KW-18 2017: Was gewesen ist

Wie geplant, hatte ich den Montag und damit die mal wieder ausgebliebene Revolution am 1. Mai komplett verschlafen. An der Ibizaisierung Berlins hatte ich nicht teilnehmen wollen, die Stadtteilmarketing-Folklore überließ ich den anderen. Stattdessen hörte ich, was auf der Revolutionsskala auch nicht unbedingt mehr Minuspunkte gibt, den Podcast von Olli Schulz und Jan Böhmermann und lernte, dass Böhmermann seinen Auftritt in einer amerikanischen Late Night-Show eigentlich ganz gut fand (die deutsche Presse fand ihn ja eher nicht so richtig gelungen) und dass er in der Economy Class nach New York geflogen war. Beides fand ich gleichermaßen sympathisch wie befremdlich.

Am Dienstagvormittag flog ich selbst in die Vereinigten Staaten, ebenfalls in der Revolutionsklasse, allerdings mit Umweg über Reykjavik, wo ich schon immer mal hinwollte und nun drei Stunden in der sehr aufgeräumten Flughafenhalle totschlug. Weil ich unbedachterweise den günstigsten Flug gebucht hatte, mir die Tragweite dieser Entscheidung aber erst beim Hineinsetzen in meinen Sitz mit der Ordnungsnummer 36A klar wurde, kam ich in den Genuss endlich mal die iPhone-App von Netflix hektisch herunterzuladen und mit ihr alle auch nur halbwegs interessanten und offline verfügbaren Filme. Im Gedächtnis geblieben ist mir davon zwar keiner, aber so musste ich mich wenigstens nicht zwölf Stunden – so lang dauerte der Fug von Island nach Los Angeles – über meinen Geiz ärgern, sondern konnte wie gewohnt einfach vor mich hindösen und mich mit Serieneinerlei berieseln lassen. Ohnehin scheint die große Zeit der Serien irgendwie vorbei zu sein. Was vor wenigen Jahren noch als die Zukunft des Erzählens gepriesen wurde und dem in Serien wie Breaking Bad, True Detective und House of Cards auch absolut gerecht wurde, ist heute oftmals schlicht egal oder wird, wie in letzterem Fall, von der Realität überholt.

Ich flog also nach Trumpistan, wie einige Komiker die USA seit Januar nennen, und kam am Abend in Los Angeles an. Meine Freundin Giannina holte mich am Flughafen ab und wir taten, wie man es hier nunmal tut: wir nahmen ein Uber. Für 17,- Dollar brachte uns der Fahrer bis zu unserer Wohnung in Downtown und ich war aus rein egoistischen wie monetären Gründen begeistert von dieser ultraliberalsten aller Schweineapps.

Das Appartement, das Giannina für uns gefunden und in dem sie nun schon seit drei Wochen gelebt hatte, war sehr schön und lag im vierzehnten Stock. Vom Balkon konnten wir nach Osten blicken und ein bisschen auch nach Norden, zu den Hügeln der Stadt. Ich schlief früh ein und wachte am folgenden Morgen früh wieder auf.

Giannina zeigte mir das Viertel, die Hood, und wir liefen ein wenig durch Downtown. Das Museum “The Broad” hatte wegen eines Wasserschadens geschlossen, aber es war ohnehin ein zu schöner Tag, um ihn im Museum zu verbringen und die Privatsammlung eines reichen Ehepaars zu bestaunen und damit ihren Wert zu steigern. Dafür wäre später noch Zeit, immerhin hatte ich vor einige Wochen hier in Los Angeles zu verbringen – mindestens, bis das Leben in Deutschland wieder ohne größere Depressionen möglich wäre, die Sonne also scheinen würde. Spätestens jedoch zur Documenta in Kassel würde ich zurückkommen, dachte ich.

Am Abend packte mich der Jetlag früh am Schlafittchen und schleifte mich mit absoluter Strenge ins Bett.

Ich hatte in dieser Woche angefangen die umstrittene Selbstmord-Fernsehserie “13 Reasons Why” zu schauen und guckte am folgenden Morgen, es muss gegen fünf Uhr gewesen sein, aufgeregt weiter. Bislang war ich allem Anschein nach noch nicht an den strittigen Punkt gekommen, der manche Twitter-Kommentatoren dazu gebracht hatte, einen Boykottaufruf gegen die Serie zu starten. Im Laufe der Woche kam ich jedoch noch dazu und konnte kaum hinschauen, bei der Suizidszene, in der ein 17-jähriges Mädchen sich die Pulsadern aufschnitt. Die Aufregung verstand ich dennoch nicht – was ja eigentlich auch nur ein gutes Zeichen war, schließlich schien ich keine Suizidgedanken zu hegen, da mich die Szene nun wirklich zu gar nichts inspirierte, als dazu, meine Augen zu schließen. Doch es scheint da auch andere Rezipienten zu geben, weswegen unter den meisten Artikeln, die im Internet über die Serie veröffentlicht werden, ein Hinweis steht, der Suizidbeabsichtigte auf Hilfsangebote aufmerksam machen soll. Die Serie jedenfalls packte mich dermaßen, dass ich die letzten fünf Folgen am Stück guckte und dabei jede Sekunde froh war, nicht auf eine amerikanische Highschool gegangen zu sein.

Am nicht sonderlich wohlverdienten Wochenende trafen Giannina und ich uns mit der Fotografin Kyra Sophie im örtlichen Ableger der britischen Members-Club-Hotelkette Soho House auf ein paar Drinks in West-Hollywood. Mit Blick über die dunstige Stadt, tranken wir ein paar Sours und einige Flaschen Wein und zwischendrin aß ich einen Teller voll gegrillter Karotten. Grillen, so dachte ich, können die Amerikaner. Darin sind sie wirklich viel besser, als wir Europäer. Die Möhren waren, wie man hier so sagt, on point und wirklich lecker. Wir tranken weiter und hatten irgendwann genug vom Soho House und den Members, die viel Geld dafür bezahlen, hier noch mehr Geld für ihre Drinks ausgeben zu dürfen.

Wir schlenderten den Sunset Boulevard und damit quasi die Reeperbahn Hollywoods hinunter und neben uns war dort sonst niemand zu Fuß unterwegs, weil hier in Los Angeles ja alle immer und überall hin mit dem Auto fahren. Wir kamen an den großen Institutionen der 1980er und frühen 90er Jahre Rockmusik- und Hairmetal-Szene LAs vorbei, am Whiskey-A-Go-Go, dem Viper-Room (der einst Johnny Depp gehört und vor dem der Schauspieler River Phoenix an einer Überdosis starb) und natürlich auch am Rainbow Bar & Grill, dem legendären Hang Out der hiesigen Rockszene, in dem ich vor einigen Jahren mal schlecht gegessen hatte, während der Designer Rick Owens auf der Suche nach irgendwas Verbotenem durch den Raum gespensterte.

Wir gingen weiter und landeten zielsicher im Club Estrella, den der Londoner Séyi Omolabi hier eröffnet hatte und in dem örtsunüblicher Grime gespielt wurde. Es wunderte uns also nicht sonderlich, als sich Shay, wie Séyi sich dann doch wieder sehr ortsüblich nennt, ankündigte, gleich würde noch sein Buddy, der UK-Grime-König Skepta, vorbeikommen. Tatsächlich kamen dann auch zwei sehr ähnlich aussehende Männer und zollten damit ihren Respekt für diese für LA ungewöhnlich coole Bar.

Weil Shey das Estrella um zwei hatte schließen müssen, weil eben alle Clubs und Bars hier um zwei schließen mussten, lud er uns zu einer privaten Feier in ein Haus in den Hollywood Hills ein und wir folgten seiner Einladung nur allzu gern.

Auf der Party mit allerbestem Blick auf ganz Hollywood, in einer sehr weißen, sehr schicken, völlig unpersönlichen Villa mit großen Fenstern, waren etwa 50 weitere Gäste und alle tranken zimmerwarmen Tequila aus merkwürdig geformten, ellenlangen Glasflaschen. Ich schaffte es derweil mir ein Bier aus dem zweieinhalb Meter hohen Kühlschrank zu nehmen und war mit dieser hier doch sehr ungewöhnlichen Wahl sehr zufrieden. Und so standen wir dann auf der Terrasse, erzählten uns von diesem und jenen, sprachen mit ein paar wenig inspirierenden Töchtern und Söhnen und blickten auf die Stadt und ihre Lichter. Dass es auf dieser privaten Party auch zwei Security-Männer gab, bemerkten wir erst, als der Gastgeber sie für beendet erklärte und die beiden großen Männer in den dezenten Anzügen alle Gäste baten, nun wirklich sehr schnell zu gehen.

Shey fuhr uns netterweise, er hatte nicht getrunken, die verschlungene Straße hinunter bis zum Sunset Strip und setzte seinen Weg, der in eine andere Richtung führte, dann ohne uns fort. Wir riefen ein Uber.

Unser Fahrer stellte sich als Christian Aubert vor und redete viel. Schauspieler sei er gewesen und vor vielen Jahren schon aus Frankreich hergekommen. Er schlug uns vor seinen Namen zu googlen und das taten wir und sahen, dass er in den Hollywood-Filmen “Godzilla” und “Stadt der Engel” mitgespielt hatte. Nun war er Taxifahrer und Französischlehrer, weil ein Job hier nunmal nicht ausreichte, zum Überleben, und die Schauspielerei sowieso nicht.

Die Sonne ging langsam auf und als wir in Downtown ankamen, wurden bereits die ersten Obdachlosen in den Hauseingängen geweckt und verjagt und ich war müde und schlief bis Sonntag durch.

Am Sonntag würden die Franzosen ihren Präsidenten wählen und bei einem großen Becher Kaffee mit Reismilch und tief über der Stadt hängenden Wolken verfolgte ich die ersten Hochrechnungen und dachte an Europa, das ja mein Zuhause war.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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