KW-15 2017: Was gewesen ist

Sämtliche Versuche, uns für einen anständigen Preis per Privatjet oder Hubschrauber an die Weinstraße nach Rheinland-Pfalz fliegen zu lassen, waren dann letztlich entweder am Anstand oder dem Preis gescheitert, woraufhin die nun fast vergangene Woche sehr früh startete: Montag, 4:32 Uhr, Hauptbahnhof Berlin.

David und ich fuhren also in nach wie vor geheimer Mission mit dem Zug, dem ICE, an die Weinstraße. Sechs Stunden hin und am frühen Nachmittag dann auch direkt wieder sechs Stunden zurück. Dazwischen hatten wir genau ein Meeting (ein sehr gutes!) und noch genug Zeit, zum ersten Mal in diesem Jahr Spargel zu essen, am Rheinufer in Mannheim. Die linke Zeitung Jungle World hatte sich zwar schon im Jahr 2010 über die merkwürdige Freude der Deutschen an den “fahlen, hohlen und geschmacksneutralen Wurzlen” gewundert, die aus staubigem Sand gezogen würden und die sonst niemand so recht auf der Welt essen mag, aber in ebenjenem Artikel, der mir heute eben nicht durch Zufall, sondern einen sicher sehr klugen Algorithmus in einen meiner Newsfeeds geleitet wurde, wird, so glaube ich, auch mein Freund Paul Ronzheimer verunglimpft und das ganz sicher zu unrecht.

Den Dienstag verbrachte ich damit, die Gedanken und Ideen vom Montag zu ordnen und nachmittags, als dann alles geordnet war, der weitere Weg glasklar vor mir lag und die Gedankenaufgabe damit erledigt, fuhr ich auf einem Coup-Elektroroller nach West-Berlin um mir dort in einem Showroom für Sonnenbrillen unter dutzenden Modellen die für mich und den nun doch wirklich bald kommenden Sommer passende auszusuchen. Ich entschied mich für eine Brille mit kleinen, runden, verspiegelten Gläsern von der Firma Dolce & Gabbana und war sehr glücklich. Vor Freude trank ich noch einen schnellen Kaffee in der Paris Bar und schämte mich nur kurz, kein Bier genommen zu haben, und dann setzte ich mich auch schon wieder auf einen Elektroroller und fuhr frierend am Tiergarten vorbei nach Hause. Der Sommer war noch nicht da und so blieb die neue Sonnenbrille, wegen der ich doch so froh war, jungfräulich.

Abends aß ich mit meinem Freund Zin Juan Klaft, einem sicher schon bald sehr bekannten Hirnforscher, wie ich es so oft tue, bei Lucky Star und ich aß die Nummer 86 und trank ein japanisches Bier. Alles war gut und Zin versuchte mir zu erklären, woran er gerade forscht. Ich verstand nicht viel.

Später am Abend besuchte mich dann noch der Jung-Podcaster Niels Ruf und spielte mir sämtliche bisher produzierten Folgen seines Podcasts “Radio Ruf” vor. Ich war zuweilen begeistert und so kam es, dass wir die beiden mitgebrachten Flaschen Wein namens “Claus Jacob” austranken und Niels plötzlich vor mir sein Mikrofon aufbaute und mich damit quasi als Gast in sein “Radio Ruf” einlud. Wir sprachen über dies und über das und ein Wort gab das nächste und wegen des Weins kann ich mich nicht mehr daran erinnern, um was es ging – sicher um Banales wie Religion, Mode und Frauen. Als wir fertig waren und auf meinem riesigen Sofa liegend Live Bootlegs von Metallica hörten, wie es echte Männer eben so tun, schworen wir uns, dass diese Folge von “Radio Ruf” für immer ein Gerücht bleiben und nie das Licht der Welt erblicken würde. Daran erinnere ich mich dann doch wieder sehr genau, Niels.

Am Mittwoch schlief ich lang und laß in den liegengebliebenen Zeitungen und Zeitschriften, weil ich doch neulich im Internet gelesen hatte, dass alle großen und angsteinflößenden Denker sich täglich mehrere Stunden Zeit nähmen, um zu lesen. Und ein großer, angsteinflößender Denker würde ich doch auch gern werden wollen. Außerdem hatte ich einen Kater und sämtliche Termine und sozialen Verpflichtungen abgesagt oder verschlafen und aus dem Bett wollte ich auch nicht so recht aufstehen.

Den darauffolgenden Tag war ich topfit, machte einige Telefonate, schrieb E-Mails und einen kleinen, unbedeutenden Blogpost und fuhr dann bis sehr weit in den Süden von Berlin, um dort mit David zusammen zu lernen, wie man die klassischen Cocktails “Mai Thai” und “Sex on the Beach”. Der Mischgetränkehersteller Thomas Henry, langjähriger Partner auf unseren diversen Partys, hatte uns in die hauseigene Bar eingeladen und es war ja schon immer unser großer Traum, diese Getränke in einem silbernen Shaker mixen zu können. Abends fuhren wir mit dem ICE in die Documenta-Stadt Kassel und kamen noch vor Sonnenuntergang an. Von der größten Kunstschau der ganzen Welt konnte ich nun schon erste Spuren sehen: große Gerüste, einige vereinzelte Plakate, sowas eben. Aufregung sieht jedoch anders aus. Kassel ist noch ganz ruhig und sehr bei sich selbst.

Am Karfreitag hörte ich mir Johann Sebastian Bachs Johannespassion in der Kasseler Martinskirche an und war sehr froh über das Begleitheft, das mir noch einmal erklärte, was ich bei den Solisten und dem Chor nicht immer ganz genau verstand: Bach lässt hier den Verrat Jesu, seine Verhaftung, die Anklage, seine Kreuzigung und die Beerdigung dramatisch besingen. Nach zwei Stunden war ich fix und fertig und froh, dass Jesus nun endlich zu Grabe getragen wurde.

Abends spielte ich mit meiner Mutter “Bao”, ein afrikanisches Mancala-Spiel, und verlor. Ich schlief gut und lang und fuhr am darauffolgenden Tag zurück nach Berlin.

Weil aber ja über die Ostertage nie auch nur irgendjemand in Berlin ist und auch das Wetter eher bedrückend war, fuhr ich mit meinen Freunden, dem Fotografen Peter Kaaden, dem Filmemacher Ruben Meier, und den beiden DJs Quid Haden und Philip Mollenkott in Peters dafür zu kleinem Sportwagen nach Ostdeutschland. Man hatte uns auf das Schloss Beesenstedt eingeladen und dorthin fuhren wir. Wir kamen pünktlich zum Abendessen und tranken danach ein paar Negronis an der Bar. Im Keller des Schlosses entwickelte sich ein veritabler Rave, dessen Bässe die Kronleuchter zittern ließen, und auf dem Gang zu unserem Zimmer mit der Nummer 16 flitzte eine kleine Maus entlang.

Irgendwann schliefen wir alle ein, es war genug, und am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns flüchtig und rasten mit Schmackes zurück nach Berlin. Am Steuer saß Philip Mollenkott, der DJ, der am Vorabend unter unserer großen Zustimmung beschlossen hatte, Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln zu werden.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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