KW-17 2017: Was gewesen ist

Anfang der vergangenen Woche zog ich mich in das Schlewsig-Holsteinsche Dorf Mölln zurück und plante, dort einige Wochen zu bleiben. Einst hatte hier der Legende nach der Schwindler Till Eulenspiegel gelebt und auch ich hatte mich wohl selbst belogen, in der Annahme, ich würde hier länger bleiben können. Spätestens, als ich am zweiten Tag meiner Ankunft schon nach Hamburg fuhr, um im Restaurant „Basil und Mars“, das mein Freund Martin Lohr vor einigen Monaten eröffnet hatte, zu essen, wurde klar, dass Mölln und ich nicht so recht zusammenpassten. Ich blieb dann aber doch noch einige Tage, quälte mich ein wenig mit der Provinz herum und entschied irgendwann, dass es nun auch wirklich genug gewesen war.

In die Zeit meines Aufenthalts fiel zufälligerweise auch ein Wahlkampfauftritt der Bundeskanzlerin Angela Merkel, die auf dem engen Möllner Marktplatz für einen Sieg der CDU bei der Wahl in Schleswig Holstein kämpfte. Weil es genieselregnet hatte, waren beinahe mehr Polizisten als Zuhörer da, was aber nicht weiter schlimm war. Die zu Hause gebliebenen haben nichts verpasst. Eine mitreissende Rede der Kanzlerin war ohnehin von niemandem erwartet worden. Hier wurde ganz professionell eine völlig egale Wahlkampfrede abgespult, bevor die Kanzlerin weiterfuhr in den Hansa Park, um dort ein Karussell zu eröffnen, das schon länger geöffnet war. Auch ich hätte wohl ein längst eröffnetes Karussell eröffnet, um einen Grund zu haben, aus Mölln abzureisen. Einzig: mich hatte niemand gefragt und was hätte ich Bitteschön auch sagen sollen!?

Am Samstagmittag reiste ich ab und beschloss meine Klausur, in die mich ja wirklich und wahrhaftig zurückziehen habe wollen, in Los Angeles fortzusetzen. Auf den Bus nach Büchen, von wo ich mit einem ausgesprochen schönen tschechischen Zug weiter nach Berlin fahren sollte, wartend, buchte ich mir einen Flug an die amerikanische Westküste und war sehr froh über meine Entscheidung.

Durch meine Mölln-Pleite hatte ich glücklicherweise einen Großteil des Gallery Weekends verpasst und konnte mich so auf den angenehmen Teil dieser Kunstschau, an der sich über 40 Berliner Galerien beteiligt hatten und Werke von mehr als 1000 Künstlern gezeigt wurden, konzentrieren: das Soziale.

Das offizielle Dinner des Gallery Weekends fand in einer monströsen Halle in der Rummelsburger Bucht statt. Irgendeine Uhrenfirma hatte das ganze angenehm unauffällig gesponsert und es gab genügend Champagner für die geladenen Gäste (es müssen mehrere hundert, vielleicht auch tausende gewesen sein). Irgendjemand erzählte mir, dass dies das erfolgreichste Gallery Weekend aller Zeiten gewesen sein soll und ich vergaß zu fragen, wie man das denn feststellen würde.

Als ich am darauffolgenden Sonntagmorgen durch die Auguststraße und damit über die Galerienmeile schlechthin zu meinem Freund Rafael Horzon lief, um gemeinsam mit ihm zu frühstücken, bemerkte ich Scharen an sehr gut angezogenen, sehr wohlhabenden Kunstinteressierten und -studenten und fand plötzlich auch, dass das Gallery Weekend sehr erfolgreich war. So voll und belebt sollte die Auguststraße immer sein, dachte ich und wurde beinahe von einem weißen Bentley totgefahren (die Bürgersteige waren schlicht dermaßen überfüllt, dass ich auf der Straße gehen musste).

Rafael erzählte mir, welches nochmal das allerbeste Kunstwerk des Gallery Weekends war und ich vergaß es sofort. Aber es soll wirklich sehr gut gewesen sein.

Am Sonntagabend traf ich meinen Freund Moritz von Uslar, den ich schon lange hatte wiedersehen wollen. Weil wir hungrig waren, kauften wir uns eine Portion Pommes Frites und bekamen dann leider Süßkartoffelpommes. Damit hatte niemand gerechnet und wir waren zu höflich, um die Fritten zu reklamieren. Dabei sind Süßkartoffelpommes doch wirklich das allerletzte. Eine Pommes, finde ich, ist ein fertiges Produkt. Daran muss man nichts mehr ändern, es ist gut so, wie es ist und am allerbesten vielleicht sogar bei McDonalds. Die Pommes befindet sich in einer Gattungsfamilie mit dem Halbschuh von Dr.Martens und einem Pils. Bitte nicht ändern. Besonders schlimm und ungenießbar wird es bei Süßkartoffelpommes ja, wenn sie mit Ketchup gereicht werden. Das Tolle bei Pommes mit Ketchup ist schließlich die Kombination aus salzigem und süßem. Wenn diese Mischung auf einmal zu süß und süß wird, stimmt doch was nicht. Das kann ja gar nicht schmecken. Wir aßen nicht auf und kauften uns ein Bier beim nächstgelegenen Späti.

Das Bier nahmen wir klugerweise mit in den Kunstbunker der Eheleute Boros, die zur Eröffnung ihrer neuen Ausstellung geladen hatten. Klug war das deshalb, weil Moritz natürlich sofort wusste, dass uns „mindestens zehn Personen“ um unser Bier beneiden würden. Und so kam es auch. In den ehemaligen Bunkerräumen, in denen jetzt Kunst gezeigt wurde, gab es wie selbstverständlich ausschließlich Jahrgangschampagner von 2006. Für einige Gäste waren wir die Helden und vor allem doch auch für uns selbst.

Nach dem Gang durch die drei oder vier Stockwerke der Ausstellung, luden die Boros zum Empfang in ihr auf den Bunker gesetztes Penthouse, das ganz sicher zum allerstilsichersten gehört, was es so in Berlin zu sehen gibt. Hier stimmt immer alles (selbst der beiläufig in der Ecke der Dachterrasse stehende Gartentisch ist natürlich ein rarer Designklassiker aus den 1930er Jahren) und dementsprechend waren alle Gäste sehr gut drauf. Später am Abend kam mein Freund Paul Ronzheimer noch vorbei und wir vergaßen vor lauter guter Laune, dass wir ja eigentlich essen gehen wollten – aber zu dem Zeitpunkt hatte ich Christian Boros sowieso schon per Handshake versprochen als letzter nach Hause zu gehen. Das tat ich auch und verschlief so glücklicherweise den 1. Mai und damit denjenigen Tag der Arbeit, an dem in Friedrichshain der feuchte Alternativ-Spießer-Traum “Holzmarkt 25” Eröffnung feiern sollte. Puh!

Es war das gute Ende einer durchwachsenen Woche und nun wirklich Zeit für mich, nach Los Angeles zu fliegen.

Foto: Dennis Wisnia

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

Instagram