Im Interview: Walter van Beirendonck

Falls die Hells Angels jemals der Gewalt abschwören, um sich der Liebe und der Schönheit der Künste zu zu widmen, dann werden sie mit ziemlicher Sicherheit so aussehen wie der belgische Modemacher Walter van Beirendonck: Grauer, gewaltiger Bart, Glatze, buntes Jackett, auf dem tollende Fabelwesen zu sehen sind, schwere Ringe an seinen kräftigen Fingern und weiß-rote Schuhe, welche von der Seite so aussehen, als würde ein gefräßiges Krokodil sein Maul weit aufreissen.

Beirendonck gehört zu den legendären „Antwerp Six“. Einer Gruppe belgischer Designer, denen die britische Presse nach einer Gruppenshow in London Anfang der 1980er den Namen „Antwerp Six“ verpasste. Weil sie ihre belgische Namen weder aussprechen noch schreiben konnte.

Bis heute ist Beirendonck in vielen Bereich kreativ schaffend. Er entwirft zweimal im Jahr eine Kollektion für sein eigenes Label, Möbel für IKEA, Uniformen für die Reinigungskräfte der Stadt Antwerpen und seit mehr als 10 Jahren – erfolgreich Kindermode für JBC.

Seine Linie heißt ZulupaPUWA. Anlässlich des Launch seiner neuen NEWZZZZPW Kollektion trafen wir Beirendonck in Hamburg. Uns erklärte der Modemacher im Gespräch, warum Kindermode sich wunderbar als Kommunikationsmedium eignet. Wie Kids auf ihn reagieren. Und die Modebranche reformiert werden muss.

In deinen Kollektionen für JBC kommunizierst du bestimmte Themen – wie Naturschutz oder einen liebevollen, toleranten Umgang untereinander. Inwiefern nehmen die Kids, die Träger deiner Designs, die Botschaft auf? Ist Kinderkleidung überhaupt geeignet als Kommunikationsmittel?

Ich weiß, dass es nicht immer möglich ist für die Kinder die Botschaft auf ihren Kleidern zu lesen oder zu verstehen, doch, und das ist vielleicht sogar wichtiger, können die Entwürfe einen Anstoß für die Eltern darstellen, um über wichtige Themen, wie Naturschutz, mit ihnen zu sprechen. Die Kommunikation erfolgt also über Eltern oder Freunde, die auf die Botschaften reagieren.

Die Welt von Walter von Beirendonck ist bunt, fantasievoll, voll von Humor. Funktioniert deine Ästhetik besser für Kinder als für uns Erwachsene?

Höchstwahrscheinlich, ja. Als Erwachsener musst du mehr Mut zeigen. Da fast alle gleich angezogen sind. Schwarz, viel zu oft: langweilig. Doch auch in der Erwachsenen-Welt kann besondere Kleidung einen Anlass für spannende Gespräche darstellen.

Ist es eigentlich schwierig den Geschmack von Kids zu treffen?

Wenn ich für JBC designe, dann versuche ich wieder Kind zu sein. Viel was ich für ZulupaPUWA zeichne, entsteht spontan. Ich versuche mir hier die Freiheit zu erhalten. Wenn wir unsere Lookbooks für JBC shooten, dann sehe ich wie positiv die Kids auf die Muster und Farben reagieren.

Einer der großen Themen, die aktuell die Modewelt beschäftigt ist geschlechtsneutrale Mode. Selbst große Ketten wie Zara launchen „Genderless“ Kollektionen. Ist es nur eine Frage der Zeit bis die erste geschlechtsneutrale Mode-Linie für Kinder gelauncht wird?

Man wird sehen. Doch in meiner Arbeit für JBC merke ich, dass Mädchen und Jungs anders auf Themen reagieren. Das Thema „Genderless Fashion“ finde ich grundsätzlich spannend. Auch mehr frühzeitige Entscheidungsfreiheit für Kids wäre sicherlich gut. Doch auch hier ist es mehr eine Frage der Eltern. Sie entscheiden schlussendlich was das Kind tragen wird. Daher denke ich, dass „Genderless Fashion“ in naher Zukunft im Bereich der kommerziellen Kinderbekleidung keine Rolle spielen wird.

Wie reagieren Kinder eigentlich auf deinen Look?

Positiv! Sie sehen in mir den Weihnachtsmann. Sie sind fasziniert von meinen Ringen, greifen nach meiner Hand oder setzten sich auf meinen Schoß.

In der Modewelt der Erwachsenen sprechen alle nur noch von der Revolution der Modebranche. Seitdem Burberry angekündigt hat fortan nur noch zwei Shows pro Jahr zu zeigen, in denen sowohl Frauen- als auch Männermodemode gezeigt wird, unabhängig vom alten Saison-System. Was sagst du zur aktuellen Entwicklung der Modebranche?

Es hat alles mit unser Kommunikation zu tun. Im Gegensatz zu unser Kommunikation hat sich die Art- und Weise wie wir Mode produzieren, zeigen und verkaufen nicht sonderlich in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Somit ist es zu einer Dysbalance gekommen. Wenn wir nur noch einen Knopf auf dem Digital-Printer drücken müssen, um ein Kleidungsstück zu produzieren, dann würde es wieder passen. Doch davon sind wir noch weit entfernt. In puncto Produktion hat sich nicht viel getan. Einzig und allein die Produktionsstandorte der Mode haben sich verändert. Erst haben wir in Europe produziert, dann in Ostereuropa, dann China, dann Afrika. Es war die Zielsetzung immer günstiger zu produzieren, anstatt die Arbeit wie wir produzieren zu überarbeiten. Jetzt wird sind wir am Ende der Kette. Wir können nicht auf dem Mond produzieren. Oder Aliens an die Nähmaschinen setzen. Es bedarf einer Lösung.

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Category: Special

Tags: Interview, JBC, Martin Margiela, Walter van Beirendonck

Von: David Kurt Karl Roth

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