KW-19 2017: Was gewesen ist

Der Autor in Merchandise von Lil Peep und sehr, sehr traurig

Wie die Woche begann, weiß ich schon gar nicht mehr so genau, wahrscheinlich damit, dass ich versucht habe, den gut 35 Kilometer langen Sunset Boulevard als wohl erster Mensch auf der ganzen Welt komplett zu Fuß zu bezwingen. Nach sechzehn Kilometern brach ich ab und das vor allem aus Angst vor einem Ermüdungsbruch im rechten Oberschenkel, den ich ganz klar und sehr bald kommen sah. Völlig erschöpft setzte ich mich im legendären Hotel Chateau Marmont an den Pool und war sogar zu schwach, mir etwas zu trinken zu bestellen.

Ich würde es nicht schaffen, den Rest der Strecke zu laufen, und das wäre auch okay so, dachte ich, schließlich ist der Sunset Boulevard, abgesehen von dem aufregenden Teil, der sich „Sunset Strip“ nennt und an dem die legendären und allerspätestens aus dem prolligen Meisterwerk „The Dirt“, dem Buch der Rockband Mötley Crüe, bekannten Nachtclubs Roxy, Whiskey A Go Go, Rainbow Bar & Grill und der Viper Room liegen, nicht besonders schön oder spannend oder auch nur annähernd einen Gewaltmarsch wert. Ich gab also auf.

Im Chateau Marmot traf ich zufällig auch die Fotografin Kyra, die dort mit ihrem Laptop arbeitete und ich wunderte mich kurz aber heftig, wie klein doch die Welt war. Wenige Sekunden später wurde mir dann aber klar, dass die Welt doch sehr groß war, aber eben bestimmte Menschen, also zum Beispiel meine soziale Peergroup, sich an bestimmten Orten auf der Welt aufhalten und es vielleicht so zehn bis zwanzig Städte auf der Welt gibt, in denen man eben so ist und in diesen zehn bis zwanzig Städten es dann vielleicht zehn bis zwanzig Plätze gibt, an denen man ist und es also völlig normal ist, dass man an diesen Orten dann auch Leute trifft, die man kennt und es sogar wahrscheinlicher ist, sie hier zu treffen, als, sagen wir mal, im schleswig-holsteinischen Mölln.

Am Dienstag folgte ich dem Rat eines Flyerverteilers am Hollywood Boulevard und buchte eine „Celebrity Homes“-Tour durch die Hollywood Hills. Die Fahrt führte uns an sehr vielen hohen Zäunen und Hecken vorbei, hinter denen sich die Häuser von Schauspielern und anderweitig bekannten Persönlichkeiten vor unter anderem meinen Blicken versteckten. Hin und wieder konnte man jedoch ein Haus sehen und das war dann oft eben kleiner, als ich es erwartet hatte. Der britische Action-Darsteller Jason Statham wohnte zum Beispiel in einer etwas größeren, grauen Doppelgarage, wenn ich das richtig gesehen hatte. Und auch das Haus des Regisseurs David Lynch schien mir nicht sonderlich riesenhaft, sondern erinnerte mich eher an den Bungalow meiner Großeltern in Bergisch Gladbach. Interessanterweise wohnte Lynch in einer Querstraße vom Mullholland Drive, dem er einst einen gefeierten Film gewidmet hatte. Er scheint diese gewundene Aussichtsstraße also wirklich zu mögen.

Für den Mittwochabend hatte ich Giannina und mir Karten für das Konzert des Sängers Lil Peep gekauft und fuhr mit ihr nach Echo Park, einem aktuell sehr angesagten, wenn auch etwas langweiligen, mittelständisch geprägten Viertel, das mehr an die familienfreundlichen Parts von Brooklyn denn an Los Angeles erinnert. Vor der Konzerthalle warteten ein paar hundert Fans, die aussahen, als wäre MySpace immer noch das wichtigste Social Network des Internets. Lil Peep gilt quasi als Einmann-Wiedergeburt der Emo-Szene, mit modernerem Cloudrap-Sound aber sehr ähnlichem Look. Und tatsächlich sah der etwa zwanzigjährige Sänger dann auch sehr mitgenommen aus, von seinen einfachen, suizidalen Texten über verlorene Lieben und Drogen. Auf den Bauch hat er in krickeliger Schrift das Wort „Love“ tätowiert, wobei das „o“ ein trauriger Smiley ist. Das Konzert begann pünktlich und war sicher auch pünktlich vorbei, wobei wir das schon nicht mehr mitbekamen. Nach einer guten halben Stunde hatten wir genug gehört und uns aus Verlegenheit noch schnell zwei Kapuzenjacken am Merchandise-Stand gekauft, um unter all den traurigen Jugendlichen nicht allzu sehr aufzufallen. Einige der Fans flippten vollkommen aus bei seinen kurzen Liedern, die zum größten Teil vom Playback getragen wurden. Zu mir sprach er nicht, der König des Nu-Emos, ich gehöre wohl auch nicht mehr zur Zielgruppe. Auf dem Heimweg hörte ich noch einmal ganz kurz in die erste „Rites of Spring“-Platte hinein und wurde dann endlich auch sehr, sehr traurig.

Den Donnerstag verbrachte ich in Venice Beach, etwa fünfzehn Flugstunden entfernt vom italienischen Venedig, in dem zeitgleich die 57. Biennale stattfand, über die Boris Pofalla später in der FAZ schreiben sollte, dass sie eine schwache war. Auf meinem Handy versuchte ich der Kunstschau zu folgen und sah vor allem doch Fotos von der mehr als fünfstündigen Performance der Künstlerin Anne Imhof im deutschen Nazi-Pavillon, die dafür wohl verdientermaßen einen Preis gewann. Einzig dass in nahezu jeder Besprechung dazu erwähnt werden musste, dass Imhof mal Türstehern in einem Nachtclub gewesen war, fand ich wahnsinnig ermüdend und unnötig. Durch die Erwähnung wird immer wieder versucht, ihr eine gewisse Coolness und Zeitgenossenschaft und Roughness zuzusprechen, die sie doch eigentlich gar nicht braucht. Ohnehin scheint mir die Rolle des Türstehers von vielen Seiten überbewertet.

Während ich am Strand von Venice in Los Angeles saß und mich so vor mich hin ärgerte, dachte ich daran, wie ich einst Türsteher gewesen war, wenige male zwar, aber immerhin auf der Hamburger Reeperbahn und der Großen Freiheit, also der beiden wichtigsten, wie asozialsten Ausgehstraßen der Stadt. Daran war gar nicht zeitgenossenschaftlich, dachte ich und cool war es auch nicht. Es war meist kalt und es hatte mir auch keinen Spaß gemacht, Leute abzuweisen, die sich offensichtlich auf einen schönen Abend mit ihren Freunden gefreut und sich schick gemacht hatten. Es war ein Scheissjob und ich hatte ihn schnell wieder an den Nagel gehangen. Draußen, vor der Party zu stehen, war einfach nicht mein Ding gewesen.

Ich war ganz froh, im falschen Venice zu sitzen und eben nicht im eigentlichen, dem italienischen, wo es jetzt sicher sehr voll war und außerdem auch kühler als hier.

Am Freitag kam mein Schulfreund Zin Juan Klaft zu Besuch. Er hatte ohnehin an der Westküste zu tun und nachmittags einen sicher sehr klugen Vortrag an der Universität UCLA über seine aktuelle Hirnforschung gehalten, die irgendwann sicher auch die eine oder andere Art das Leben vieler Menschen verbessern wird – so viel hatte ich jedenfalls verstanden. Wir tranken einige Sours im nahegelegenen Ace Hotel und verabredeten uns für die kommende Woche in der Wüste, um dort mit einem Schrotgewehr rumzuschießen. Zin ist wahrscheinlich der klügste Mensch, den ich kenne und ich hielt es für eine ausgesprochen gute Idee, mit ihm einer so stumpfen und unnötigen Tätigkeit wie Schrotflintenschießen in der Wüste nachzugehen.

Samstagmittag fuhr ich nach West Hollywood, um dort meinen Buddy Petr Matejcek zu treffen, einen Magazinmacher aus Prag. Petr war nach Los Angeles gekommen, um hier die Modenschau der Marke Dior anzuschauen und wir waren uns beide einig darin, dass die gezeigte Klamotte ein wenig zu sehr aussah, wie eine für das Coachella-Festival designte Kollektion. Dior hatte einige hundert Journalisten, Influencer, Stars und gute Kunden und Einkäufer in die Wüste bei Los Angeles eingeladen und sie erster Klasse und mit allem Drumherum eingeflogen. Die Produktion solcher Modenschauen kostet schnell einige Millionen Euro und unwissende Naivlinge wie ich fragen sich dann oft, ob sich das überhaupt lohnt, für eine Marke, einen solchen Aufwand zu betreiben, weil das doch alles so wahnsinnig teuer ist. Petr, der sich in solchen Dingen viel besser auskennt als ich, erzählte mir dann, dass die aktuell so wichtigen Cruise-Kollektionen, also die Kollektionen, die die großen Modehäuser zwischen den beiden Hauptkollektionen, die meist während der Modewochen in Paris, Mailand und New York gezeigt werden, zu einem Drittel schon direkt nach diesen Schauen verkauft seien. Es würde sich also offensichtlich sehr lohnen, einen solchen Aufwand zu betreiben. Der Rest verkaufe sich dann spätestens, wenn Rihanna, die natürlich auch dort war, ein Foto von sich im neuesten Dior-Fummel poste.

Während Peter sich nachmittags im Tattoo-Studio von Kat von D, einer durch Reality-TV bekannt gewordenen Tätowiererin ein Souvenir unter die Haut ritzen ließ, fuhr ich zurück nach Downtown, wo ich mit Giannina und ein paar Freunden auf dem Dach unseres Hauses am Pool armenisches Bier trank. Später am Nachmittag fuhren wir dann gemeinsam zum Musikfestival „Paradise in the Park“ und verpassten dort leider den großen Hit „Without You“ von Art Department, obwohl die doch dort spielten.

Der Anwohner wegen war um 22.30 Uhr sehr pünktlich Schluss mit dem Lärm im Park und in einem nahgelegenen Gebäude, das früher mal den Freimaurern gehört hatte und ob seiner kolossalen Größe auch genau so aussah, fing die After Show Party an, die allerdings – so ist das hier in Los Angeles nunmal vom Gesetz her geregelt – auch schon wieder um 2.00 Uhr vorbei war. Die Party verlagerte sich nun also, wie so oft, in eine der unzähligen Villen in den Hollywood Hills, von denen nie jemand so genau weiß, wem sie eigentlich gehören, wer die ganzen Getränke dorthin bringt oder wer den DJ bezahlt. Wir hatten einen wahnsinnig guten Blick auf die glitzernde Stadt und alle waren ausgesprochen gut drauf und irgendwann zu späterer Stunde kam Spider-Man beziehungsweise sein Darsteller Tobey Maguire zu Giannina und mir und fand unsere Hasenohren, die wir vorher von einem entfernen Bekannten geschenkt bekommen und seitdem nicht mehr abgesetzt hatten, ganz toll und wollte sie auch unbedingt aufsetzen. Und so stand dann Spider-Man mit Hasenohren vor uns, als die Polizei die Party wegen zu vieler Autos in der Einfahrt und sicher auch wegen der Lautstärke auflöste. Es war ein guter Abend und nun auch wirklich Zeit nach Hause zu gehen.

Am Sonntag verlor die SPD dann in Deutschland schon wieder eine Wahl und wir saßen auf einem Flachdach in Hollywood und guckten auf die sonnige Stadt, in der die Art, wie wir denken leben zu wollen, erfunden wurde.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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