in der Mozzarella-Bar kein Tisch mehr frei war und einige unserer Freunde ohnehin dort waren, aßen wir im „Grill Royal“ und tranken dann auch direkt dutzende Flaschen von diesem leckeren, gar nicht mal so teuren Riesling. Und weil es eben alles so schön war und so gesellig, wurde unsere Gruppe immer größer und alle Freunde waren plötzlich da und wir aßen und tranken und vergaßen dann zur Party des Nylon-Magazins zu gehen, das an diesem Abend die erste deutsche Ausgabe feierte und irgendwann landeten wir dann mit allen in einem Hinterzimmer des Techno-Clubs „Kater Blau“ und tranken weiter Wein und alle redeten Durcheinander und beinahe hätte noch der urplötzlich aus dem Nichts auftauchende, stadtweit bekannte Society-Fotograf André C. Hercher ein Foto unserer illustren, extrem gutaussehenden  Runde gemacht, was aber glücklicherweise, unklar wie, verhindert werden konnte, weil der Abend schon spät war und mancher aus unserem Kreise wohl besser nicht in Begleitung eines oder mehreren der anderen abgelichtet worden wäre, der Gerüchte wegen und der Presse und einiger irrer Stalker oder Fans, und so bleibt es bei dieser kleine Indiskretion, ganz ohne Foto.

Wir blieben zu lang und so kam es, dass wir mit zu wenig bis eventuell auch gar keinen Schlaf, so genau erinnere ich mich nicht mehr, in den Jeep stiegen, mit dem unser Fahrer Giannina und mich am Donnerstag nach Hamburg fahren sollte. Nach okay zäher Fahrt mit lebensrettendem Stopp bei McDonald’s, die ja tatsächlich die zweitbesten Pommes überhaupt machen (erstbeste: Dandy Diner, dank Quid Hadens Pommessalz), kamen wir dann irgendwann in Hamburg an und brauchten durch die Dank des G20-Gipfels etwa zur Hälfte komplett gesperrte Stadt dann nochmal genauso lang, wie für die vorherigen 280 Kilometer. Aber deswegen waren wir ja auch gekommen. Im Rahmen des G20-Gipfels sollte ein Global Citizen-Benefiz-Konzert stattfinden und wir waren eingeladen, uns das anzuschauen und darüber dann zu berichten. Influencer-Marketing für die Rettung der Welt also und natürlich auch ein willkommener Anlass, die Berliner Fashion Week, die ja ebenfalls sehr Influencer-Marketing gesättigt ist, kurzzeitig zu verlassen und ein bißchen Weltverbesserungsluft in Hamburg zu atmen, dachte ich. Und während wir da also in einer dunklen Halle saßen und uns den Pop-Rock von Coldplay anhörten, den Pop-Soul von Pharrell Williams und den Pop-Pop von Lena Meyer-Landrut, den Deutschrock von Herbert Grönemeyer und den großen Falsett-Pomp-Pop von Ellie Goulding und eben nicht den Schmierlappendeutschlandpop von Andy Bourani, während dem ich mit angemessen großer Geste den Saal verließ, und uns alle so gut fühlten und Justin Trudeau zuhörten, der auch ein Bierzelt gut hätte anheizen können, und Gordon Brown, der ein ausgesprochen guter Redner ist, und wir eben alle dermaßen fühlten und ganz ergriffen davon waren, wie wir allerspätestens ab morgen die Welt verändern würden, weil wir doch Global Citizens seien und das nun auch verstanden hatten, brannten ein paar Kilometer weiter südlich, auf St. Pauli, die ersten Barrikaden und Autos und einige Demonstranten setzten ein ganz anderes Zeichen, als wir friedensbewegten Popluschis hier in der Halle, mit unseren Nachos und dem Bier in Plastikbechern. Es war dann nicht nur der bessere Selfie-Hintergrund sondern wohl auch das lautere Signal, auch wenn Herbert Grönemeyer hier beim Global Citizen Festival wirklich alles gegeben hat und geschrieen und auch er ganz ergriffen war, allerdings mehr von sich selbst und der wirklich schönen Bühne und seinen alten Liedern, in denen die Welt noch ganz klein war und nicht so unübersichtlich und ohne feste Koordinaten.

Und während in Hamburg und der Welt nun alle darüber streiten, was denn Bitteschön links und was scheisse und wer da jetzt wieder aufräumt und ob man Autos nur in Schnöseldorf anzünden soll oder auch in der Schanze, ob Kleinwagen oder nur Oberklasse, und niemand auf die Idee kommt, dass das Ikea in der Fußgängerzone doch sowieso eine beschissene Idee war und man das ruhig auch hätte schon viel früher mal offensiv in Frage stellen sollen, und die rechten Spinner, denen durch dieses Feuerwochenende jetzt noch mehr Leute zuhören und Glauben schenken, behaupten, das wäre alles sowieso nur der Testlauf für einen kommenden Bürgerkrieg gewesen und die Polizei hätte halt mal üben müssen, hat die Initiative Global Citizen Politikern und Unternehmen Zusagen über einige Milliarden an Hilfsgeldern für den Kampf gegen extreme Armut auf der Welt abgetrotzt. Popluschis hin oder her.

Am späten Freitagvormittag, während Polizei und Schwarzer Block noch ihren Rausch ausschliefen, fuhren wir wieder zurück nach Berlin. Die Welt war ja nun gerettet, also konnten wir uns wieder der Mode widmen.

Es war der letzte Abend der Modewoche und so gingen wir dann auch endlich mal auf eine Modenschau und guckten, was den hier überhaupt so los war. Die Designerin Marina Hoermanseder hatte in den Hof des Rohbaus des Berliner Stadtschlosses geladen und ich nutzte die Chance um mir endlich mal die historische Bausubstanz dieses barocken Schlosses am ehemaligen Marx-Engels-Platz anzuschauen: Beton.

Marina zeigte eine, so David, der genauer hingeschaut hatte, als ich, von Russland inspirierte Kollektion und ich war froh, dass sie auf kyrillische Zeichen verzichtet hatte. Das nämlich war in den vergangenen Jahren so sehr angesagt gewesen, dass es jetzt das hinterletzte ist. So ist das nunmal in der Mode, dachte ich und schaute mir die Kollektion weiter an, die schön theatralisch in einer Regenpause begonnen hatte und gerade rechtzeitig bei einsetzendem Regen wieder zu Ende war. Es war eine gute Kollektion, mit vielen Teilen, die sich sicher gut verkaufen würden.

Nach der Schau fuhr ich mit Giannina und meinem Freund Paul Ronzheimer, der zwischenzeitlich von unserem Fahrer abgeholt worden war, weiter zur nächsten Schau, der so genannten StyleNite von Michael Michalsky. Dort sahen wir abermals Mode, diesmal allerdings komplett unrussisch und viel an eine amerikanische Prom-Night erinnernd. Ungefähr zur selben Zeit müssen sich Wladimir Putin und Donald Trump zum ersten Mal getroffen haben, dachte ich, und fand das alles schon wieder viel zu passend und dann hatte ich kurz große Angst, dass das alles nur meine Vorstellung sei, Einbildung, Fantasie, ein wahnwitziger Traum und dass mein Hirn eben nicht genug Kapazität hätte, um die Welt noch bunter zu machen und es deshalb zu merkwürdigen Dopplungen kommen würde, um die Komplexität zu reduzieren und quasi Rechenkapazität zu schonen. Und bevor ich fast durchdrehte, reichte mir auch schon jemand ein Glas, das wie Champagner aussah und dann war doch nur Sekt vom Modenschau-Sponsor Freixenet drin und dann war plötzlich alles wieder sehr real.

Weil doch der Wein dort neulich so gut geschmeckt hatte, fuhren wir abermals in den „Grill Royal“ und dort saß dann auch die gesamte deutsche Modebranche oder zumindest der Teil davon, der wichtig ist. Chrischl Arp von der Vogue, einige von ihr protegierte Designerinnen und Designer, Adidas-Kreativchef Dirk Schönberger und Freunde, Fotografen, PR-Berater und Models, also alles, was man so braucht. Sie alle aßen für viel Geld und ich trank diesen gar nicht so teuren Wein und weil es eben wieder so angenehm gesellig war und wir einen schönen großen Tisch draußen, am Eingang und direkt am Wasser hatten, also den allerbesten Tisch überhaupt, blieben wir lang und fuhren einigermaßen spät erst weiter zur kilometerweit im Osten gelegenen Party des Zeit-Magazins, die der Barmacher Till Harter für die Zeitschrift in seiner neuen Open Air-Bar an der Rummelsburger Bucht ausgerichtet hatte. Hier blieben wir, bis um drei Uhr die Musik ausgemacht wurde und selbst der angenehm aufgekratzte Zeit Magazin-Chef Christoph Ahmend seinen alten Freund Till nicht mehr überreden konnte, die Feier noch weitergehen zu lassen.

Wir fuhren mit unserer für so eine sprunghafte Nacht recht großen und damit schwer zu navigierenden Gruppe von 20 Leuten weiter in den Club „Prince Charles“, in dem die Designerin Marina Hoermanseder die After-Show-Party zu ihrer Modenschau feierte, und überraschenderweise kamen alle an. Die Party erinnerte dann wiederum weniger an die Russlandinspiration der Kollektion als wieder vielmehr an die bei Michalsky zu sehende Promnight, mit Luftballons, Popmusik, einem schon recht leeren Dancefloor und am Boden liegenden Luftschlangen und irgendwie war es auch sehr hell – genau so also, wie man sich so eine Promnight eben vorstellt. Wieder wurde ich panisch und dass die Nacht dann bei Tageslicht im „Kater Blau“ endete, hat es nicht besser gemacht. Hatte ich das alles nicht schon einmal erlebt?

Diese wiederkehrenden Schleifen müssen aufhören, dachte ich mit pochendem Herzen, und buchte reflexartig einen Flug in den Süden.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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