KW-13 2017: Was gewesen ist

Es war immer noch Frühling, am Montag in Berlin. Die vergangene Woche startete also gut, wenn nicht gar von ihrer besten Seite und weil ich Hunger hatte, traf ich mich zum Mittagessen mit meinem Freund Moritz von Uslar bei seinem und zusehends auch meinem Stammitaliener “Mozzarella Bar & Bottega – Al Contadino sotto le Stelle” in der Auguststraße. Auf eigenes Risiko, denn manchmal käme die Polizei und würde Ärger machen und darauf hatte der Wirt so gar keine Lust, stellten wir unseren Tisch ganz nah an die Kreuzung, mitten auf den Gehweg, und damit voll in die Sonne und aßen die Tagespasta und diese köstliche Aubergine und tranken genau den einen Espresso zu viel, von dem die Hände dann zittern und auch die Gedanken.

Moritz fiel mein weißer Nagellack auf, der mir schon lange nicht mehr aufgefallen war und ich erzählte ihm dann, wie schön es in Kuba war und erinnerte mich, dass ich davon ja auch hier auf dem Blog hatte schreiben wollen, aber noch nicht dazu gekommen war. Wir besprachen auch, dass es leider so wahnsinnig schlecht klappt, gute Gespräche, zum Beispiel an der Bar oder eben in der Sonne vor einem italienischen Bistro, zu übertragen, zu vervielfältigen, sei es mittels Papier oder Video. Dann kickte der letzte Espresso voll rein und wir trennten unsere Wege. Zuhause legte ich mich zitternd hin und las im Spiegel auf Seite 54 und den folgenden von Trump-Wählern aus Minnesota und ihrer geistigen Verfasstheit.

Später am Tag trafen David und ich uns und berieten über den Sinn einer “Brand Bible”, einer “Corporate Guideline”, einer gedruckten Anweisung zur Ästhetik unseres Fast Food-Imperiums DANDY DINER. Ziel sollte es sein, sämtliche Filialen zu vereinheitlichen, bis hin zum Verhalten und Aussehen der Mitarbeiter (letzteres natürlich angepasst an regionale Besonderheiten). Dieses Projekt würde viel Arbeit kosten, wäre es doch nicht weniger als die Verschriftlichung unserer großen Vision von der Zukunft des Essens.

Dann trafen wir meinen alten Studienfreund Quid Haden, den wir per Handschlag als Betriebsleiter in unserer nächsten Filiale einstellten. Es ging vorwärts.

Am darauffolgenden Tag, dem Dienstag, gingen wir dann auch direkt mit Quid in die neue Filiale, um ihm alles zu zeigen und seine Meinung zum Ort zu hören. Von meiner Wohnungstür bis zur DANDY DINER Filiale 002 benötigte ich exakt 17 Minuten. Ich hatte mir per App einen Elektro-Roller der Firma “Coup” geliehen und das kleine Ding war sogar noch schneller als die Motorrädchen der Konkurrenzfirma “Emmy” (vormals: “Emio”), die ohnehin schon sehr schnell fahren. Mit dieser ersten Fahrt auf einem Elektro-Roller durch die warme Stadt war für mich der Sommer eingeleutet. Ein Zurück würde es nicht geben.

Abends saß ich mit meiner Freundin Giannina im Weinbergspark und trank eine leichte Weißweinschorle in der untergehenden Sonne, während sich direkt neben uns die Mitgliederinnen der lesbischen Hardcore-Metal Band “Kill Her First” betranken. Wir machten gemeinsam ein Selfie und dann mussten wir auch schon los, weil wir uns doch mit unseren Freunden Manusia und Polina verabredet hatten, um später erst im Quelleck, der besten Eckkneipe Berlins, und noch später in einer Karaoke-Bar im Prenzlauer Berg zu landen. Es blieb also nicht genug Zeit, sich über den Stand der lesbischen Hardcore-Metal-Szene in Europa zu informieren, was schade ist.

Im Quelleck hielt mein neuer Freund, der amerikanische Neurowissenschaftler Dar, einen langen, tiefen und ultra-smarten Vortrag über die Trump-Regierung und deren Verstrickungen mit Russland und bei ihm klang das alles sehr fundiert und kein Stück nach Verschwörung und uns allen wurde Angst und Bange und am allermeisten wohl Dar, der bald von Berlin wieder in die USA ziehen würde. In der Karaoke-Bar performte Dar dann “All The Small Things” von Blink 182 und das überraschte mich einmal mehr.

Nachdem ich in einem wenig konkreten Text geschrieben hatte, dass mir Frankfurt so gut gefallen würde und es eben von nun an für mich das neue Ding sei, überhäuften mich Nachrichten, die das entweder komplett genauso oder eben überhaupt nicht so sahen. Dass das Thema Frankfurt dermaßen emotional aufgeladen war, war mir nicht bewusst gewesen und ich fühlte mich dadurch darin bestätigt, diese Stadt hochspannend zu finden.

Am Donnerstag fuhr ich wieder hin. Zum einen, um in einem Apfelweinlokal zu Mittag zu essen und zum anderen, weil unser Anwalt, wie alle guten Anwälte, in Frankfurt sitzt und David und ich eben einen Termin dort hatten. Und Frankfurt zeigte sich schon wieder von seiner besten Seite, als wir von Bockenheim bis nach Sachsenhausen liefen. Auf dem Weg kamen uns hunderte, wenn nicht gar tausende Menschen in Businessanzügen entgegen, die Sonne schien kräftig und wir sahen, dass hier Geld war. Unsere Geschäfte würden uns sehr bald wieder nach Frankfurt führen müssen, bestätigten wir uns gegenseitig diesen Eindruck.

Nachmittags fuhren wir dann nach Kassel, wo niemand mit einem Anzug rumlief. Vom ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe nahmen wir ein Taxi in die Wolfhager Straße, die vor allem für ihren Straßenstrich bekannt ist. Zwischen Rotlicht- und Studentenszene (die Universität fängt zwei Blocks weiter an) besichtigen wir eine alte Tofu-Fabrik, die wir gern mieten würden. Von der anstehenden Mega-Kunstschau “documenta 14” sahen wir noch nichts und es scheint auch längst noch nicht alles fertig zu sein und fest zu stehen, was dort ab dem 10. Juni passieren soll. Ein Millionenpublikum wird wohl kommen, soviel ist klar, und die documenta wird zeigen, was Kunst ist und damit, was teuer werden wird, in den kommenden Jahren. Hier, im grauen, tristen, im Krieg der Stahlindustrie wegen zerstörten, in den 1950er Jahren hastig wieder aufgebauten Kassel, werden in einem kurzen Sommer Karrieren gemacht. 160 Künstler wurden dafür ausgewählt (die Sammlung Gurlitt wird leider aber doch nicht gezeigt, obwohl Kurator Adam Szymczyck das öffentlichkeitswirksam in Aussicht gestellt hatte).

Bleiben wird in Kassel wie immer ein Kunstwerk, das die Bürger der Stadt kaufen und in die Stadt stellen – und dann bleiben noch und wieder fünf bleierne Jahre, in denen eben nichts passiert und die Stadt mit sich allein bleibt.

Das Wochenende habe ich im Ski-Sport-Ort Willingen verbracht, wo ich einst ein bisschen aufgewachsen bin und natürlich war alles viel kleiner, als ich es in Erinnerung hatte – und auch nicht so schön und isyllisch. Auch die beiden architektonisch sehr besonderen Kirchen, die spitze katholische und die blockartige Betonkirche der Protestanten, beide Mitte der 1960er Jahre erbaut, wirkten trotz ihrer Massivität nicht mehr ganz so groß, wie ich eben dachte.

Weiter weg von der weltgewandten, jetsettenden Kunstwelt und der documenta kann man trotz der wenigen Kilometer Luftlinie kaum sein: Nach Willingen kommen vor allem Wochenendtouristen aus dem Ruhrpott, die sich hier betrinken wollen und im Winter noch ein paar Skifahrer. Dabei schmeckt das örtliche Pils nichtmal besonders und die Hänge sind auch nicht sehr steil. Zwei Nächte waren genug und vielleicht reicht das jetzt auch fürs Leben.

Jedenfalls saß ich ganz froh am Sonntagabend wieder im Zug, fuhr schwarz durch Deutschland und schlief ein. Kurz vor Berlin wachte ich auf. Ich hatte nicht geträumt.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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