KW-25 2017: Was gewesen ist

Angenehmer Gedanke: Sonne hinter den zugezogenen Gardinen, die keine schwedischen sind, aber von IKEA, was beschämend genug ist. Aber der Reihe nach. In Schweden war ich ja erst zum Ende der Woche, die doch ganz anders begann. Und nun bin ich wieder in Berlin, wo die Sonne nicht scheint, hinter ebenjenen Vorhängen.

Montag also, so fing die Woche an, wie sie immer anfängt: gnadenlos in ihrer Taktung. Was ich genau gemacht habe, weiß ich nicht mehr, aber abends saß ich lang draußen, mit meiner Schwester und Giannina, im Lokal unten bei uns im Haus und es war noch warm und wir tranken irgendwas Süßes mit püriertem Eis. Das war der Montag und er hätte durchaus schlechter sein können. Die Sonne schien.

Am Dienstag tat ich dies und das und aß mittags im „Fechtner“ einen köstlichen Salat, weil es so heiß war und das nun wirklich das beste Mittagessen für ein solches Wetter. Während ich den Salat so aß, besprach ich, wie genau der Vodka-Brunnen denn nun aussehen und funktionieren sollte, der auf unserem nahenden Fashion Week-Sommerfest aufgebaut würde. Der stadtbekannte Tätowierkünstler Tobias Vetter, überdies Mitinhaber des „Fechtner“, würde den Brunnen anmalen und ein in Gold eingeriebener Beau würde den Vodka aus dem Brunnen direkt in die Münder der Gäste schöpfen. So der Plan.

Am Abend raste ich mit einem Elektroroller durch die aufgeheizte Stadt und von Mitte nach Kreuzberg, um zumindest am Abendessen zu Ehren meiner Freundin, der Soulsängerin Lary, teilnehmen zu können. Ein Großteil der anderen Gäste hatte das gute Wetter genutzt und schon auf einem Boot gefeiert, aber ich musste ja arbeiten, den Vodka-Brunnen planen und noch ein paar andere Feinheiten für unser Fest. Nun war ich also mit einem ziemlichen Move und über den Asphalt schlitternder Vollbremsung direkt neben dem langen Tisch des jamaikanischen Restaurants angekommen. Ich hatte kurz die Kontrolle über die Maschine verloren, was aber keinem weiter aufgefallen war. Einen Sturz konnte ich gerade so vermeiden. Ein bisschen zu überschwänglich begrüßte ich die anderen Gäste. Das muss am Adrenalin gelegen haben.

Und so saßen wir nun da und aßen ein fantastisches Essen, wie ich es nun wirklich nicht erwartet hatte. Jamaikanisch Essen ist mein neues Ding, schwor ich mir, was gut passte, weil ich ohnehin vorhatte, nicht mehr immer nur asiatisch und italienisch zu essen, wie so oft und überall auf der Welt. Jetzt also hin und wieder auch jamaikanisch.

Noch mit dem letzten Bissen im Mund schwang ich mich abermals auf einen Elektroroller und raste mit einem Affenzahn zurück nach Mitte, weil ich doch unbedingt noch den Stummfilm von Marc Hosemann, der in der Volksbühne uraufgeführt wurde, hatte sehen wollen. Den Film verpasste ich, nicht aber Marc Hosemann, der auf der Bühne stand und nun dem gesprochenen Wort wieder sehr zugetan war und knapp die Hälfte der anwesenden Gäste unter Applaus auf die Bühne bat, weil sie doch mitgewirkt hatten, an dem Film, auf die ein oder andere Weise. Und Marc schrie und war ganz er selbst, wie er da so über die Bühne powerte, in einer zu großen schwarz-weiß gestreiften Hose, schwitzend und glücklich und hoch gepeitscht vom Erfolg, dem Adrenalin und der Nacht und sicher auch von der so schön in Energie zu verwandelnden Wut auf das Ende der Volksbühne, wie er sie kannte, das ja nun bald kommen würde.

Nach der Vorstellung und der Danksagung standen dann alle noch draußen, auf den Treppen vor diesem großen Theater und unterhielten sich, gaben hier und da mal an, zeigten sich, ja: poussierten. Rafi war da und erzählte mir endlich, wie sein Wochenende gewesen war, Johann König natürlich, der gegenüber einst eine Galerie hatte, viele Schauspieler, ein paar wenige Journalisten, Kunstleute und auch mancher vom Film und alle tranken Wein und als der leer war, rannte Marc, noch immer völlig high von all den Emotionen, die da so rauskamen, aber dann eigentlich auch nur ein kleines bisschen wahnsinniger als sonst immer, mit einem, wo auch immer her organisierten, Einkaufswagen los, und er rannte wirklich, in seiner schwarz-weiß-gestreiften, zu großen Hose, und kam bald wieder mit übereinandergestapelten Bierkisten, die beinahe vom völlig überladenen Einkaufswagen fielen. Aber es sollte nunmal alles weiter gehen und nicht zu Ende sein, immer weit. Also musste Bier her und alle blieben.

Ich brachte dann Rafi nach Hause und kehrte noch einmal für ein, zwei Drinks in die Bravo Bar ein, wo Lary und ihr Freund, der Bluesmusiker Jesper Munk, und einige Freunde waren und tanzten, um den Geburtstag zu feiern und den schönen Tag, der immer noch ganz warm war, weil Sommer ist.

Am Mittwochmittag traf ich meinen Freund Timo Feldhaus zum Essen. Ich hatte ihn lange nicht gesehen und es gab viel zu besprechen, bei einer guten Gazpacho und einer schlechten Nudel im Restaurant „Sale e Tabacchi“. Timo ist Teil des Teams der neuen Volksbühne und hat unter anderem das Programmbuch geschrieben, das er mir nun vergessen hatte mitzubringen. Aus guten Gründen war er also am Vorabend nicht bei Marc Hosemanns Stummfilmpremiere gewesen, unter anderem aber auch, weil er sich mit einem Freund in einer Bar getrunken hatte. Wir unterhielten uns über Los Angeles, wo wir beide in letzter Zeit einige Zeit verbracht hatten und dann über Kryptowährungen und beschlossen, jeder 500,- Euro in Ethereum anzulegen. Wir gaben uns die Hand darauf und lachten siegesgewiss: bald würden wir reich sein.

Abends trank ich ein Glas Rosé Wein im Innenhof des „Pauly Saal“ und dann noch eins, was eine sehr gute Entscheidung war, denn es war warm und der Wein gut. Ich sprach über einen kommenden, noch zu drehenden Film, der sehr, sehr vielversprechend sein könnte und dann über die Premiere des schon fertig gedrehten Films „Axolotl Overkill“, der an diesem Abend abermals in der Volksbühne Premiere feiern sollte. Vor einiger Zeit wurde ich mal gefragt, ob ich in dem Film nicht die Nebenrolle eines Taxifahrers spielen wollen würde und ich wollte natürlich sehr gern. Wer würde das nicht wollen, wenn er auch nur einmal „Taxi Driver“ gesehen hatte. Leider fehlte dann die Zeit und ich verweilte lieber irgendwo anders auf der Welt, statt die Berliner Version von Travis Bickle nachzustellen. Ein Fehler, wie ich nun finde. Die Premiere ersparte ich mir. Ich würde einfach nicht sehen wollen, wer an meiner statt der Fahrer sein würde.

Ich aß sehr gut im Restaurant „Panama“ zu Abend und besprach mit meinem Dandy-Freund David und einigen anderen Freunden und Geschäftspartnern, noch immer ganz aufgewühlt von der Idee des Fahrers, dass es doch wirklich Zeit wäre, eine Trucker-Party zu machen und damit diese Szene zu ehren. Als Sänger würden wir Gunter Gabriel buchen und die Beleuchtung der Party dürfte einzig und allein von echten Trucks kommen, die im Kreis um die Tanzfläche herum aufgestellt werden würden. Es war ein guter Plan und wir würden ihn bald umsetzen, versprachen wir uns.

Mein Heimweg führte mich über die Potsdamer Straße, die ich für die aktuell beste Straße Berlins halte. Würde ich umziehen müssen, ich würde nirgendwo anders hinziehen als genau dort. Es würde, so dachte ich, nur eine Frage der Zeit sein, bis hier, neben der Viktoria Bar, eine weitere absolute Superbar aufmachen würde, die dann die ganzen angesagten Menschen anziehen würde, wie Motten das Licht. Ich spreche hier von Monaten und es würde höchste Zeit. Die Potse ist heiß.

Am Donnerstag stürzte der Kurs von Ethereum urplötzlich ins Bodenlose und 500,- Euro waren nur noch wenige Cents wert. Nun war sie da, die Angst. Kryptowährungen würden also auch abstürzen und massiven Schwankungen unterliegen und uns eben doch nicht auf einen Schlag oder zumindest in sehr kurzer Zeit steinreich machen. Wir waren zu spät in den Markt eingestiegen und ich glücklicherweise dann doch nicht. Ich hatte es schlicht zeitlich nicht geschafft, die 500,- Euro zu investieren. Außerdem wurde der Tod des Sängers Gunter Gabriel bekannt gegeben. Er war auf einer Steintreppe gestürzt.

Schweigend fuhr ich mit Giannina in einem eilig gemieteten Drive Now-Auto nach Hannover, weil alle Züge wegen eines starken Unwetters ausgefallen waren. Wir aber mussten dringendst in die niedersächsische Hauptstadt, weil doch Guns n’ Roses in nahezuer Originalbesetzung dort spielen sollten und es wohl keine Band auf der Welt gibt, deren entscheidendes Oeuvre ich besser kenne, als die Gunners und ihre drei maßgeblichen Alben „Appetite for Destruction“ und „Use Your Illusion I + II“. Ich kenne ungelogen jeden Ton. Alle anderen veröffentlichten Songs überhöre ich seit Jahren freundlich.

Wir rasten also nach Hannover und irgendwann bändigten wir die Stille mit dem Megahit „Paradise City“ und fingen uns wieder. Gunter Gabriel mag gestorben sein, aber die Gunners lebten.

Das Konzert wurde, so erfuhren wir, als wir in unserem Hotel ankamen, gerade unterbrochen. Das durch ganz Deutschland migrierende Unwetter entlud sich nun direkt über der Open Air-Bühne und die Zuschauer wurden in die nahgelegenen Messehallen evakuiert. Es war ein Drama und die Polizei wollte das Konzert abbrechen. Weil an diesem Tag aber nun wirklich schon genug schlechtes passiert war, ging es nach einer guten Stunde Pause weiter und so waren wir dann auch genau pünktlich auf dem Gelände und drängelten uns gekonnt in die achte Reihe vor der Bühne. Wir standen genau vor Slash, dem Prototyp eines Rockstars.

Wie nicht anders zu erwarten, spielten die Gunners sämtliche Hits und auch ein paar merkwürdigere Songs. Axl Rose vergaß bei „Welcome to the Jungle“ dann seinen Trillerpfeifen-Einsatz, weil er sie aber schon in der Hand hatte, pfiff er einfach irgendwann später rein. Slash wirkte etwas müde, Axl hingegen topfit. Und Duff MacKagan, drittes Originalmitglied, sieht ohnehin blendend aus. Wie Campino in gut, dachte ich. Drei Stunden ging das Konzert und neben der Trillerpfeife spielte Axl auch an einem Flügel („November Rain“) und ohne damals dabei gewesen zu sein kann ich mit absoluter Sicherheit sagen: es war alles wie früher, den frühen Neunzigern, als die Rockmusik langsam starb! Allein diese schlangenartigen Bewegungen und der ganz eigene Rückwartstanz von Axl waren die gar nicht mal so großen Strapazen dieser Reise wert. Und Slash natürlich, das große Idol meiner Kindheit, der Mann, wegen dem ich zur Gitarren gegriffen hatte und meine Haare hatte lang wachsen lassen. Jetzt, wo ich wundersamerweise lockige Haare habe, würde ich es nachmal probieren müssen, mir seine Frisur wachen zu lassen, dachte ich, wie ich da im Nieselregen stand, in Reihe sieben vorgerückt, und ihm zuhörte, wie er das erste Solo von „Sweet Child O’Mine“ leicht variierte. Letztlich hat es dann doch nur für Regen gereicht, der von meiner Oberlippe perlte, aber Weinen war ja noch nie meine Stärke gewesen. Es war ein großes Konzert einer großen Band, deren Einfluss auf mein Leben ich gar nicht hoch genug einschätzen kann. Hätte ich deren punkige Biografie damals nicht gelesen, wäre sicher einiges anders gelaufen. Und dies war nun der einzig würdige Soundtrack dazu: live.

Am Freitag fuhr ich Giannina zurück nach Berlin und stieg dann, wie das mittlerweile am Flughafen Tegel ja auch schon wieder völlig normal ist, um ein, zwei Stunden verspätet in ein Flugzeug nach Kopenhagen. Von dort würden wir zusammen nach Südschweden fahren, um den Midsommar zu feiern, ein ortsübliches Fest, das in Schweden ähnlich wichtig ist, wie Weihnachten. Daran wollte ich schon immer mal teilnehmen, auch weil ich die Ästhetik (Blumenkränze, lachende Nordmenschen, Tanz um einen geschmückten Baum) seit Jahren aus der IKEA-Werbung kannte und nun deren Wahrheitsgehalt prüfen wollte.

Tatsächlich war dann alles so, wie die Werbung gesagt hatte: es waren weiße Zelte aufgebaut und neben uns nahmen etwa 300 andere Menschen an diesem Fest auf einer Wiese neben einem hundert Jahre alten Bauernhaus teil.

Die schwedische Vodka-Firma „Absolut“, deren Markenname mit zum besten gehört, was Markennamen sein können, hatte zu diesem Fest geladen und so kamen Gastronomen, Blogger, Journalisten, Musiker und Künstler aus aller Welt zusammen, um den Sommer zu feiern. Es regnete die meiste Zeit und so verbrachten wir viele Stunden in unserem schön hergerichteten Zelt, in dem es zwei Betten gab und Decken und eine Gaslampe, ein Tischchen und einen wilden Blumenstrauß, und lasen.

Am Samstagmittag, die Sonne brach gerade und sehr pünktlich durch, aßen alle Gäste an langen, geschmückten Tafeln das klassische Midsommar-Essen, das vor allem aus eingelegtem Fisch und Knäckebrot besteht, und tranken die ersten Shots, begleitet von folkloristischen Gedichten und Gesängen. Es gab viele Gründe zu trinken und immerhin waren wir hier ja auch von einer Vodka-Firma eingeladen, also tranken wir und tranken.

Der vormittags noch sorgfältig geflochtene Blumenkranz rutschte irgendwann vom Kopf, unsere Gesichter waren irgendwann aus unklaren Gründen mit viel Glitzer bestäubt und als David versuchte, den geschmückten Baum hochzuklettern wurde klar: dies ist ein gutes Sommerfest!

„Absolut“ hatte verschiedene Live-Bands und DJs gebucht, so auch unseren Freund Zebra Katz, die auf einer kleinen Bühne spielten und wir tanzten und sangen unbekannte Lieder und tranken Vodka-Soda aus Einmachgläsern und durch Pappstrohhalme, weil Plastikstrohhalme aus den selben Gründen verpöhnt sind, wie Plastiktüten. Und war ein wahres Fest!

Alle Gäste trugen weiß, weil das vorher so abgesprochen war und irgendwann fand auch jeder wieder einen neuen Blumenkranz und es sah wirklich alles genauso aus, wie in der IKEA-Werbung, nur dass alle noch fröhlicher waren und manchen der Wahnsinn im Gesicht erschien, weil eben schon seit Mittags getrunken wurde und manche weißen Outfits zeigten erste Grasflecken, weil der Rausch den Träger zu Boden geworfen hatte. Dieses Midsommar-Fest, das merkte ich sofort, ist ein gutes Fest. Und als der Tag zur Nacht und es draußen zu kalt wurde, gingen alle in die Scheune des Dreiseitenhofs und tanzten weiter und bestellten noch ein Getränke und noch eins und trugen immer noch weiß und den Blumenkranz und drehten sich im Kreis, bis es morgen wurde und irgendwann Zeit wieder abzureisen.

Auf der Rückreise nach Berlin las ich vom nahenden G20-Gipfel in Hamburg und den verschiedenen Protesten dagegen und hörte das neue Album der Band „Es war Mord“. Dann schlief ich ein, mit geballter Faust und noch einem bisschen Glitzer im Gesicht.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

Instagram