KW-21 2017: Was gewesen ist

Das Wetter war sehr gut und meine Laune auch, also fuhr ich Anfang vergangener mit dem Bus aus Downtown Richtung Westen, um mir das große Los Angeles County Museum of Art anzuschauen, das LACMA.

Busfahren wird in Los Angeles ja oftmals als lebensgefährlich bis geisteskrank eingestuft, was ziemlicher Unsinn ist. Die Busverbindungen sind erstaunlich gut und die anderen Fahrgäste nur ganz selten merkwürdig – wie zum Beispiel diese eine Frau, die sich direkt nach dem Einsteigen Plastiktüten um die Füße, die Hände, ihre Tasche, ihre Klamotten und ihren Hackenporsche wickelte und panisch bis aggressiv wurde, wenn sie jemand im Vorbeigehen berührte. Ansonsten ist im Bus alles okay. Keine größeren Probleme. Und günstig ist es auch. 1,75 Dollar kostet die Fahrt, egal wie lang sie geht. Und in Los Angeles geht sie zuweilen sehr lang. Diese Stadt ist riesig und der Verkehr stockend.

Im LACMA ging es dann weniger stockend voran, weil das Museum klugerweise das bekannteste Instagram-Erinnerungsfoto- bzw. Ich war auch hier-Motiv vor den Eingang gestellt hat: Urban Light vom Künstler Chris Burden. Während also die meisten Gäste versuchten, zwischen Burdens Straßenlaternen gut auszusehen, schaute ich mir den ganzen anderen zeitgenössischen Kram an und dann aber vor allem die Expressionisten aus Deutschland. Eugen Hoffmanns “Kopf” geht mir seither nicht mehr aus ebendiesem und ich bin nach wie vor sehr begeistert von dieser tollen Sammlung und dem schönen, unaufgeregten Museum. Dass man mich aus Platzgründen dann nicht mehr in James Turrells Lichtinstallation “Breathing Light” gelassen hat – geschenkt. Das trockene Croissant für 7,75 Dollar hingegen – nicht geschenkt, leider. Aber wer achtet in dieser Stadt schon auf das Geld, dachte ich und konsumierte weiter, solange es eben noch ging.

Nun ja, gegen Ende der Woche hatte ich dann meine Kreditkarten ausgereizt und war zurückgeworfen auf prädigitales Barzahlen, das ja immer deutlich mehr schmerzt, weil es so viel realer und eben härter ist, als das Zahlen mit der Karte.

Den “Impossible”-Burger bei der hippen Fast Food-Kette “Umami” konnte ich gerade noch so mit der katzengoldfarbenen Karte meiner Bank zahlen und war tief beeindruckt von der lebensmitteltechnischen Leistung. Der Burger aus dem Labor der “Impossible Food Co.” besteht aus Weizen, Kokosöl und Kartoffeln, ist also vegan und dabei blutig und er schmeckt dermaßen nach Fleisch, dass mir fast schlecht wurde. Das hier war die Zukunft, dachte ich, und aß meinen Burger bis ich nicht mehr konnte. Und während mittlerweile sämtliche großen Medien über die Bemühungen von “Impossible Food” geschrieben haben und begeistert sind, bemühe ich mich seither wiederum, erster Importeur dieser Zukunftsbulette für Europa zu werden. Wenn irgendetwas unserem ambitionierten veganen Fast Food-Imperium Dandy Diner den nötigen Schub geben würde, dann dieses falsche Fleisch, dachte ich und sah fröhliche Kühe auf grünen Wiesen, bluttriefende Burger und goldene Dollarnoten. Dass meine Kreditkarte bald überzogen sein würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht und selbst wenn: ich würde bald sehr reich sein, schließlich war dieser Burger die Zukunft und ich würde ihn nach Europa holen.

Am darauffolgenden Tag, ich hatte gerade einen, wie ich fand, wohlverdienten Kurzurlaub nach Palm Springs gebucht, kam die Antwort von Impossible Foods: man würde sich aktuell auf den amerikanischen Markt konzentrieren und die sehr aufwändige Produktion dieser Buletten würde außerdem nicht ausreichen, um Restaurants oder gar ganze Fast Food-Imperien außerhalb der USA zu beliefern. Reich würde ich also nicht mehr werden, vorerst.

Das Memorial-Day Wochenende, das zu Ehren der im Krieg für das Vaterland gefallenen Soldaten gefeiert wird, beging ich mit dem für Los Angeles typischen Nachtleben-Tryptichon aus Bar (die sehr schöne, holzgetäfelte Bar im Roosevelt Hotel, durch die eine Kegelbahn führt), Club (die versteckt liegende MA Lounge auf dem Sunset Strip) und Privatfeier in den Hollywood-Hills (bei der mal wieder niemand wusste, wer sie veranstaltete und warum die Polizei sie gegen fünf oder sechs auflöste). So langsam, dachte ich, schleicht sich auch hier die Routine ein: Irgendwann ist man immer in den Hills und guckt auf die leuchtende Stadt und trinkt aus roten Plastikbechern und alle Leute, mit denen man spricht, machen irgendwas beim Film oder arbeiten in der Musikindustrie und höchstwahrscheinlich lügen sie.

Später am Wochenende besorgten Giannina und ich uns einen schwarzen Mustang Cabrio und fuhren in die Wüste. Wir wollten unbedingt den Salvation Mountain sehen, eine bunte Kunstinstallation von Leonhard Knight, einem religiösen Eiferer, der damit gedachte, Jesus Christus zu huldigen. Auf einen künstlichen Hügel aus Lehm und Stroh hat Knight hier verschiedene Bibelzitate mit bunten Farben und Herzchen gemalt. Es war brutal heiß hier, mitten in der Wüste, und ich fragte mich, wie Leonhard Knight hier so lange hatte leben können. Seit 1984 bis zu seinem Tod lebte er hier ohne Strom und Wasser in einem Chevrolet Truck aus den 1930er Jahren. Der Mann muss sehr fest an seine Bestimmung geglaubt haben, hier, bei 41 Grad im Schatten.

Wir schliefen in Palm Springs, einer kleinen Wüstenstadt mit flacher 60er Jahre Architektur, die dafür bekannt ist, dass wohlhabende Rentner aus dem Norden hier die Winter verbringen, so genannte “Snowbirds”. Während des in der Nähe stattfindenden Coachella-Festivals wird das Städtchen dann allerdings an zwei Wochenenden im Mai zum Spring Break-haften Domizil für die Instagram-Generation und das Nest der Snowbirds ein wenig beschmutzt.

Am darauffolgenden Tag durchfuhren wir den sengend heißen Joshua Tree Nationalpark und die Woche endete mit massivster Natur, während sie mit massivster Kultur gestartet war. Beides gut, dachte ich und drückte aufs Gas des Mustangs und hörte bei maximaler Lautstärke erst das Album von U2 und dann den große Popsong “Tiny Dancer” von Elton John, den mir mein Freund Quid Haden nahegelegt hatte, nochmal ganz genau zu hören. Und er hatte Recht: es ist die größte Hook aller Zeiten.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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