Größer als die Szene: Megatrends und ihre Auswüchse

In den vergangenen Jahren haben es eine Subkultur und eine Musikrichtung geschafft, mit einer Vielzahl ihrer Codes, Eigenheiten und Riten in den Mainstream einzuziehen. Das führt nicht nur zu großer Freude – vor allem “innerhalb” der Szenen.

An dieser Stelle standen im letzten Jahr unzählige Artikel über so ziemlich jede Zusammenarbeit von Adidas mit Palace Skateboards, den Hype um das Thrasher-Logo, neue Supreme-Kollektionen, Entwürfe aus dem Hause Vans und die Machenschaften von Tyler, the Creator und Crew. Dem findigen Leser wird schon jetzt klar sein, was all diese Themen und Marken vereint: es ist die mehr oder weniger direkte Verbindung zu einer Subkultur, die seit geraumer Zeit Hochkonjunktur genießt im Geschmack des Mainstreams: Skateboarding.

Befeuert nicht nur durch in der Öffentlichkeit stehende Personen wie Justin Bieber und Rihanna, die plötzlich durch Kreuzberg skaten und T-Shirts und Hoodies mit dem Thrasher-Logo auf der Brust tragen, sondern auch durch Designer und Modelabels wie Gosha Rubchinskiy, Bianca Chandon und die bereits genannten Supreme und Palace Skateboards, hat sich ein Trend fernab der eigentlichen Subkultur entwickelt.

40 Jahre, nachdem die Z-Boys erstmals in Venice Beach durch leere Swimming Pools fuhren und damit sowas wie den Grundstein der heutigen Skater-Kultur legten, sind nicht mehr Leidenschaft und Hingabe für den Sport das, was zählt,  sondern rein visuelle Codes. Skateboarder laufen als Models für große Modehäuser, darunter Louis Vuitton und DKNY. Hermes präsentiert seine neueste Schal-Kollektion mit einem Skateboard-Video und Skinny Jeans-Gigant Cheap Monday zeigt seine Kollektion in einem Skatepark.

Das kommt nicht überall gut an. Für diesen Artikel wollten wir – sinnigerweise – mit “Szeneangehörigen” sprechen. So wirklich Lust darauf hatte niemand, im Gegenteil: Anfragen wurden ignoriert oder stellten sich im Vorfeld gleich als unsinnig heraus: ihren Unmut darüber, dass auf einem Modemedium, das erstmal nichts mit Skateboarding zu tun hat, über die modischen Auswüchse IHRER Kultur geschrieben wird, haben ein paar Berliner Skater nämlich schon hinter vorgehaltener Hand kommuniziert.

Das ist in vielerlei Hinsicht verständlich wie enttäuschend. Zunächst einmal ist ein bisschen Frust natürlich nachvollziehbar, wenn einer Szene mit ihrem Trend-werden die Alleinstellungsmerkmale verloren gehen. Letztlich ist es aber eine Illusion, in Zeiten des Internets und damit unbegrenzter Vernetzung Szenen mitsamt ihrer Codes klar definieren und abgrenzen zu können. Und die zur Schau getragene Dauerfrustration über die das Unwissen des Mainstream über die Geschichte und den Kern einer Subkultur ist ohnehin in hohem Maße nervig. Der Versuch, das Wissen, an dem der Szene ja so viel gelegen zu sein scheint, einfach mal zu vermitteln, wäre da deutlich hilfreicher.

Eine ähnliche Entwicklung wie im Skateboarding lässt sich auch im Deutschrap beobachten. Vom Sorgenkind der Musikindustrie ist das Genre in den letzten Jahren zur “Cashcow” geworden. Deutsche Rapper sorgen wöchentlich für Charteinstiege in die Oberen 10, Tourneen und Festivals sind ausverkauft und die Größten im Geschäft stilbildende Vorbilder für die Jugend dieses Landes. Kurzum: Deutschrap ist Mainstream und relevanter und einflussreicher denn je.

Und auch hier macht sich eine Abwehrhaltung innerhalb der Szene breit, über die man sich zumindest wundern muss. Erst kürzlich stritt sich Falk Schacht, vermeintlicher Großmeister des deutschsprachigen Hiphop-“Journalismus” und wichtiger Teil der Szene, recht intensiv im Rahmen einer Diskussion auf dem Reeperbahn-Festival mit einem Welt-Reporter, der nichts weiter tat als den selbsternannten Journalisten Schacht an die Grundsätze zu erinnern, die der Journalismus nunmal mit sich bringt. Dass eben diese Grundsätze längst der viel zu großen Nähe von Berichterstatter und Musiker zum Opfer gefallen sind, ist Schacht aber schlicht egal: die Kritik kommt schließlich von “außen” und ist so für ihn, den Szeneninternen, erstmal minderwertig und schlicht unbedeutsam.

Das ist in diesem Fall nicht nur ignorant, sondern auch fahrlässig: Rapper haben großen Einfluss auf Jugendliche, sind Vorbilder und Identifikationsfiguren. Es braucht eine Instanz, die die teils in juristischen Grauzonen und am Rande der Menschlichkeit zu verordnenden Aktionen der Musiker einordnet und sagt: das geht so nicht. Gibt es diese Instanzen “innerhalb” der Szene nicht, so erfüllen diese Funktion eben die großen, klassischen Medien.

Das Beispiel zeigt erneut, welch tiefe Abneigung einzelne Teile von Szenen dem “Rest der Welt” gegenüber haben. Das Denken in “innen” und “außen”, in die besonders im Deutschrap gerne unterteilt wird, ist aber leider ähnlich fortschrittlich und ausgrenzend wie die Rassentheorie.

Die reflexhafte Abwehrhaltung in Folge einer vermeintlichen Vereinnahmung einer Szene durch den Mainstream und dem damit verbundenen Anstieg von Interesse, Professionalisierung und Kommerzialisierung scheint kein Einzelfall. Das ist schade, nicht sehr reflektiert und vor allem: erzkonservativ. Und das ist doch wirklich das letzte, was eine Szene oder Subkultur sein will.

Category: Special

Tags: Megatrend, rap, Skateboarding

Von: David Jenal

Foto: Pictures from Hell

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