Julian Zigerli über Unterwäsche, Homosexualität und die Geschwindigkeit der Modebranche

Julian Zigerli ist derzeit mit großem Abstand der wichtigste Schweizer Designer. Seine Show während der Berlin Fashion Week im Sommer 2015 hat ein großes Medienecho hervorgerufen. Logisch, dass wir als Zigerli-Jünger der ersten Stunde mehr über die Schaffensweise, seine (Wahl)heimat Zürich und seine Sicht auf die aktuelle Situation der Modebranche erfahren wollten.

Wir treffen Julian an einem frühen Freitag Nachmittag in seinem Studio in Zürich. Es herrscht kreatives Chaos. An der Wand hängt das Moodboard für die neue Kollektion, Kleiderstangen sind voll mit Samples und eine Mitarbeiterin räumt nach einem Event am Abend zuvor den Store auf, der direkt neben dem Studio liegt. An seinem Schreibtisch steht uns Julian Rede und Antwort.

Wenn man hier in Zürich landet, fällt einem sofort auf: Alles ist sauber, schlicht und ein teilweise fast ein bisschen langweilig.

Ist die Stadt gewissermaßen ein Gegenpol zu Deinen Kollektionen und zur hektischen Modebranche?

Gegenpol würde ich nicht sagen. Ich bin zwar nicht der ordentlichste Mensch, aber wir sind schon sehr aufgeräumt und haben eine klare Struktur bei dem, was wir tun. Man gewöhnt sich auch schnell an die Sauberkeit. Wenn wir ein Event hier im Store machen, schmeißen wir am Abend einfach die Kippen auf die Straße und am nächsten morgen ist alles weg. Das ist wirklich geil!

Außerdem kann ich überall mit dem Fahrrad hinfahren. Und obwohl Zürich sehr klein ist, passiert enorm viel. Das Nachtleben ist gut und es geht immer irgendwas. Und ehrlich gesagt habe ich meinen Umzug von Berlin nach Zürich nicht als einen so starken Wechsel wahrgenommen, meine Stimmung hat sich eigentlich nicht geändert.   

Du hast mit dem Schweizer Unterwäsche-Label Zimmerli zusammengearbeitet. Wie kam es dazu? Wie lief die Zusammenarbeit?

Mit Zimmerli haben wir eine Capsule-Kollektion gemacht, die im Februar in die Stores kommt. Schon als ich mit meinem Label angefangen habe, dachte ich: Zimmerli und Zigerli, das würde so gut passen, allein schon wegen dem Namen. Die Kollektion heißt jetzt „Zimmerli by Zigerli“.

Über einen gemeinsamen Bekannten kam letztlich der Kontakt zustande und nach einem Treffen hatten die bei Zimmerli anscheinend auch Lust drauf.

Das Qualitätsniveau bei Zimmerli ist unglaublich hoch, die Materialien sind einzigartig. Das Ganze hat sehr viel Spaß gemacht und herausgekommen ist eine schöne Kollektion, bestehend aus Loungewear, Swimwear, Panties, Boxershorts und Briefs.

Was ist angesagte Männerunterwäsche? Gibt es einen Markt dafür?

Es gibt definitiv einen Markt dafür. Calvin Klein ist so 0815. Ich liebe Unterwäsche und fand es daher super, meine eigene Unterwäsche zu machen.

Kürzlich habe ich auf Instagram ein Label aus Japan entdeckt, die versuchen, neue Formen von Unterwäsche zu kreieren. Ich habe schon das Gefühl, dass da gerade etwas passiert, aber letztlich ist man doch sehr eingeschränkt.

Siehst Du eine Entwicklung des Modestandorts Schweiz? Gibt es neben Dir interessante, junge Designer?

Es passiert definitiv etwas. Seit ich auf dem Markt bin, gibt es die Plattform „Mode Suisse“, die jungen Designern eine Bühne in der Schweiz bietet, was dringend nötig ist. Die Schweiz wird überhaupt nicht mit Mode in Verbindung gesetzt. Lange Zeit ist gar nichts passiert, deshalb ist das auch verständlich.

Mit der „My Daddy was a Military Pilot“-Kollektion gab es bereits eine von Deinem Umfeld inspirierte Kollektion. Könntest du Dir vorstellen, eine Kollektion mit Bezug zu Zürich oder der Schweiz zu machen?

Meine erste Kollektion nach dem Studium, „Over Sticks and Stones“, hatte dieses Thema. Ich habe zu der Zeit meinen Standort von Berlin in die Schweiz verlegt.

Und eine Kollektion mit Familien-Bezug kommt jetzt wieder. Die Kollektion heißt „Larger Than Life“ und bezieht sich auf meine Familie, die Familie Zigerli. Das wird vielleicht nicht so deutlich, da ich wie immer alles ziemlich runtergebrochen habe. Aber die Message bleibt: Es gibt ganz wenige Dinge, die wichtiger sind als die Familie.

Du reist job-bedingt durch die Welt. Welche Stadt ist am schnellsten, was Mode, Kunst und Musik angeht?

Los Angeles ist bestimmt extrem wichtig geworden. Jeder Hipster ist in letzter Zeit nach L.A. gezogen, was ja eigentlich für die Stadt spricht (lacht). Im März machen wir dort auch ein kleines Event.

Wie viele Mitarbeiter hast du hier in Zürich? Was sind ihre Aufgaben?

Wir haben hier 2-3 Praktikanten pro Saison. Darüber hinaus habe ich eine Produktionsmanagerin, eine Sales Managerin und ein Finanz Manager. Wir sind ein sehr eingespieltes Team und unterstützen uns gegenseitig wo es nur geht.

Was ist deine Vorgehensweise beim Designen einer Kollektion?

Es gibt verschiedene Wege. Bei „My Daddy was a Military Pilot“ habe ich mit einem Titel begonnen, was selten ist. Manchmal gibt es Stimmungen, einen gewissen Vibe, den ich vermitteln will. Im Entstehungsprozess geht dann letztendlich alles Hand in Hand. Die Stoffauswahl, Farben, Schnitte, Prints und Details entstehen im Prozess, alles muss aufeinander abgestimmt sein.

Hast du für den Prozess heute weniger Zeit als vor ein paar Jahren?

Das ist unterschiedlich. Dieses Jahr haben wir ganz früh mit der Kollektion angefangen. Zum Ende hin hatten wir natürlich wieder Stress. Man kann noch so früh anfangen, zum Schluss wird es immer knapp. Ich mag, wenn ich eine Deadline habe und es eng wird, dann handeln wir automatisch intuitiver. Wir diskutieren im Team sehr viel, experimentieren und probieren aus. Manchmal entsteht dann etwas „Out of the Blue“. Mit der Zeit wird man auch abgebrühter. Ich weiß mittlerweile, dass es meisst funktioniert, was wir machen. Wir haben weniger Druck als früher.

Schriftsteller sprechen von der Angst vor dem weissen Papier. Kennst du die Angst, keine Ideen mehr zu haben?

Wir machen um die 45 Styles pro Saison, das ist nicht wenig. Und natürlich gibt es im Designprozess immer wieder Situationen, in denen ich weiß: Eigentlich muss ich noch eine Jacke machen, eigentlich habe ich noch diesen Stoff, aber mir fällt nichts dazu ein. Dazu kommt, dass wir jede Saison neue Styles bringen wollen und nicht einfach Teile aus der Vorsaison mit neuen Prints „kopieren“ wollen. Bis jetzt hat aber immer alles geklappt.

Wie schwer fällt der Kompromiss zwischen Vision und Kommerz?

Ich mag Kommerz. Popkultur ist für mich Kommerz und ich liebe Pop. Wir bewegen uns in einer avantgardistischen Kommerz-Schiene. Wörter wie Liebe, Happyness und Freundschaft setzt man mit Zigerli in Verbindung und diese Werte zelebrieren wir auch. Und bei Pop geht es ja immer um genau diese Themen. Meine Vision ist also in Teilen Kommerz, daher geht das ganz gut zusammen. Die Verarbeitung, Die Stoffe und die Details haben aber letztendlich nichts mit Kommerz zu tun. Das kriegt man nicht in jeder Fußgängerzone.

Du hast mal mit Künstlerin Katharina Grosse zusammengearbeitet. Wie lief die Kooperation ab?

Das war zur Spring/Summer Kollektion 2014. Ich hatte begonnen, mein Moodboard aufzubauen. Eines der Bilder an meiner Wand war von Katharina Grosse, ohne dass ich wusste, dass es von ihr ist. Eine Freundin von mir kannte sie, und plötzlich habe ich realisiert: Da gibt es jemanden, der genau das macht und kann, was ich mir für die Kollektion vorstelle. Ich habe ihr dann eine Email geschrieben, sie fand mein Projekt spannend und so kam es zu der Kooperation. Ich habe ihr einen Menschen als Fläche für ihre Kunst geboten, also eine dreidimensionale Leinwand.

Du arbeitest ja öfter mit Künstlern zusammen.

Ja. Ich suche nicht gezielt danach und mache das auch nicht jede Saison. Aber wenn sich etwas ergibt, bin ich da immer sehr offen und interessiert.

In der Mode muss man weit im Voraus denken. Wie schwer fällt dieser Blick in die Zukunft?

Ich glaube man hat da ein Gefühl dafür oder eben nicht. Ich forsche nicht nach Trends, das interessiert mich nicht. Eine Garantie für den Erfolg gibt es nie. Bis jetzt hat es immer funktioniert, manchmal bin ich sogar ein bisschen zu früh dran. Wenn ich mit meinem Team arbeite, denken die sich während dem Designprozess oft: Was genau machst du da? Wenn die Kollektion dann im Laden hängt, verstehen sie es dann.

Die Grenzen zwischen Männer-und Frauenmode, aber auch saisonalen Grenzen verblassen immer mehr. Ist der AW SS-Rhythmus überholt?

Nein. Wir brauchen einen Rhythmus, sonst macht ja jeder was er will. Die Mode-Industrie ist so vollgestopft mit Terminen, das würde sonst gar nicht funktionieren.

Viel problematischer finde ich Dinge wie Mid-Season Sales. Das zerstört alles, das ist total absurd. Warum soll man noch zum vollen Preis verkaufen, wenn nach wenigen Wochen sowieso alles reduziert ist? Wir haben da klare Regeln, vor Weihnachten gibt es bei uns keinen Sale. 

Deine Show in Berlin im Juli hat ein unglaublich großes Medienecho hervorgerufen. Welchen Einfluss hatten die Berichterstattungen auf den Verkauf?

Leider gar keinen. Wir zeigen seit 2012 in Berlin, verkaufstechnisch hat sich in Deutschland nichts geändert. Deshalb zeigen wir diesen Winter auch nicht mehr in Berlin. Derzeit gibt es keinen Shop in Deutschland, der unsere Sachen verkauft. Wir machen die nächste Show in Paris.

Was ist dein wichtigster Absatzmarkt?

Asien war von Anfang an wichtig, da kommen aber seit ein paar Jahren nicht mehr Stores dazu. Seit einer Woche haben wir hier jetzt einen neuen Plan (lacht). In diesem Jahr machen wir eigene Pop-Ups. Im April kommen wir nach Berlin! Das ist zumindest der Plan.

Du zeigst seit vielen Jahren in Berlin auf der Fashion Week. Wie siehst du die Entwicklung?

Berlin als Modestandort ist mega cool. Aber es gibt einfach relativ wenig Geld. Und aus meiner Sicht hat sich nicht wirklich viel getan. Bei der Fashion Week passiert immer wieder was, der Kronprinzenpalais ist eigentlich eine gute Idee. Da darf ich aber nicht zeigen, weil ich Schweizer bin. So funktioniert die Mode nicht, Mode ist international. Man hat das Gefühl, dass es in Berlin viele Leute gibt, die von den Designern profitieren, aber nichts von diesem Profit zurückgeben. So kann nichts neues entstehen oder wachsen, das ist schade.

Wie viel hat Mode für dich mit Sex zu tun?

Ich hab immer ein bisschen Sex in meinen Kollektionen und mag das auch. Es ist aber nicht wirklich ein plakativer Sex, sondern mehr ein lustiger, stilvoller Sex (lacht).

In deinen Kollektionen gibt es immer wieder relativ androgyne Styles. Was ist dein Bild vom modernen Mann im Jahr 2015?

Der Mann wurde definitiv moderner, modischer und selbstbewusster. Das sieht man auch an der Zahl der neuen Menswear-Labels. In Basel bin ich Gastdozent für den Masterstudiengang und dort sind mittlerweile fast 50% der Abschlussarbeiten Männerkollektionen. Das Ganze gleicht sich immer mehr aus.

Du bist homosexuell. Warum gibt es eigentlich soviel schwule Designer?

(Lacht) Es gibt auch viele Hetero-Designer, oder? Ich glaube, die Frage ist viel eher: Warum gibt es so viele Männer, die erfolgreiche Designer sind?

Woran liegt das?

Als Mann sich für Modedesign zu entscheiden, gilt in unserer Gesellschaft immer noch als untypisch. Ich denke, Frauen fällt es einfacher, sich für ein Modestudium zu entscheiden. Für einen Mann muss da schon Leidenschaft und ein unbedingter Wille da sein, um diesen Weg zu gehen. Das sind natürlich optimale Vorraussetzungen für Erfolg in der Mode.

Wenn das Gros der einflussreichen Designer schwul ist, hat das wiederum einen Einfluss auf die Mode oder das von der Modeindustrie propagierte Männerbild?

Das glaube ich nicht. Gerade das Thema Androgynität ist derzeit ja extrem präsent. Aber ich glaube das hat nichts mit schwulen Designern zu tun. Das war viel eher eine Entwicklung, die die Mode gemacht hat, um wieder einmal Grenzen auszuloten und auch zu sprengen.

Es wurde immer wieder in den Medien diskutiert, dass der (zeitliche) Druck auf die Designer mittlerweile zu hoch ist. Wie siehst du die Diskussion?

Ich finde es eigentlich schön, dass Raf Simons bei Dior gegangen ist und Alber Elbaz nicht mehr bei Lanvin ist. Ich hoffe, das die Branche dadurch ein bisschen wachgerüttelt wird. Mid Season-Sales, Pre-Collections und Fast Fashion-Ketten wie H&M und Zara verwöhnen den Endverbraucher, er ist die niedrigen Preise und die ständig neuen Teile in den Stores gewohnt. Bestes Beispiel ist die Bahnhofstraße hier in Zürich. Bally, ein Schweizer Traditionshaus, hat seine große Ladenfläche an Zara abgegeben. Das Ganze schaukelt sich gegenseitig hoch. Jeder sollte über die ganze Entwicklung nachdenken und einen Schritt zurück machen, einen Gang runterfahren.

Danke für das Gespräch, Julian!

Das Interview führte David Jenal

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Category: Special

Tags: Julian Zigerli, Zimmerli, Zürich

Von: David Jenal

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