Jil Sander Ausstellungseröffnung in Frankfurt

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Ein Leofell, ein cremefarbener Hosenanzug, die Zigarette in der rechten, die Weißweinschorle in der linken Hand. Draußen wird Ginger Ale und Wermut Tonic ausgeschenkt. Ich laufe an einer Frau mit Hut und schwarzen Overkneestiefeln vorbei, die in der Schlange steht, die sich mittlerweile vor dem Nebeneingang des Museums für angewandte Kunst gebildet hat.

Wann würde ich endlich so klug sein und Gebrauch von meinem Pressestatus machen wollen?, fragte ich mich während ich mich ganz hinten anstellte. Denn dann hätte ich die Veranstaltung einen Tag früher besucht und müsste mich jetzt nicht zwischen BWL-Studenten mit Kunstinteresse im Burberry-Mantel vorbeidrängen. Guten Abend Frankfurt.

Hinter mir dann diese Gruppe aus Frauen in den Anfang Dreißigern, dessen 03. Hugo-Flaschen in den Händen und das dröhnende Auflachen den erhöhten Pegel bezeugen. Ich höre heraus, dass sie mit der Praktikantin – Nein, der studentischen Aushilfskraft des Museums befreundet sind – und deshalb eben hier in dieser überlangen Schlange stehen, um sich dem Mode-Speaktakel an diesem Freitag Abend hinzugeben. Es werden immer mehr. “Habe ich dich schon umarmt? Nee, gä?” geht der Neuankömmling die Runde durch. Langsam geht es voran.

Absatzschuhe klappern über den roten Teppich, der einige Meter vor der Tür den Nebeneingang ziert. Der Vorraum überfüllt mit english-speaking-Anzugträgern, die Hornbrille auf der Nase und wichtig aussehenden Frauen mit nach hinten gegelten schwarzen Haaren, rotem Lippenstift, Hosenanzug und grauem bodenlangen Mänteln. Immer wieder sieht man einzelne iPhones, die aus der Masse auf das gerichtet werden, was vor uns liegt, jedoch niemand so recht zu erkennen scheint. Allein ein einziges Raunen in diesem überfüllten Vorraum lässt sich ausmachen: Ist sie da?

Man wird also mehrmals in den langen Minuten des Wartens angerempelt von Typen mit Künstlerschal um den Hals drapiert. Der Mythos der glamourösen Modewelt – er zerfällt in den Minuten, in denen alle darauf warten, dass was passiert. Dann beginnt endlich irgendwer zu sprechen, eine lange Ansprache, die mit einer endlos scheinenden Aneinanderreihung von “Sehr geehrten” beginnt. Jil Sander, das wird jetzt klar, sie ist tatsächlich da.

In monotoner Art wird die Geschichte der Verschmelzung von Mode und Kunst aufarbeitet. Rei Kawabuko im Metropolitan Museum of Art, die bald anlaufende “Is Fashion modern”-Ausstellung im MoMa und jetzt eben auch diese riesengroße Ausstellung Jil Sanders in Frankfurt. Es ist die erste Einzelausstellung der Modedesignerin.

Ihre Mode bündele Energien, jeder sei von Mode betroffen, keiner könne sich ihr entziehen. Und dann spricht die Sprecherin noch von Herausforderungen, von Individualität und wirft dann noch mit dem Begriff “affirmativ” (positiv, zustimmend) um sich, der ja der Frankfurter Schule entsprungen ist. Das müsse man dann auch unbedingt noch in diesem Kontext bringen.

Schnell wird noch die Biographie der Modeschöpferin skizziert. Das Textilingenieur Studium in Krefeld, ihr Jahr als Austauschstudentin in Los Angeles. Ihre Arbeit als Moderedakteurin, 1967 dann die Eröffnung ihrer ersten eigenen Boutique mit dem Namen Jil Sander. Ihr erstes Mal auf der Mailänder Modewoche, es waren die 80er Jahre. 1997 launchte dann auch die erste Männerkollektion des Unternehmens: Weiterhin androgyn, schlicht und gut.

Die Musik, welche die Modeschöpferin für jeden Raum der Ausstellung einzeln von dem Komponisten Frédéric Sanchez erschaffen ließ, beginnt langsam den Sprachfluss des Redners zu übertönen. Dann noch schnell der Wink zu Chanel, beide machten aus ihrem Name eine Marke. Das Kind vor mir auf den Schultern seines Vaters: gelangweilt.

Die Ausstellung mit dem Titel “Präsens” soll den zeitlosen Stil, den Jil Sander erschaffen hat, besonders betonen. Der Leiter des Museums hatte dann auch noch was zu sagen und alle freuten sich und klatschten, denn es war ja auch schön und toll, dass diese große einzige Modedesignerin Deutschlands nach Frankfurt gekommen war mit all ihren Arbeiten für welche sie „Tage und Nacht“ gearbeitet hatte.

Ihre Sensibilität, die Erschaffung einer neuen modernen Frau, ihr Purismus, ihr Gespür für Zeitströmungen wurden als herausragende Eigenschaften gepriesen. Wieder ging man auf ihre Biographie ein. Unter anderem hätte sie ja sogar den „Sneaker als Couture Element“ entworfen.

Nochmal wurde betont. Es handele sich dabei eben NICHT um eine Retrospektive, sondern um eine Ausstellung im PRÄSENS. Wichtig! Bereits im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) hatte Sander betont, dass sie „die Vergangenheit eigentlich nicht so recht interessiert hätte”.

 

Als es dann immer lauter und immer heißer in diesem Vorraum wurde und der Leiter jedem Geldgeber, Praktikanten und schließlich auch der Sicherheitsfirma dankte, strömten erstmal alle raus und dann wieder rein, um sich jetzt endlich auch die Ausstellung anzuschauen. Und während dieses Hinströmens lief sie dann auch an mir vorbei. Die Königin der Schlichtheit, die den Purismus erschaffen hatte. Sie quetschte sich durch die Menge hindurch und drückte einer älteren Frau, die mit verheultem Gesicht und roten Augen da stand, die Hand.

„Ich begreife noch nicht so recht, warum die Kundinnen so intensiv mit meinen Entwürfen leben. Diese emotionale Beteiligung ist mir rätselhaft. Ich konnte das nie richtig einschätzen. Auf eine Weise, die mir nicht ganz klar ist, scheine ich das Vertrauen der Menschen gewonnen zu haben.“ erklärte sie der FAZ.

Es ist die größte Einzelausstellung des Museums in Frankfurt. Das erste Mal wurden alle Museumsräume allein einem Werk gewidmet. Bilder vergangener Kampagnen hängen gerahmt an den weißen Wänden der Ausstellungsräume.

Mehrere Videoinstallationen zeigen Shootings, Modeschauen des Labels Jil Sander. Orangene Mäntel und schwarze Kleider an den Puppen, vor einem Spiegel ausgestellt. Auch Modefotografien der Designerin zieren die Wände. Zwischendrin finden sich Tische mit integrierten Bildschirmen, an denen man sich mehrere Bilder vergangener Kollektionen durch nach rechts und links wischen, anschauen kann.

Tatsächlich spielt in jedem Raum eine andere Musik. Taschen und Schuhe sind in Glaskästen ausgestellt. Auf jeder Etage hängt an einer Wand ein riesengroßes Poster der Designerin. Sie hatte schon immer gern mit ihrem eigenen Gesicht für die Marke Jil Sander geworben.

Ein einzelner Raum widmet sich ganz der Make-Up Linie von Jil Sander. Das ikonische Puder-Bild und die minimalistisch gestaltenden Produkte – von Body Lotion Verpackungen bis hin zu Parfumflakons werden von den umhergehenden iPhones festgehalten. Sogar der Garten-Gestaltung wird ein abgetrennter Bereich in der Ausstellung gewidmet.

“In der Frankfurter Ausstellung einfach nur Kleidung zu zeigen, womöglich noch getragene Sachen – das hätte ich nicht ertragen. Es war von Anfang an klar, dass es keine Puppenparade werden kann. Mir ging es um ein modernes Gesamtkonzept, wie bei meinen Schauen, wo alles zusammenspielte, von der Architektur über das Casting bis zu Licht und Musik.” (FAZ)

Letztendlich war es dann einfach nur schön, diese angewandte Kunst und gut, sich diese Ausstellung anzuschauen. Gerade dann, wenn man nicht Gefahr läuft, ständig angerempelt zu werden und gebückt unter den Kameras herlaufen zu müssen. Zeit bleibt dazu bis zum 6.Mai 2018.

Category: News

Tags: ausstellung, faz, frankfurt, Interview, Jil Sander, Museum für angewandte Kunst

Von: Angelika Watta

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