Im Interview: ATELIER ROSENBAUM

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In der Kunstwelt ist Berlin Königsklasse: Bei der in wenigen Tagen beginnenden Venedig Biennale 2017 sind ein Dutzend Künstler dabei, die wohnhaft in Berlin sind. Im Gegensatz dazu gibt es immer noch erschreckend wenig relevante Berliner Modemacher / Marken.

Zu den Lichtblicken zählen GmbH oder das Merchandise von 032c. Oder aber, noch jung, vergleichsweise unbekannt: ATELIER ROSENBAUM. Ein neues Labels, welches kürzlich die Berlin Alternative Fashion Week eröffnete.

Hinter “Atelier Rosenbaum” stecken Tim und Valentin – beide blutjung, ambitioniert und mit einem beeindruckend guten Gespür für zeitgeistiges Design. Bei ihrem Brand sind sie Fotografen, Designer, Models und Organisatoren zugleich.

Wir sprachen mit dem Duo kurz vor ihrer ersten Show über den Einfluss von Social Media, Feindschaft, Liebe und die Inspirationsquelle Osteuropa.

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Tim, du hast zuerst angefangen mit „Atelier Rosenbaum“. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Valentin?

Tim: Eigentlich ist es lustig, dass wir heute zusammenarbeiten, denn früher waren wir verfeindet. Das war so ein Gang-Ding – ohne uns wirklich zu kennen. Valentin war in einer anderen Gruppe, ich und meine Homies waren in einer anderen Gruppe. Dann sind wir zufällig in eine Klasse gekommen, als ich die Schule gewechselt habe. Das war anfangs mega strange, weil wir auf einmal jeden Tag aufeinander hockten. Doch so kam es, dass wir uns immer besser verstanden haben.

Und wie kam es schlussendlich zur Zusammenarbeit?

Valentin: Das war eher so ein Probe-Ding. Tim hat mich irgendwann gefragt, weil er wusste, dass ich auch in die Richtung interessiert bin und ein paar Sachen gemacht habe. Als er dann das Projekt geplant hat, hat er mich gefragt, ob ich Bock hätte ein bisschen mitzumachen. Anfänglich war das nicht darauf ausgelegt, dass wir zusammenarbeiten werden.

T: Ja, das war eher so ein Hängen. Ich habe gesagt, was ich so vorhabe und er hat gesagt, was er so vorhat. Dann dachte ich mir: Ja, das könnte passen, das wäre cool, das wäre interessant.

Tim (links), Valentin (rechts)

Wie ist eure Aufgabenverteilung? 

V: Das ist sehr durchmischt würde ich sagen, wir nehmen zu zweit eigentlich ziemlich viele Rollen ein. Aber trotzdem ist Tim immer noch die Person, die hauptverantwortlich leitet.

T: Ich kümmere mich eher um Dinge wie Planung, dass bestimmte Sachen eine Deadline haben und die dann auch bis dahin fertig sind, ich schreibe mit Leuten und connecte alles mehr oder weniger. Valentin hat auf jeden Fall großen Einfluss auf den kreativen Part. Das ist auch ganz interessant, weil wir ein ziemlich unterschiedliches Verständnis von Ästhetik haben. Ich bin fasziniert vom abgefuckten Heroin-Junkie-Look, Valentin im Gegensatz dazu ist Fan von einer cleanen Ästhetik. 

Gab es Situationen, in denen ihr euch aufgrund eurer unterschiedlichen Auffassung von Ästhetik uneinig im Design-Prozess wart?

T: Ja, immer wieder. Gott sei Dank! Doch das gehört zum Prozess dazu. Das ist gut und wichtig! Es passiert oft, dass Valentin sagt: Das müssen wir ganz schlicht machen – das Patch ist jetzt eins zu viel, wie bei unserer alten Kollektion. Dann diskutieren wir ewig, schieben und gucken und schauen, wie wir zu einem für beide Seiten zufriedenstellenden Ergebnis kommen. Aber auch das ist interessant, weil wir oft mit Kontrasten arbeiten, wie Arm-Reich, Ost-West. Ich glaube es wird immer so sein, dass wir Kontraste aufgreifen, welche auf den ersten Blick nicht wirklich miteinander funktionieren und es dann eben doch tun. Wir geraten also oft aneinander, aber das ist gut. Wären wir uns immer einig, wäre es zu einfach.

Ihr seid 18 und 20 Jahre alt, wie sehr hat euch Social-Media beeinflusst?

T: Ich finde es geht noch. Ich habe ein paar Kumpels, die 16, 17 sind. Bei denen ist es krass, die haben ein Smartphone seit sie neun sind. Ich denke, dass wir die letzte Generation sind, die noch beides kennt: Lego und iPhone etc. Wir können da noch gut differenzieren, denke ich. Doch durch das Internet ist eben alles verfügbar, was alle Bereiche beeinflusst, auch das Design. Man lässt sich in erster Linie nicht mehr durch Sachen inspirieren, die man auf der Straße sieht. Das Internet bleibt zwar der einfachste und bequemste Weg sich Informationen zu besorgen, aber ich finde es ist immer noch wichtig den alten Weg zu gehen und sich die Inspiration über die Straße, über den Kontakt mit Menschen, durch den Alltag und nicht nur durch das Internet zu holen.

Was war euer modisches Erwachen? Wann habt ihr euch bewusst für Mode interessiert?

T: Mit 11 oder 12. Das war damals tatsächlich diese Stuttgarter Szene mit Cro. Die in den Anfangsjahren zumindest viel gemacht hat. Da habe ich auch das erste Mal Supreme gesehen und ich mir dachte: Okay, was ist das? Dann zwei Jahre später habe ich mit Richard, einem Skater-Dude unser erstes Label gegründet. Von jetzt aus betrachtet war es ein Witz. Trotzdem cool irgendwie, Gildan Shirts zu bestellen, die zu bedrucken und an unsere Freunde für den Einkaufspreis weiterzugeben. Es war ein Versuch, eine coole Erfahrung.

Valentin, du als Verfechter der cleanen Äshtetik – wer sind deine Stilvorbilder?

V: In erster Linie Acne Studios. Da haben wir auch sehr viel geschaut und viel Inspiration daraus genommen, weil die sehr klar mit Farben arbeiten und einen sehr klaren Schnitt haben.

Tim, was beeinflusst dich?

Gerade relativ stark Kiew, Warschau, all das was im Ostblock passiert. Ich glaube da holen gerade viele ihre Inspiration. Mich interessieren die Subkulturen. Die Stile, welche man auf Raves in Kiew findet. Das ist auch der Grund, warum wir die nächste Kollektion in Kiew zeigen wollen. Anton Belinskiy finde ich super. Es ist interessant, wie die westliche Mode von den alt eingesessenen Ü30ern in Osteuropa als schwul angesehen wird.

Bei eurer ersten Kollektion wurde viel Camouflage genutzt. Was war die Idee dahinter?

T: Grundsätzlich war es die Idee das Thema Kiew einzuleiten. Wir haben geschaut, was hier vor 25 Jahren passiert ist und inwiefern sich das heute noch äußert und Ost und West noch eine Rolle spielen. Bei mir hat es angefangen als Russland immer aggressiver wurde. Ich habe überlegt, was das für mich bedeutet. Meine Eltern sind im Osten aufgewachsen, ich selbst habe nur „westliche“ Freunde. Manchmal gibt es Situationen, in denen man es noch merkt. Dann kann es ziemlich strange sein, wenn jemand aus dem tiefsten Westen nach Berlin zieht. Wenn du mit dem sprichst, spürst du als Kind eines Ossis eine gewisse Disparität. Wir haben überlegt in Form von Mode Aspekte der Vergangenheit verschiedener Länder zusammenzuführen. Und so Entschiedenes über Armeen zu erfahren. Die NVA, die russische Armee, die amerikanische und französische Armee sind mit in unsere Kollektion eingeflossen. Wir haben alte NVA Hosen, die 50 Jahre alt sind eingekauft und mit Patches, dem Inbegriff des Punk-Seins, dem Amerikanischen versehen und dort ganz stark diesen Clash verdeutlicht.

Das Muster  Camouflage kommt aus dem Militärischen, wird inflationär genutzt und ist im Mainstream angekommen – ist es mittlerweile nicht bedeutungsleer?

T: Ich glaube in unserer Blase ist es Mainstream, aber sobald du aus dieser Blase austrittst und auf die Straße schauen die Leute dich komisch an. “Ist der jetzt wirklich bei der Armee und was machen die Patches da drauf? Früher war das aber nicht so.” Klar, bei uns ist es Mainstream, aber im größten Teil der Gesellschaft ist es das, was es für uns ausgesagt hat. Frieden schaffen durch Gewalt.

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Category: Special

Tags: Alternative Fashion Week, Atelier Rosenbaum, Berlin

Von: Angelika Watta

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