KW-22 2017: Was gewesen ist

Die nun vergangene Woche begann mit schierer Raserei, dem wilden Wüten des Mustangs auf der naturschönen Nordstrecke vom Joshua Tree-Nationalpark zurück nach Los Angeles, also erst durch die Wüste und dann durch die Berge bis meine Augen müde wurden vom Staub und der Sonne und wir dann auch zum Glück angekommen waren.

Am Montagabend, es war der Abend des Memorial Days und alle wegen des langen Wochenendes noch entspannter als hier ohnehin schon immer, trafen Giannina und ich unseren Freund Paul Ronzheimer, der gerade mal wieder vom gefährlichsten Ort der Welt kam und diesmal war es Venezuela. Weil ein Freund uns dorthin eingeladen hatte, fuhren wir gemeinsam ins “Little Beach House Malibu”, einen weiteren Ableger der Members-Club-Kette Soho House, der allerdings noch exklusiver sein möchte und selbst einfachen Mitgliedern der Hotelkette Zugang gewährt, sondern eben nur einem noch erlauchteren und vor allem zahlenderen Kreis. Die übrigen Gäste waren dementsprechend und es scheint auch (*kreisch*) der mehrere Michelin-Sterne-haltende Superstarkoch Gordon Ramsay anwesend gewesen zu sein. Hunger hatten wir aber sowieso nicht, also beschränkend wir uns auf den, wie Paul treffend bemerkte, sehr deepen Blick auf den Pazifik in der untergehenden Sonne und einige Flaschen des Hausweins. Das ist schon ein sehr schöner Ort, wobei Malibu das Potsdam Los Angeles’ zu sein scheint: sehr wohlhabend, sehr für sich, weil ganz bewusst zu weit weg vom eigentlichen Geschehen und natürlich auch ein bisschen langweilig.

Weil der Abend sehr lang wurde, verbrachten wir den darauffolgenden Tag vor allem damit, die neue Staffel von House of Cards anzuschauen, die es in den USA bei Netflix gibt (und in Deutschland nervtötenderweise nicht, wie mir später auffallen sollte, als ich die Serie, dann schon in Berlin, zu Ende sehen wollte). Angesichts der aktuellen politischen Situation und solch hollywoodhafter Charaktere wie dem Beau Justin Trudeau, dem Charmeur Emanuel Macron, dem fiskalpolitischen Hardliner im Rollstuhl Schäuble und natürlich dem Trumpster, verliert die Serie etwas an Spannung beziehungsweise kann sie da eben gar nicht mithalten, weil sie sonst schlicht unglaubwürdig wäre. Es ist alles einfach zu irre.

Auch bei Netflix gibt es außerdem eine ganz hervorragende Dokumentation über den eben erwähnten neuen französischen Präsidenten Emanuel Macron mit dieser sehr persönlichen, viel zu nahen Szene, als er aus dem Fernsehstudio kommt, in dem er gerade ein mehrstündiges, kräftezehrendes Duell gegen die anderen Kandidaten für sich entschieden hatte und nach einem Stück Schokolade fragt. Seine Frau maßregelt ihn daraufhin streng und erinnert ihn daran, dass sie so etwas nicht essen würden. Macron bittet daraufhin kleinlaut um ein Glas Wasser. Diese Art liebevolle Strenge, ich wünsche sie mir öfter zu sehen und bin sehr begeistert, dass ein Präsidentschaftskandidat einen Dokumentarfilmer so nah an sich herangelassen hat (noch näher und sowieso die allerbeste Politikerdoku aller Zeiten ist natürlich, das weiß aber ja eigentlich und hoffentlich jeder, die Doku über Anthony Weiner).

Am Mittwoch lud das Modemagazin Flaunt, das von einem – Zufälle gibts! – Venezuelaner in Hollywood gegründet wurde, zur Release-Party des neuen Hefts. Stargäste waren die Schauspieler des Biopics über das Leben von Tupac Shakur, der in der kommenden Woche in die amerikanischen Kinos kommt, und tatsächlich sieht der Hauptdarsteller Demetrius Shipp Jr. dem Mitte der 90er erschossenen Gangster-Rapper verblüffend ähnlich. Auf dem Cover des Magazins war dann aber sicherheitshalber doch der echte 2pac zu sehen, fotografiert von David LaChapelle.

Obwohl die Feier und anschließende Weiterfeier und die daran anschließende Nochweiterfeier eben sehr lang gingen, bis in den nächsten Morgen, schaffte ich am Donnerstagabend meinen Flug nach Berlin, wo ich doch schon lange nicht mehr gewesen war.

Ich flog mit AirBerlin und hatte dabei erstaunlicherweise keinerlei Probleme und auch nur eine kurze, für einen zehnstündigen Flug durchaus verkraftbare Verspätung. AirBerlin kämpft aktuell ja mit massiven Problemen und immer wieder beschweren sich Kunden über Flugausfälle und Verspätungen – und so in dieser Woche zum Beispiel auch der deutsche Rapper Bushido, der sich eingeklemmt in der Economy-Class auf einem Mittelplatz neben zwei eher breiten Freunden maximal spießbürgerlich über die Airline beschwert und am Ende zum Glück noch so halbwegs ein genre-übliches “Fuck” rauskriegt. Das Video dazu hat er auf seine Facebook-Seite gestellt und erntet verdienterweise Hohn und Spott.

Um einem drohenden Jetlag entgegenzuwirken fuhr ich am Samstag mit einem gemieteten Boot und meinem Freund Philip Mollenkott auf den Müggelsee, der nur sehr grob in der Nähe von Berlin liegt. Philip wollte mir dort “Klein-Venedig” zeigen, eine Schrebergarten und Wochenendhaussiedlung, die an kanalartigen Armen des Sees gelegen ist und in der sich der Spießer Bushido sicher auch sehr wohlgefühlt hätte.

Am Abend fand in London mal wieder ein Terroranschlag statt und ich empfand sehr wenig, eine unheimliche Normalität. Und dann konnte ich doch nicht schlafen, was aber vielleicht auch am Jetlag lag. Gut war das alles jedenfalls nicht.

Heute, es ist Sonntag, veranstaltete mein Freund Rafael Horzon in seinem Flagship Store für Wanddekorationsobjekte einen Champagner-Brunch, bei dem mir als seinem Verkaufschef die Aufgabe zukam, möglichst viele ebendieser Wanddekorationsobjekte, die nun auch in der Farbe “champagner” zu haben sind, an beschwipste Interessenten zu bringen. Es war ein voller Erfolg und einige nun zu Kunden gewordene Interessenten gingen sehr zufrieden nach Hause. Und Rafi auch.

Auch ich ging nach Hause und der Sonntag und damit die Woche langsam aber dann doch sehr sicher zu Ende. Guten Abend.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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