KW-16 2017: Was gewesen ist

Während am Montag noch alle wahnsinnig geschockt waren, vom eventuell nicht ganz sauberen Ergebnis des türkischen Referendums, das nun auch mit vielen Stimmen aus Deutschland Erdogan zu einem absolutistischen Präsidenten gemacht hat, habe ich den freien Ostertag genutzt, um bei Nieselregen in der Wohnung zu bleiben und sozialen Protektionismus zu betreiben.

Die Welt war schon wieder völlig verrückt und viel zu laut und deshalb schaute ich mir die letzten Folgen der zweiten Staffel von Judd Apatows Netflix-Serie “Love” an, in der sich die zwei Protagonisten mit ihrem eigenen kleinen Leben schon so schwer tun, dass sie sich nicht weiter mit Politik, also der Frage von Krieg und Frieden, beschäftigen mögen. Und auch das neue, schön anzuhörende Album des aktuell ja wirklich einzig ernst zu nehmenden Rappers, Kendrick Lamar, ist eine Abkehr von den großen Themen und ein Rückzug ins Private. Ich habe es mit Kopfhörern gehört, damit auch ja kein störendes Geräusch von der Welt da draußen zu mir durch dringen konnte.

Am Mittwoch eröffnete der deutsche Fotograf Juergen Teller, der sich das “ü” im Namen schon vor einigen Jahren weginternationalisiert hatte, seine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau. Die Fotoschau wird sicher ein voller Erfolg, auch wenn die meisten Werke bekannt sein dürften und sich auf Fotonetzwerken wie Instagram genau so gut anschauen lassen. Die ungeschönten, schnappschusshaften Porträts Tellers funktionieren, und das kann man sicher auch als Qualität sehen, gedruckt wie digital und klein wie groß. Oder eben auf, und da wird es dann schlimm kalauerig, Porzellanteller gedruckt, wie man im Martin-Gropius-Bau sehen kann.

Abends aß ich in der Mozzarella Bar und ich aß, wie ich es dort mittlerweile mindestens einmal in der Woche tue, eine Caponata. Mein Freund Christian Meister versuchte mich derweil von den Freuden des Aktienhandels zu überzeugen und erzählte mir von einer Simulationsapp, in der man ein Portfolio anlegen und damit handeln könne, ohne mit echtem Geld und also auch ohne echtes Risiko zu hantieren. Ich war nicht so recht überzeugt, da ich ja finde, dass realer Gewinn ein besserer Antrieb für den Zeitvertreib ist, als fiktiver Gewinn.

Zu diesem Zeitpunkt konnten wir ja noch nicht wissen, dass der Bombenattentäter aus Dortmund, der wenige Tage zuvor versucht hatte, den Mannschaftsbus des BVB zu sprengen und damit möglichst viele Leute zu töten, dies machen wollte, um den Börsenkurs des Vereins fallen zu lassen, und über so genannte Put-Optionen viel Geld zu verdienen. Geldgier und Aktienhandel, so verstand ich, sind böse und ich sollte die Finger besser davon lassen.

Später am Abend, in der Odessa Bar, traf ich dann wieder wahnsinnig viele Freunde und Bekannte und es wurde offenbar, dass es an einem späten Mittwochabend erschreckend wenig Alternativen gibt, ebenjene Freunde zufällig in Berlin-Mitte zu treffen. Hier ist doch Raum für eine gute neue Bar, dachte ich – und dachte auch kurz noch einmal zurück an meine fast schon wieder vergessene Idee, doch eine Striptease Bar namens “The Striptease” aufzumachen. Vielleicht würde ich auch in Berlin-Mitte eine Filiale gründen müssen, die allerdings immer nur Mittwochs geöffnet hätte.

Donnerstag kam mein Freund Tobias Holz auf seinem Weg von Mailand nach Kopenhagen, wo er seit ich ihn kenne, lebt, bei mir vorbei und erzählte mir von den Projekten, die er in Mailand und vorher in Zürich mit verschiedenen Künstlern für eine Werbeagentur umgesetzt hatte und ich freute mich sehr von diesem europäischen Leben zu hören. Genau so muss es sein, dachte ich und erschrak nur ganz kurz beim Gedanken daran, dass es vielleicht doch nicht für immer so bleiben würde, mit den offenen Grenzen und dem postnationalen Leben, in Europa.

Am darauffolgenden Morgen zwang ich mich früh, also schon um halb neun, aufzustehen, um einen Termin in Westberlin nicht zu verschlafen. Das wäre unhöflich gewesen und hätte mir ein schlechtes Gefühl für den Rest des Tages gegeben. Also fuhr ich mit einem DriveNow in den Westen, kam pünktlich, trank eher dünnen Kaffee und besprach mit einem potentiellen Geschäftspartner ein potentielles Geschäft, das wir vielleicht mit Dandy Diary machen würden. Wir blieben unkonkret und versprachen, uns bald weiter verständigen zu wollen. Danach ging ich im Schwarzen Café, das in der Kantstraße, der neben der Torstraße zweitschönsten und -wichtigsten Straße Berlins, frühstücken. In der Süddeutschen Zeitung laß ich den Artikel einer französischen Sozialistin, die darauf hinwies, dass die EU, also damals eigentlich noch die Montanunion, gegründet worden sei, um ein Wiedererstarken Deutschlands zu verhindern – und nun wäre ja aber doch genau das passiert: Deutschland sei stark und nutze das Vehikel EU um die übrigen Länder zu dominieren. Am Rechtsruck und Renationalismus in Europa sei daher, so habe ich den Artikel verstanden, Deutschlands Dominanz schuld. Ich riss die Seite leise aus der Zeitung, zahlte und ging.

Nachmittags traf ich David und mich mit ihm und einer Freundin von Levi’s auf einen Kaffee. Wir stellten unsere Idee vor, Jeansjacken mit Strasssteinen zu besetzen, wie es vor nicht allzu langer Zeit solch prollige Designer wie Ed Hardy oder Philipp Plein getan hatten. Uns wurde zugesagt, dass die Idee intern geprüft würde.

Am Freitagabend ging ich in das Geschäft meines Freundes Rafael Horzon und half ihm dabei, sein Lager auszuräumen. Wir mussten Platz schaffen, für die große Eröffnungsgala von “Horzons Wanddekorationsobjekte”, auf der am darauffolgenden Tag die “WDO 2.0” gezeigt werden würden. Also schmissen wir ungeöffnete Briefe von 2007 weg, lagerten alte Broschüren seiner Firma “Redesign Deutschland” um, bewahrten wichtige Dinge (Scientology-Bücher, ein Geodreick) auf und fanden zuweilen auch alte Fotos (Rafi mit Bürstenhaarschnitt, Christian Kracht mit afrikanischen Soldaten) und zwei abgelaufene Packungen Kaffee. Als das geschafft und das Aufzubewahrende auf zwei mittelgroße Pappkartons zusammengeschnurrt war, fuhr Rafi mich mit seiner 1989er S-Klasse noch im neuen Fotostudio des Fotografinnen-Duos “Eyecandy Berlin” vorbei. Dort traf ich Fanny und Juliette, die ganz bewegt waren, von ihrem neuen, wirklich sehr schönen Studio, und einige andere Freunde, die allesamt Rosésekt von Jules Mumm tranken. Es war ein schönes, pinkes Fest und um zehn vorbei.

Gegen Samstagmittag klingelte ein Bote an der Tür, der meine Tasche abholen wollte, die ich aber noch gar nicht gepackt hatte. Ich würde die kommenden Wochen in einem kleinen Dorf in der Natur, irgendwo im schleswigholsteinischen verbringen und hatte wohl einen Kurier beauftragt, meinen Koffer abzuholen. Der Mann musste unverrichteter Dinge wieder fahren, aber immerhin wurde ich so daran erinnert, dass ich noch würde packen müssen.

Erst einmal fand aber Rafis große Eröffnungsgala “WDO 2.0” statt und die war natürlich ein voller Erfolg. Von zwölf ausgestellten Wanddekorationsobjekten verkauften wir, das heißt: eigentlich verkaufte ich sie, da ich doch Verkaufschef des nun endlich florierenden Wanddekorationsobjekte-Imperiums bin, ganze vierzehn Stück. Wir würden also nachproduzieren müssen.

Nach dem mäßigen Erfolg (kein einziges verkauftes Exemplar) der ersten Generation Wanddekorationsobjekte, die wir für 600.000,- Euro pro Stück angeboten hatten, schlug die zweite Generation ein wie eine Bombe – was sicher auch am Preis und der inbegriffenen Wertsteigerung gelegen haben könnte: wir verkauften die WDOs im ersten Monat für 1.000,- Euro und in jedem darauffolgenden Monat verdoppelt sich der Preis. Nach elf Monaten beträgt er schon über eine Millionen Euro.

Die Gala war dementsprechend ein rauschendes Fest und die Stimmung höchstens noch vergleichbar mit der Party zum Börsengang der T-Aktie von Telekom.

Der Ulk-Rapper MC Fitti hatte sich eigens eine zur Farbe der Wanddekorationsobjekte passende neongelbe Sonnenbrille mitgebracht und erzählte mir noch schnell, dass seine nächste Single ein Cloud-Rap-Song sein würde, namens “Keine Macht den Drogen”. Dann trank er einen großen Schluck “Ice Tropez”, einer fiesen Zuckersekt-Mischung, wovon Philip Mollenkott auf unklarem Weg eine Kofferraumladung voll besorgt hatte, und dann machte ich noch schnell ein Foto von Rafis Sohn und Fitti, damit er damit auf dem Schulhof angeben kann.

Auf der offiziellen After Show Party der großen Gala in irgendeiner Kneipe in der Novalisstraße erklärten Rafi und ich uns später feierlich, dass wir uns nicht auf dem immensen Erfolg ausruhen wollen würden, sondern schon bald internationalisieren sollten. Unsere Geschäftsreise zur Decor-Expo nach Aserbaidschan war uns noch in guter Erinnerung und daran würden wir anknüpfen wollen. Vielleicht würden wir zur Dekorationsmesse nach Teheran fahren müssen.

Am Sonntag, also heute, habe ich einen fiesen Kater von den drei Schlücken “Ice Tropez” und verfolge mit großem Interesse die Wahl in Frankreich. Emmanuel Macron liegt aktuell mit 23% gleichauf mit Marine LePen und das ist schon ziemlich erstaunlich, immerhin ist er ein unabhängiger Kandidat. Für die Sozialisten und die Konservativen ist das alles natürlich brutal, sie sind, wie es ausschaut, raus. In der Modebranche wurde diese Entwicklung weg von gesichtslosen Institutionen, wie es zum Beispiel Magazine sind, hin zu einzelnen Personen, nennen wir sie zum Beispiel mal Influencer, vorweggenommen. Ist vielleicht doch keine so uninteressante Branche, in der ich da arbeite, denke ich und schlummere so langsam ein.

Foto: Samuel Smelty

Fotografiert auf der Feier von EyeCandy Berlin, während ich einen Glückskeks öffne, der mir meine Zukunft voraussagen sollte.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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