KW-14 2017: Was gewesen ist

Während Giannina und ich am Montagabend im Restaurant “Altes Europa” saßen, aßen und den Geburtstag von JNC-Chefredakteur Thorsten Osterberger feierten, explodierte in St. Petersburg eine Bombe und seither denke ich viel über Europa nach und darüber, ob Russland dazu gehört oder nur der Westteil des Landes oder vielleicht auch nur St. Petersburg und warum der Anschlag die Menschen hier bei uns gar nicht so sehr angefasst hat, zumindest nicht so sehr, wie es wohl ein Anschlag in, sagen wir, Frankreich getan hätte.

Als Karl Marx im “Kommunistischen Manifest” vom alten Europa spricht, schließt er den Zaren, also den Herrscher über Russland, explizit mit ein, wie auch “französische Radikale und deutsche Polizisten”. Und auch “Kurban Said” rechnet Russland in seinem Knallerroman “Ali & Nino” zu Europa, weil man dort eben mit Besteck äße und nicht mit Stäbchen, wie sie es in Asien tun.

Am Dienstag flog ich mit 55-minütiger Verspätung (Grüße an Air Berlin!) nach München, das sehr sicher zum alten Europa gehört, nicht nur, aber auch wegen der vielen deutschen Polizisten. Mehrere dort ansässige PR-Agenturen hatten sich zusammengeschlossen und gemeinsam zu den in unserer Branche üblichen Press-Days geladen. Dort wird man so gut es geht hofiert und ganz nebenbei werden die neuesten Kollektionen der von den Agenturen betreuten Marken gezeigt, also trank ich schon zu früher Stunde Franciacorta, befühlte bei Prada wirklich sehr unaufgeregt schöne und zeitgemäße Herrenmode, suchte mir eine hellbraune Lederjacke von Versace aus, die man mir schenken wollte, und ließ mich anschließend mit einem Maserati zum Sofitel am Hauptbahnhof fahren. Diese Branche ist schon sehr besonders, dachte ich, und erwartete, wie schon so oft, unsanft geweckt zu werden, aus diesem irren, sehr campen Traum und zurückgeschickt zu werden, in das einfache Leben, ohne Schaumwein und Fünf-Sterne-Hotels. Wurde ich aber nicht, also ging es weiter, wie es scheinbar immer weiter geht.

Abends aßen wir ganz bodenständig Bratkartoffeln im “Schumann’s”, das sich wohlwollend gesehen englisch schreibt – oder weniger wohlwollend eben ein Deppenapostroph featured (wie übrigens viele gute Bars!). Charles Schumann -Besitzer, Namensgeber, Werbeikone und Barkeeperlegende – höchstselbst bediente uns und war angenehm knochig. Genau so muss es sein, dachte ich, und ärgerte mich darüber, dass ich in unserer Imbissbude “Dandy Diner” nicht auch selbst bedient hatte. Das würde ich ändern müssen, im neuen “Dandy Diner”, das wir doch bald eröffnen würden. Die Eleganz, die rockstarhafte Coolnes, ja, den Swag des Charles Schumann kann man, das wurde mir dann allerdings schlagartig klar, jedoch nicht kopieren. Jeder Versuch wird scheitern, also werde ich es wohl doch lassen müssen – der Ehre wegen. Ich hatte wohl auch schon ein wenig getrunken.

Am auf den Abend im “Schumann’s” folgenden Morgen ging ich, wie ich es am liebsten mache, mit den Frottee-Hausschuhen in den Frühstücksraum des Sofitels, in dem auffallend viele Frauen mit Kopftuch saßen. Bevor ich mich dazusetzen konnte, wurde ich allerdings sehr diskret von einem Hotelangestellten beiseite genommen und gebeten, mir doch andere Schuhe anzuziehen. Ich war entsetzt. Sowas war mir noch nie passiert. Ich würde mein Hotelleben völlig neu denken müssen. Bislang schien mir der Frühstücksraum immer ein liberaler Ort zu sein, an dem man, im Gegensatz eben zur Bar oder dem Restaurant, sein konnte, wie man eben ist. Am kommenden Tag würde ich mir das Frühstück aufs Zimmer bringen lassen, dachte ich (und tat es dann aber doch nicht).

Nach dem Frühstück ging ich erst schwimmen und besprach anschließend, wie man das als erfolgreicher Geschäftsmann eben so macht, in der Sauna mit David, der ebenfalls nach München gereist war, unsere anstehenden Projekte. Wir einigten uns auf mehr Radikalität. In der Sauna waren wir ganz allein und ich stellte zufrieden fest, dass Hotelsaunen mit zu den besten Orten der Welt gehören.

Nach einem mickrigen Saunagang ging ich zurück aufs Zimmer und arbeitete vom Bett aus an einigen wohlfeilen Sätzen, die ich dann wieder löschte und schrieb stattdessen eine kurze Schmähung über das neue Modelabel von Justin O’Shea, von dem ich nicht mehr kannte, als den halben Druck eines T-Shirts.

Am Nachmittag besuchten David und ich den Showroom von Hugo Boss und wir ließen uns dort den enormen Aufwand erklären, den das Unternehmen aus Metzingen mit Modenschauen auf der ganzen Welt und exzellenten Runway Pieces betreibt, um dann doch vorrangig schwarze und dunkelblaue Anzüge zu verkaufen. Runway Pieces, das sei hier für den Unwissenden oder -interessierten Leser kurz erklärt, sind Kleidungsstücke, die nur für den Laufsteg produziert werden und so gut wie gar nicht in der Verkauf gehen. Hierbei geht es nur darum einen ordentlichen Blickfang zu produzieren, der dann von der Presse und Blogs gezeigt wird und das Modelabel aufwertet beziehungsweise modisch positioniert. Im Laden hängt dann meist was anderes, das sich eben besser verkauft, weil es klassischer ist und den Kundenwünschen entspricht (schwarzer und dunkelblauer Anzug).

Anschließend gingen wir zu Joop, wo man uns stolz erzählte, dass die von Gründer Wolfgang Joop schon vor Jahren verkaufte Marke nun die ehemalige Villa des Namensgebers in Hamburg gekauft habe. Wir hielten das für eine gute Entscheidung, quasi das Haus des Ex zu kaufen. Dann schauten wir uns noch ein paar andere Showrooms an, bewunderten die immer teurer werdenden und nun auch in gold erhältlichen Hartschalenkoffer von Rimowa und tranken Champagner.

Beim gemeinsamen Abendessen mit den Damen der PR-Agenturen, Bloggerkollegen und Modejournalisten erzählte mir meine Sitznachbarin dann, dass die ehemalige Chefredakteurin des in der Branche sehr geschätzten Magazins “In Style” nun auch einen Blog betreibe, beziehungsweise eben keinen Blog, sondern ein “Blogazine”. Den Unterschied konnte sie mir dann auch nicht erklären. Auf dem Instagram-Account des Blogazines zeigt sich die Ex-Chefredakteurin nun kess mit Baseballcap neben zwei Müllmännern. Uff. Beklemmend und sehr klein, dachte ich noch und sagte nichts. Und nun steht es hier, weil es doch wahr ist.

Der Donnerstag begann mit Sonne in München und einem Frühstück in geschlossenen Schuhen. Der Rüffel vom Vortag zeigte in meinem vorauseilenden Gehorsam Wirkung. München war schon immer sehr streng gewesen und die Menschen hatten sich hier seit jeher den Obrigkeiten gebeugt.

In der Lobby des Hotels netzwerkten, als ich dann mit üblicher Verspätung gegen 12.45 Uhr aus meinem Zimmer auscheckte, hektisch viele Männer in schwarzen und dunkelblauen Businessanzügen. Hier hatte wohl ein Wirtschaftskongress stattgefunden und ich dachte, dass wohl einige von den Herren Hugo Boss trügen und dass denen die Runway Pieces, die mit großem Aufwand bei den Modenschauen in New York, Florenz und Shanghai gezeigt würden, völlig egal seien und sie von dieser Parallelwelt wohl nie etwas mitkriegen, sie über ihren jährlichen Anzugkauf aber finanzieren würden.

Nachmittags ließ ich mir im Showroom von Swarovski Edelsteine zeigen und unter anderem auch einen vernähbaren, mit edlen Steinen besetzten Stoff mit dem schönen Namen “Crystal Mesh”. Nun hatte ich genug gesehen und flog mit 120-minütiger Verspätung (Grüße an Air Berlin!) zurück nach Hause.

Am frühen Freitagmorgen brachte ich Giannina zum Flughafen, weil sie doch nach Los Angeles – was sicher nicht mehr “altes Europa” ist, auch wenn die dortigen Restaurants sich alle Mühe geben, diesen Umstand in Vergessenheit geraten zu lassen – fliegen musste, um dort für die nächsten Monate zu leben. Nachmittags hatte ich dann noch ein, zwei Meetings, ließ mich in einer Berliner PR-Agentur mit Polohemden von Fred Perry beschenken und führte ein Stadtmagazin durch das Viertel in dem ich wohne, um meine Lieblingsecken zu zeigen, wurde aber nicht so recht froh und ging einsam, wie ich von nun an eben sein sollte, früh schlafen (22.17 Uhr).

Am darauffolgenden, dem Samstagmorgen holte mein Freund Rafael Horzon mich in meiner Wohnung ab und wir fuhren gemeinsam in die Berliner Dependance des Kunst-Auktionshauses Villa Griesebach in Charlottenburg. Dort sollte Rafi einen Vortrag über Günter Fruhtrunk und dessen Streifenbilder halten und natürlich sprach er dann vor allem über sich selbst und die Wanddekorationsobjekte, die wir seit einigen Jahren erfolglos zu verkaufen versuchen. Diese hätten, um das hier kurz zusammenzufassen, mit den Streifenbildern von Fruhtrunk, der vor allem wegen seines Designs der Aldi-Tüte bekannt ist, für das er damals 1.000,- D-Mark erhalten haben soll, rein gar nichts zu tun, weil Fruhtrunks Arbeiten Kunst seien und die Wanddekorationsobjeke, der Name sagt es schon: Wanddekorationsobjekte. Der Vortrag war ein voller Erfolg und in dessen Anschluss verkaufte das Autionshaus sämtliche angebotenen Fruhtrunk-Werke. Die Modebranche, dachte ich nur ganz kurz, ist vielleicht doch nicht die perverseste aller Branchen.

Abends ließ ich mich vom Sportschuhhersteller Adidas zum Besuch eines Basketballspiels von Alba Berlin in der Mercedes Benz-Arena in Friedrichshain einladen und hatte sehr viel Spaß dabei, mir die Cheerleader und die Fans anzuschauen und ein bißchen auch das Spiel selbst.

Den Abend und irgendwie auch das ganze Wochenende ließ ich dann in einer tschetschenischen Schwulenbar in Berlin-Schöneberg ausklingen, in die ich durch glückliche Zufälle mit meinen Freunden Peter, Philip, Quid und Ruben reingeraten war. Wir waren die einzigen Gäste und einer der Betreiber zeigte uns seine frisch genähten Stichwunden am Bauch. Es war ein guter Abend und schon wieder eine wahnsinnig aufregende Woche. Ich schlief tief und lang und es gab viel zu träumen.

Foto: Dennis Wisnia

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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