Wenn Konsumgeilheit plötzlich cool ist

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Sich dem Kaufrausch hinzugeben und das Lechzen nach Konsum förmlich abzukulten, ist Normalität geworden. Nun reagiert die Mode darauf. Natürlich ironisch – wie man das heute eben so macht.

Dass Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle bei vielen Kaufentscheidungen spielt – ja, mag sein. Genauso wenig leugnen kann man eine gewisse Blindheit und Kurzsichtigkeit und eine zunehmende “Alles Egal”-Haltung bei den überwiegend jungen Kunden von Primark, H&M und Zara.

Abseits des bewussten Nicht-Konsums und des unbewussten Über-Konsums gibt es aber auch noch eine dritte, zwar wesentlich kleinere, aber nicht minder interessante Strömung: Die des bewussten Über-Konsumierens , bei der sich der Käufer wohl bewusst ist, etwas Unsinniges und Kurzlebiges zu kaufen, sich aber gerade darin frönt. Das Gefühl, Geld ausgeben zu können für etwas, was im Prinzip völlig nichtig ist, wird zum lässigen Statement.

Dieses Verhalten soll hier gar nicht gewertet werden, bin ich doch selber nicht frei davon und ist diese neue Art des Konsums auch viel mehr auf eine genau darauf ausgerichtete Politik und Marken und Werbung zurückzuführen als auf ein plötzliches Aussetzen der Reflexion auf Konsumentenseite.

Viel interessanter ist außerdem, wie die Mode auf das Phänomen reagiert. Konsum ist jetzt cool, und damit der Weg frei für eine öffentliche “Markierung” des Konsumenten.

Der New Yorker Designer Telfar Clemens, der unter dem Namen TELFAR seit 2003 sein eigenes Label betreibt und über den wir hier schon einmal berichtet haben, hat bereits vor einigen Saisons Sweater mit großflächigen “CUSTOMER-“Prints versehen.

TELFAR ist Teil der diesjährigen Berlin Biennale. In der Akademie der Künste, am Pariser Platz zwischen Adlon und amerikanischer Botschaft (gewissermaßen im Auge des Überfluss-Orkans), kann man sich nicht nur eine großartige, weil zukunftsträchtige Ausstellung anschauen, sondern auch Merchandise kaufen, dass Telfar Clemens anlässlich der Biennale entworfen hat. Darauf geschrieben steht wahlweise “Publikum” oder – auf dem Rücken platziert – “Personal”.

 

Natürlich erinnert all das sofort an den vielbesprochenen Polizei-Parka von Vetements. Vielleicht nicht unbedingt einfallsreicher, aber ein Stück weit tiefgreifender sind die T-Shirts und Sweater von TELFAR aber dann doch. Sie outen den Träger nämlich als genau das, was er ist: Der Besucher einer Ausstellung oder eben den Käufer eines überteuerten (80€) T-Shirts. Das ist ja aber, wie oben im Text zu lesen, mittlerweile nicht nur völlig in Ordnung, sondern sogar angesagt. Noch dazu spielt TELFAR so konsequent überspitzt mit der Thematik, dass das riesengroße Augenzwinkern der Entwürfe deutlich mehr Sympathien hervorruft als die einfachen Kopien bei Vetements.

Ebenfalls auf den Zug aufgesprungen sind nun auch unsere Freunde von Soulland aus Kopenhagen, die ihre Entwürfe nicht ironiefrei als Merchandise kennzeichnen. Und das auch noch in der von jedem Grafiker dieser Welt meistgehassten Schriftart: Comic Sans. Die habe ich bisher nur auf so ziemlich jeder Einladung zu Kindergeburtstagen gesehen, die ich im Alter von vier bis 13 Jahren haufenweise bekam.

Jetzt ist Comic Sans also in der Mode angekommen. Und mit der wohl beschissensten aller Schriftarten auch ein großes Zugeständnis an den Mainstream, den Konsum, den Kaufrausch und an uns, die Konsumenten: Kaufen ist jetzt cool, mag es noch so hemmungslos, realitätsfern, unsinnig und außerhalb des Budgets sein. Willkommen im Überfluss.

Category: News

Tags: Merchandise, Soulland, Telfar

Von: David Jenal

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