Im Interview: “WUT BERLIN” Creative Director Yann Le Goec

Vor rund 10 Jahren wurde Yann Le Goec von seinem Chef nach Berlin geschickt, um die dortige Modeszene zu erkunden. Le Goec sah Potenzial und sprach mit talentierten Designern, denen bislang, so klagten sie, eine Platform fehlte. “Kein Buyer”, so Le Goec, traute sich damals nach Berlin.

Nach seiner Expedition nach Berlin stieg der gebürtige Franzose wieder in den Flieger – zurück in seine Wahlheimat Tokio – im Kopf die frustrierten lokalen Designer, in den Händen ein Buch, in dem er das für ihn neue, sogleich in den Bann ziehende Wort “WUT” las, welches ihn unweigerlich an die prekäre Situation der Berliner Designer denken ließ.

Zurück in Tokio sprach Le Goec mit seinem Chef der H.P. France Group, welche in Tokio über 100 Geschäfte betreibt, über das modische Potenzial Berlins. Tokioter lieben Berlin, daher war klar, dass ein Store mit dem Fokus “Berlin” funktionieren würde, so kam es zu WUT BERLIN.

Nach fast 10 Jahren trennte sich Le Goec und sein Team vom “Berlin” im Namen. Weil, so der Creative-Director, der Name für zu viel Verwirrung und sorgte und die Fokussierung auf Berlin nicht mehr so stark ist wie zu Anfangszeiten. Mittlerweile werden auch Produkte von anderen, international erfolgreichen Designern geführt.

Darunter Henrik Vibskov, Bernhard Willhelm oder Balmung. “WUT” gehört neben dem GR8 Store, Candy und dem Dover Street Market zu den besten Stores in Tokio, daher in jedem Fall einen Besuch wert.

Wir trafen Le Goec in seinem weiß gefliesten Himmelreich für progressive Mode, um mit ihm über die Berlin Fashion Week, Retail allgemein, japanischen Modemut und über WUT zu sprechen.

Das Anfangskonzept von “WUT BERLIN” war es Berliner Designer in Tokio zu präsentieren und verkaufen. Das Sortiment wurde inzwischen um Designer aus anderen Städten erweitert. Warum?

Um ehrlich zu sein, gab es einen Zeitpunkt an dem ich einfach keinen spannenden Designer mehr in Berlin entdeckt habe. Doch die Designer, die wir zu Anfang eingekauft haben, sind immer noch prominent im “WUT” vertreten. Beispielsweise “Starstyling” oder “SADAK”.

Du kommst seit rund 10 Jahren zweimal pro Jahr zur Berlin Fashion Week. Wie beurteilst du die Entwicklung der Berliner Modewoche?

Es gibt keine Entwicklung.

Was glaubst du sind die Gründe, warum sich die Berlin Fashion Week nicht entwickelt hat?

Ein Problem ist sicherlich der ‘Schedule’. Oftmals überlappt der Termin der Berlin Fashion Week mit der Paris Men’s Fashion Week. Oder den Haute Couture Shows. Die Einkäufer der großen Modehäuser sind heutzutage im Dauerstress, außerdem gibt es weniger Budget für Reisen, da überlegt man sich zweimal, ob man nach Berlin kommt. Ein weiteres Problem ist schlicht und ergreifend die Basis. Ich habe bereits den Schedule für die Berlin Fashion Week im Januar gecheckt. Hauptsächlich zeigen traditionelle, deutsche Labels, die Mode für reiche, blonde, große Frauen machen. Die wenigen interessanten Designer, die Berlin zu bieten hat, sind nicht präsent auf der Modewoche.

Inwiefern hat sich die Arbeit als Buyer & Creative-Director in den letzten Jahren für dich persönlich verändert?

Ohne Social-Media geht heute nichts mehr. Daher posten wir täglich Fotos von neuen Pieces, selbst produzierten Fotostrecken oder persönlichen Impressionen. Dass gab es zur Anfangszeit von “WUT” noch nicht. Auch das Geschäft mit der Mode hat sich komplett verändert. Es ist sehr konfus geworden. Designer, die du vertrittst, verkaufen größtenteils mittlerweile auch ‘solo’ ihre Produkte, da können wir preislich nicht mithalten. Da wir ja noch Importkosten bezahlen müssen. Ich sag es dir: ‘Das Retail-System is fucked up!’

Viel wird aktuell über die Relevanz von Fashion Shows diskutiert. Ihr – als Concept-Store – macht sogar selbst Modenschauen, um eure Looks zu präsentierten. Wie wichtig sind Fashion Show für Brands?

Für große Highfashion-Labels werden Fashion Shows immer wichtig sein. Doch junge Designer sollten sich zweimal überlegen, ob sie ihr Geld in eine Modenschau investieren sollten, im Zweifel das Geld besser in einen Stand auf einer Modemesse stecken, um die Kollektionen Einkäufern zu präsentieren.

Hast du noch mehr Tipps für junge Designer?

Die Zeiten sind hart für junge Modemacher, der finanzielle Druck hoch, doch sie sollten sich nicht allzu sehr von der Meinung von Einkäufern beeinflussen lassen, andernfalls werden ihre Kollektion schnell langweilig und sie verlieren ihren Stil, welcher sie ursprünglich mal ausgemacht hat. Sie sollten keine Angst davor haben einen Pullover mit drei Armen zu machen. Wenn du es machen willst, dann mach es!

Nicht immer haben die Pullover des WUT Stores drei Arme, doch oftmals sind die Entwürfe der von euch vertretenden Designer recht progressiv. Du trägst selbst oft die Entwürfe eurer Designer. Wie sind die Reaktionen? In Japan, in Europa – gibt es da Unterschiede?

In Tokio interessiert sich niemand dafür wie du aussiehst, zu mindestens würde niemand deine Garderobe kommentieren, selbst Blicke erntet man hier selten. Teil der japanischen Kultur ist es den direkten Blickkontakt zu meiden. High Heels in der Tokioter U-Bahn – kein Problem. In Berlin oder London hingegen würden die Leute glotzen.

Tokio ist weltweit bekannt als Streetstyle-Metropole. Eine Stadt, deren Bewohner enorm viel Geld für extravagante Mode ausgeben. Wieso eigentlich?

Dass ist leider nicht mehr so. Hier hat sich viel verändert. Seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima empfinden viele Extravaganz nicht mehr als angemessen. Außerdem beeinflusst das Internet auch den Stil der Tokioter. Man schaut, was in London oder Paris getragen wird, passt sich an, was sehr traurig ist. Tokio war sehr einzigartig, doch der Look wird zunehmend dem von anderen Metropolen ähnlicher.

Doch, auch wenn der Look ähnlicher wird, empfinden wir ihn immer noch als besonders. Was sind die Gründe für den experimentellen Look Tokios?

Hier, in Japan, hat bis zum 2. Weltkrieg ausschließlich Kimonos getragen kann, dann kamen die ersten europäischen Styles. Ich vergleich die Art- und Weise der Tokioter mit Mode umzugehen gern mit kleinen Kindern, die die Kleider ihrer Eltern anziehen, keine Angst vor Farben, Schnitten und Proportionen kennen, sondern einfach Spaß an der Mode haben.

Letzte Frage: Glaubst du, dass der WUT Store 10 Jahre als Store in Berlin überlebt hätte?

Wahrscheinlich nicht.

Category: Lookbooks

Tags: Tokyo, Wut, Wut Berlin, Yann Le Goec

Von: David Kurt Karl Roth

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