Im Interview: Ben Becker

Ben Becker ist Schauspieler und Musiker, hat während einer Lesereise aus der Bibel gelesen, Hörbücher eingesprochen und eine Autobiografie, die er selbst nicht so nennt, geschrieben. Diese Taten werden meist vergessen und verschwinden unter einem dicken, von großen Tageszeitungen ausgerollten Teppich aus Hells Angels-Sympathie, Böhse Onkelz-Gebrüll und sogenannten Drogenexzessen.

Weil das sehr schade und irgendwie ja auch nicht wirklich gerecht ist, haben wir Ben im Rahmen des literarischen Tastings „Bitter Diaries“ in München getroffen, in seinem dortigen Lieblings-Etablissement: der Schwulen-Kneipe „Edelweiss“ im Glockenbachviertel. Dort haben wir Bier getrunken, ihn zu Religion, seinem vergessen geglaubten Beckenbauer-Coup und natürlich auch seine Verbindungen in verruchte Milieus gesprochen und hatten vor allem: eine gute Zeit.

Du liest heute Abend Kurzgeschichten für Campari. Wie kam es zur Kooperation mit Campari?

Das ist ein ganz normaler Vorgang. Ich werde von einer Firma gefragt, ob ich Lust habe, für sie zu arbeiten. Und dann sage ich ja, weil es dekadent wäre, eine solche Anfrage abzusagen.

Nach welchen Gesichtspunkten wählst du solche Zusammenarbeiten aus? 

Da geht auch darum, was die Firmen von mir wollen und was inhaltlich gefragt ist. Natürlich spielt das Finanzielle auch eine Rolle, aber für absolute Scheiße bin ich nicht zu haben.

Max Dax hat dich einmal als Berliner Society-Bulldozer bezeichnet. Kannst du dich mit der Bezeichnung anfreunden?

Max Dax ist ein sehr alter Wegbegleiter von mir, den rufe ich sofort an, die dumme Sau! Ich weiß nicht, was das heißen soll, das ist ja eine Erfindung von Max Dax. Die Wortkreation ist gar nicht so schlecht. Aber ich habe ja mal meine sogenannte Biografie geschrieben und überlegt, ob ich ihr den Titel „Panzer aus Porzellan“ geben soll. Jetzt sagt Max Dax, ich sei ein Bulldozer. Da kann ich nur sagen: Lieber Max, ich bin ein Panzer aus Porzellan.

Lässt du dich leicht provozieren? 

Nein, nicht wirklich. Die Zeiten sind vorbei.

Wann hast du dich zuletzt so richtig aufgeregt?

Heute morgen, als ich den Hausschlüssel aus Versehen in die Blumenrabatte habe fallen lassen. Ich versuche mich möglichst wenig aufzuregen und wenn, dann Spaß dabei zu haben. Ich mag es nicht, mich mit Leuten anzulegen und das war auch schon immer so. Ich bin eigentlich nie auf Konfrontationskurs gegangen, auch wenn man mir das oft nachsagt oder anhängt. Ich habe immer umdekoriert, aber nie zerstört. Umdekorieren ist ein künstlerischer Vorgang, zerstören kommt eher destruktiv daher. Damit hatte ich nie viel zu tun. Ich war immer frech und habe Fragen gestellt, aber äußerst selten der Provokation halber provoziert.

Du hast die Böhsen Onkelz brüllend angesagt und sympathisiert offen mit den Hells Angels. Was findest du so anziehend an vom gesellschaftlichen Konsens kritisch gesehenen Institutionen?

Da ist nichts mehr zu machen: wenn ich meinen Wikipedia-Artikel lese, kommen da als erstes die Hells Angels und die Böhsen Onkelz. Damit muss ich leben. Wer sich aus dem Fenster lehnt, muss sich nicht wundern, wenn er ein Ei an den Kopf kriegt.

Spürst du beim Schauspielen manchmal Scham, bei gewissen Szenen?  

Klar. Wenn es eine Nacktszene gibt, bei der man sich in der Dusche einen runterholen muss, dann ist das so oder so scheiße. Aber wenn die Figur das verlangt, dann sage ich: alles klar. Das ist auch für mich nicht einfach, aber ich bin nunmal Künstler und kein verklemmter Bankangestellter.

Dein Beckenbauer-Coup, bei dem du ihn für tot erklärt und es damit auf die Titelseite der BILD geschafft hast, erinnert an das, was Jan Böhmermann heute sehr erfolgreich betreibt: Das analoge Hacken der Medien und deren Lesern. Siehst du dich deiner Methode beraubt? 

Nein, Jeder kann machen was er will. Ich bin jetzt nicht der größte Böhmermann-Fan. Manchmal finde ihn lustig und manchmal finde ich ihn doof. Ich stehe eher auf Typen wie Hape Kerkeling, den finde ich gut. Ich bin jetzt ein bisschen irritiert, dass ihr das überhaupt ansprecht, da kann sich ja kaum jemand dran erinnern. Aber das war natürlich legendär und ziemlich geil, da hatte ich großen Spaß. Ich wusste auch gar nicht, mit wem ich mich da anlege, der FC Bayern ist ja ein riesiges Unternehmen und kamen mir sofort mit einer Verleumdungsklage. Beckenbauer selbst hat dann gesagt: Lasst den Jungen in Ruhe, der ist in Ordnung, und hat mir ausrichten lassen: Liebe Grüße, Totgesagte leben länger.

Du hast eine ganze Lesereihe lang aus der Bibel vorgelesen. Was bedeutet dir Religion? 

Das ist eine ganz schwierige Frage. Ich denke, an irgendwas glaube wir alle – ich zumindest nicht an einen alten Mann mit weißem Bart, aber woher Religion kommt und warum sie so wichtig ist für sämtliche Kulturen auf unterschiedliche Art und Weise, das interessiert mich. Jesus Christus ist ein absoluter Revolutionär gewesen, ein durchgeknallter Hippie. Ich glaube nicht daran, das er übers Wasser gegangen ist, aber er hat den Mut gehabt, zu sagen: das was ihr macht, ist Scheiße. Er hat Dinge in Frage gestellt. Deswegen setze ich mich gerne mit der christlichen Lehre unserer Kultur auseinander, weil das für mich sehr existenziell und irgendwo auch unglaublich schön ist. Und durch die Lesereihe bin ich ein verdammt guter Priester geworden.

 

Das Gespräch führten David Kurt Karl Roth und David Jenal.

Category: Special

Tags: Ben Becker, Bitter Diaries, München

Von: David Jenal

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