Im Kleiderschrank mit Maximilian Josef Strauß

Max Strauß, der älteste Sohn des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß, sprach mit Dandy Diary nicht über Finanzverbrechen oder Rüstungslobbyisten und auch nicht über seinen berühmten Vater. Er sprach mit uns über Tattoos, Maßanzüge und Irokesenschnitte.

Illustration: Karin Bohrmann-Roth

Lieber Herr Strauß, ich sehe Sie haben die Initiale MJS auf Ihrem Hemd gestickt, Maßanfertigung?

MJS: Für mich das einzig Richtige.

London oder Mailand, welche ist die Hauptstadt des Maßanzugs?

MJS: München. In Deutschland gibt es nur einen, der es richtig macht und das ist der Maßkonfektionär Maile. Das Haus hat mich deswegen begeistert, weil Sie dort nicht mit irgendeinem Super Hi-Tech-Programm vermessen werden. Dort geht es noch zu, wie bei einem alten Schneider, der genau weiß, wo er hinfassen muss. Die Stoffe sind exzellent und die Preise angemessen. Obwohl die keine zu große Rolle spielen, denn für Qualität bin ich immer bereit mehr zu zahlen.

Womit sollte sich ein Mann, neben einem Maßanzug von Maile, denn noch schmücken?

MJS: Einer Uhr – meinetwegen noch mit einer Brille, aber da auch nur sehr vorsichtig.

Einer goldenen Pilotenbrille zum Beispiel, die tragen Sie auf einem berühmten Foto aus den 80er Jahren. Da stehen Sie mit dem Waffenhändler Karlheinz Schreiber vor einer Kirche in Mexiko: sportlich-elegant, ein enggeschnittener Einreiher. Richtig fesch sahen Sie da aus Herr Strauß!

MJS: Ja, aber Mode ist mir heute fast noch wichtiger als damals, weil sie letztendlich auch den Eindruck von einem Menschen gibt. Das Verhalten eines Menschen zur Mode zeigt, was er sich selber wert ist. Und letztendlich ist das, was er sich selber wert ist, auch das, was ihm seine Umwelt wert ist. Das ist für mich der entscheidende Punkt der Mode und den habe ich lange unterschätzt – die Tragweite, die ein erster Eindruck haben kann. Das versuche ich jetzt zu korrigieren.

Sie geben jetzt also Unmengen von Geld für Kleidung aus?

MJS: Nein, das nicht, aber ich bin bereit für Qualität zu bezahlen. Nicht für Produkte, die teuer sind, weil ein großer Name draufsteht, aber für Produkte, die ihren Preis wert sind. Ein Maßanzug wäre ein Beispiel dafür.

Bleiben wir doch noch für einen Moment in den 80ern: damals hatte Gloria von Thurn und Taxis einen wilden Irokesenschnitt, haben Sie sich nicht auch so einen gewünscht?

MJS: Nee, nee, nee! Ein Irokesenschnitt ist ja nur ein Versuch mit Gewalt auf sich aufmerksam zu machen und das hatte ich nie nötig. Bei den meisten Menschen ist die Zeitdauer, in der sie versuchen, mit Gewalt auf sich aufmerksam zu machen, nur sehr kurz – und sie wird in der Regel nicht von Erfolg gekrönt.

Sie und Ihre Geschwister hatten also nie Probleme mit dem Dresscode der Familie Strauß?

MJS: Nein, aber für uns spielte dieses Thema auch keine so wichtige Rolle, wie es das für manch einen tut. Vor allem hatte ich ein Problem mit meinen Eltern nicht: in meiner Familie gab es keine Nazis. Mein Großvater väterlicherseits hat sich bekreuzigt wenn er den Namen Adolf Hitler aussprach. Mit der Begründung, dass ein guter Christ sich bekreuzigt, wenn er den Teufel in den Mund nimmt. Der hat die Nazis gehasst. Den Widerspruch, den die 68er Generation hatte, hatte ich also nie. Ich musste nie fragen: Was hast du im Krieg gemacht?

…und so fehlte Ihnen die Motivation mit langen Haaren und Bart gegen die Elterngeneration zu rebellieren?

MJS: Genau, das gab es bei mir nicht. Außerdem war mein Vater ein sehr überzeugender Mensch. Ein Mensch, der andere durch eine blitzgescheite Argumentation, unglaublich schnell für sich gewinnen konnte. Und deswegen gab es bei uns diesen Urwiderspruch nicht. Vielleicht fehlt mir damit auch was – das weiß ich nicht.

Gab es denn überhaupt einen Dresscode?

MJS: Doch, den gab es  schon. Man legte Wert auf ordentliches und gutes Aussehen zu bestimmten Gelegenheiten – ganz klassisch bürgerlich. Klar: das, was heute zum Teil möglich ist, mit offenem Hemd in die Oper und ähnliche Geschichten, das war damals undenkbar.

In Ihrem Leben gab es ja auch schwierigere Zeiten, Sie litten an schweren Depressionen. Da werden Dresscodes und Maßanzüge doch ganz schnell über Bord geworfen, oder?

MJS: Manche Leute, die in die Psychiatrie kamen, waren auch persönlich völlig fertig: Da ist die Kleidung im Eimer, da gibt es keine körperliche Hygiene, keine Tischmanieren. In meiner Krankenakte standen immerhin noch die beiden Worte: Gepflegte Erscheinung. Menschen, die in Depressionen verfallen haben auch keine Achtung mehr vor sich selber und das spiegelt ihre Kleidung wieder. Man muss die Krankheit managen lernen und da ist der Besuch beim Arzt nur ein Teil davon. Nebenbei bemerkt, das sind riesen Prozentzahlen von denen wir hier reden und es werden immer mehr.

Besser anziehen hilft da aber auch nicht.

MJS: Was diese Menschen oft nicht mehr haben, ist eine innere Ordnung und zu der gehört natürlich auch die Mode. Diese Ordnung muss man einfach wieder herstellen. Bestimmte Dinge müssen einfach so funktionieren, sonst ist es aus. Sonst kommt es zu einem Autoritätsverfall und Mode ist ein Ausdruck dessen. Der Mensch strahlt das aus, was er ist.

Ist die Kleidung, die wir derzeit tragen ein Zeichen dieses Autoritätsverfalls?

MJS: Na ja, wir haben derzeit ja gar keine Linie mehr. Sex sells ist momentan die Linie. Sex ist mittlerweile überall. Das, was man in den 60er Jahren vielleicht als Revolution begonnen hat ist heute omnipresent. Letztendlich müssen wir aufpassen, dass uns die Reizüberflutung nicht zu viel wird.

Ärgert Sie, dass sich das so stark geändert hat?

MJS: Ja und nein. Wissen Sie, ich glaube, das wichtige an der, ist die Tatsache, dass man seinem Gegenüber anmerken muss, dass er Spannung und Kraft ausstrahlt. Das muss er haben und dann soll er ruhig in einem billigen T-Shirt kommen. Es darf nur nicht alles an einem Menschen billig sein. Mode muss die Persönlichkeit rüberbringen, darf aber auch nicht ins andere Extrem überschwappen und zur Accessoire-Weltmeisterschaft ausarten. Man muss einfach sehen: der Mensch hat Spannung, der Mensch hat dir was zu sagen, und das ist für mich Mode.

…ein Kulturphänomen?

MJS: Ja, absolut, das ist überhaupt gar keine Frage. Angefangen bei den einfachsten Stämmen bis zu unseren Politikern. Mode spielt überall eine wichtige Rolle.

Sicherlich auch bei Ihnen zu Hause, Sie sind Vater von zwei Töchtern.

Ja, die sind da beide sehr bewusst. Wobei, sie sind zwei ganz tolle Mädchen und sie sind nicht die Accessoire-Weltmeisterinnen. Ich möchte, dass sie zu Persönlichkeiten heranwachsen und nicht ihre Wichtigkeit über Kleidung definieren. Mode sollte keine Geldfrage sein. Nach dem Motto: Ist deine Handtasche teurer als meine.

Sind Sie ein toleranter Vater, oder ist Ihnen der Rock immer zu kurz?

MJS: Nein, ich bin ganz tolerant. Aber natürlich gib es auch bei uns Grenzen. Ich bin ein totaler Gegner von Piercings, von Tattoos und was weiß ich, was es da noch alles für furchtbaren Murks gibt. Alles eine grauenhafte Verunstaltung des menschlichen Körpers.

Und wenn eine Ihrer Töchter jetzt trotzdem kommt und sich zum Geburtstag ein Tattoo wünscht?

MJS: Ich glaube nicht, dass sie das machen würden. Sie sind beide zu selbstbewusst um so einen Ersatz zu brauchen. Ein Tattoo ist für mich solange in Ordnung, solange es nur eines dieser Abziehbilder ist, die maximal vier Wochen halten.  Ein Mensch muss immer die Chance haben, sich von dem Thema lösen zu können. Ich will doch nicht ein Leben lang mit irgendwelchen nackten Weibern auf dem Oberarm herumrennen. Das mag ja bei einem zwanzigjährigen Mädchen noch ganz knackig aussehen, aber wartet, bis die 40 oder 50 ist. Das wird ja immer schlimmer – die Haut wird immer schlechter, immer runzeliger. Ich halte das für eine komplette Fehlentwicklung. Was mich daran stört ist die Endgültigkeit. Also Tattoos – never ever.

Auch nicht wenn es ein CSU-Tattoo wäre?

MJS: (Lacht) Das wäre das Schlimmste!

Category: Interview

Tags: Franz Josef Strauß, Maßanzug, Max Straus

Von: petr

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