Im Interview: Yasar Ceviker, Gründer und Designer, A Kind Of Guise

Deutsche Mode gewinnt nur sehr langsam an Bedeutung. Außerhalb der Bundeshauptstadt arbeiten nur wenige Designer daran, das endlich zu ändern. Zu diesen Wenigen gehört Yasar Ceviker, der 2009 gemeinsam mit seiner Freundin in München A Kind Of Guise gründete. Den Anfang des Labels machten Rucksäcke aus Leder, mittlerweile gibt es vollständige Männer-und Frauenkollektionen. Jede Kollektion ist dabei von den Eigenheiten eines bestimmten Landes inspiriert. Das Besondere: Alle Teile lassen Yasar und sein Team in Deutschland produzieren. Das scheint nicht nur ob der aktuellen See-and-Buy-Entwicklung eine mehr als kluge Entscheidung zu sein. Darüber, aber auch über die Probleme des Modestandorts Deutschland, die Möglichkeit einer Show in London und die Auswirkungen der Zusammenarbeit mit Adidas habe ich mit Yasar im frisch bezogenen Büro in München gesprochen.

Welche Rolle spielt der Standort Deutschland für A Kind Of Guise?

Ich glaube, der Standort hat Vor-und Nachteile. Als Modebrand aus Deutschland hat man es generell schwer. Wenn es Support gibt, ist das in der Regel kein besonders guter Support. Die Fashion Week in Berlin braucht man gar nicht vergleichen mit dem, was in London oder Paris passiert. Kaum jemand aus dem Ausland hat Deutschland als „Modeland“ auf dem Schirm. Das macht es schwierig, sich international zu platzieren. Auf der anderen Seite kann genau das aber auch der Vorteil sein, weil es hier eben so wenig gibt, zumindest wenig von internationaler Qualität. Wenn hier also was passiert, wird das auch wahrgenommen. Ich glaube, das man einen langen Atem braucht und ewig durchhalten muss, um seine Vision zu realisieren.

Was hast du für einen Bezug zu Mode?

Früher war ich sehr an Mode und Bekleidung interessiert. Mittlerweile ist mir das alles relativ egal und ich beschäftige mich auch kaum noch damit, außer natürlich mit den Sachen, die wir machen. Ich bin viel mehr an Fußball als an Mode interessiert.

Ist das ein Vorteil?

Weiß ich gar nicht. Ich glaube, es gibt viele Designer, die ähnlich denken. Wenn man sich intensiv mit einer Sache beschäftigt, verliert man ja auch schnell das Interesse daran. Wir fokussieren uns hier auf unsere Arbeit und schauen uns weder Blogs noch Magazine an. Außer natürlich Dandy Diary, das ist mein Täglich Brot, meine SZ (grinst). Man wird auch mittlerweile so zugeballert, sei es im Musik-oder Modebereich. Es ist eine völlige Reizüberflutung. Jeder legt auf, jeder produziert Musik, jeder macht Mode. Man weiß gar nicht mehr, wo man anfangen soll.

Wie beurteilst du die Entwicklung der Münchner kreativen Szene in den letzten Jahren? Was macht München aus?

Hier passiert nicht viel, aber was passiert, hat einen unglaublich hohen Qualitätsanspruch. Sowohl im Bereich Clublandschaft als auch bei Restaurants, Grafik-und Kommunikationsagenturen und im Musik-und Modebereich gibt es hier in München unglaublich gute Sachen.

Durch die Umstellung von Burberry und Tom Ford auf die sofortige Verfügbarkeit ihrer Kollektionen nach den Shows wird es auch für kleine Labels wichtiger, schneller und flexibler nachproduzieren zu können. Ist A Kind Of Guise mit der Entscheidung, alles in Deutschland produzieren zu lassen, damit zeitgemäßer denn je?

Ja, vielleicht. Wir haben die Möglichkeit, wahnsinnig schnell zu reagieren. Aber wir haben das aber von Anfang an gemacht, weil es möglich war. Es wird immer gesagt, es wäre nicht möglich, in Deutschland produzieren zu lassen. Das ist völliger Quatsch. Es ist möglich, es kostet aber einfach was. Und natürlich kann man hier keine 200.000 Hosen produzieren lassen. Aber man merkt, wie das alles momentan wächst. Wir arbeiten mit Produktionen, die hatten zu Beginn 2 Mitarbeiter, mittlerweile beschäftigen die dort 20 Leute. Die kurzen Wege waren definitiv auch ein Faktor bei der Entscheidung, hier produzieren zu lassen. 

Eure Kollektionen bewegen sich im oberen Preissegment und sind mittlerweile deutlich teurer als vergleichbare Labels wie Our Legacy oder Norse Projects. Habt ihr nicht das Bedürfnis, eure Designs auch für jüngere Kunden erschwinglich zu machen?

Klar. Wir merken das auch, wenn wir hier einmal im Jahr unseren Sample Sale machen. Da stehen ab 10 Uhr schon eine menge Leute vor dem Laden. Und ein Großteil dieser Leute ist relativ jung. Wir merken dann, dass da ein großes Interesse besteht, wenn das Ganze zu einem kostengünstigeren Preis angeboten wird. Aber: Wenn wir die gleichen Gewinnspannen erzielen wollen würden wie die Labels, die du gerade genannt hast, würde hier ein Hemd 500€ kosten. Labels wie Wood Wood oder Acne, deren Hemden gleich viel kosten wie unsere, lassen teilweise in China produzieren. Und nur weil da Micky-Mäuse drauf sind, kostet ein Hemd dann 200€. Das hat keine Berechtigung. Wir sind da schon sehr fair und gehen jetzt auch wieder mit dem Preis ein bisschen runter, weil wir größere Mengen abnehmen und selbst weniger für die Produktion zahlen. Aber Von Luft und Liebe leben können wir nicht.

Ihr distanziert euch stets Mode-Business, sagt, ihr macht Kleidung, keine Mode. Warum geht dir die Branche so auf den Sack?

Wir machen schon Mode, ich mag nur den Begriff „Fashion“ nicht. Wir versuchen hier nicht, das Rad neu zu erfinden. Natürlich haben wir auch unkonventionelle Schnitte dabei, aber es gibt keine Hosen mit drei Beinen oder DHL-T-Shirts bei uns. Das hat alles seine Berechtigung, aber ist weit von dem entfernt, was wir machen. Es geht bei uns um die bestmögliche Qualität. Die Assoziation, die man mit dem Begriff „Fashion“ hat, habe ich nicht, wenn ich an unser Label denke.

Warum macht ihr keine Show? Wäre das nicht eine Möglichkeit, neben designaffigen Kunden auch diejenigen zu erreichen, die sich vordergründig für Mode interessieren und bereit sind, überdurchschnittlich viel für Kleidung auszugeben?

Wir haben schon hin und wieder Anfragen bekommen, unter anderem aus der Hauptstadt. Davon haben wir viel abgelehnt, sind aber gerade in engeren Gesprächen, allerdings im Ausland.

Wahrscheinlich in Paris, oder?

Mal schauen. Großbritannien ist nach Japan unser größter Markt und wächst konstant. Die Engländer sind sehr auf Qualität aus. London ist derzeit auch sehr angesagt.

Seit einigen Saisons präsentiert ihr eure Kollektion ausschließlich in einem Showroom in Paris. Warum meidet ihr Messen?

Auf einer Messe sieht meistens alles gleich aus. Wir sind kein klassisches Messebrand und zu speziell, was Materialien und Verarbeitung angeht. Als Einkäufer ist man auf einer Messe völlig reizüberflutet. Wir waren auch öfter auf der SEEK und ich finde es super, dass das wächst, aber für uns macht das Ganze wenig Sinn. Nach Paris kommen all diejenigen, die ernsthaftes Business betreiben wollen. Im Showboom machen wir Termine, man kann sich Zeit nehmen und es ist einfach persönlicher.

Ist euch auch wichtig, eure Vision und euer Universum im Showboom kommunizieren zu können?

Ja, auf jeden Fall. Dadurch, dass wir immer ein Thema zu jeder Kollektion haben, wird das auch in den Showroom transportiert. Bei der letzten Kollektion hatten wir ein Fußball-Thema. Da haben wir eine Torwand aufgebaut und die Kunden um Free Shipping schießen lassen. Das ist das Schöne daran. Alle Sachen werden hier abgeholt und nach Paris gefahren, wo wir dann die Location nach unseren Wünschen gestalten können.

Ihr habt vergangenen Juli einen Store in Berlin aufgemacht. Warum in Berlin und nicht in Städten wie Zürich, Kopenhagen oder London, wo eine kaufkräftigere Kundschaft vorhanden ist?

Berlin ist die unsere Hauptstadt. Für uns als deutsches Label macht es Sinn, dort vertreten zu sein. Zudem haben wir sehr viele Kunden in Berlin und freuen uns, auch ihnen die gesamte Kollektion anbieten zu können.

Vergangenen Herbst ist eure Zusammenarbeit mit Adidas erschienen. Inwiefern hat sich das auf den Bekanntheitsgrad von A Kind Of Guise und die Verkaufszahlen der Kollektionen ausgewirkt?

Nur bedingt, und das aus zwei Gründen. Zum einen gibt es im Sneakerbusiness alle drei Tage eine neue Colab. Das ist nichts Besonderes mehr, wie es vielleicht noch vor drei oder vier Jahren der Fall war. Außerdem ist der Schuh nur zu 50% das, was wir ursprünglich entwickelt hatten. Ich möchte das Adidas gar nicht ankreiden, aber dort ist so viel los, dass Dinge, über die wir uns viele Gedanken gemacht haben, nicht passiert sind. Dazu kommt, dass der „klassische“ Sneakerkunde nicht unbedingt unserem Kunden entspricht. Das sind jüngere Leute, die eher bereit sind, viel Geld für einen Sneaker auszugeben als für ein Button Down-Hemd oder einen Kaschmir-Pullover. 

Stehen weitere Kooperationen mit anderen Brands an?

Ja. Es wird dieses Jahr noch ein bis zwei Kooperationen geben. Mit wem, dazu kann ich noch nichts sagen.

Abgesehen davon: Was sind die nächsten Schritte für AKOG?

Wir sind jetzt hier in München in ein größeres Büro gezogen und wollen die Basis weiter ausbauen, Vieles optimieren und noch solider und professioneller in den Abläufen werden. Wir halten dieses Jahr ein bisschen den Ball flach, bevor wir weitere große Schritte unternehmen.

Das Gespräch führte David Jenal.

Den Berliner Store findet man in der Mulackstraße 23.

Category: News

Tags: A Kind of Guise, deutsche Mode, Made in Germany, München

Von: David Jenal

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