#girlboss

Hier sitze ich nun und frage mich, warum so viele Frauen sich selbst so klein machen und einem männlich-geprägten Ideal hinterherrennen, das doch ohnehin niemand mag.

Neben GUCCI, russischem Proll-Look, Snapchat und veganem Fastfood gibt es aktuell noch einen Trend, der in unserer kleinen Fashion-Bubble angesagter nicht sein könnte: #girlboss

Bei Instagram finden sich allein gut 2 Millionen Fotos mit dem Hashtag und in der Modewelt scheint sich aktuell alles um die Selbstermächtigung von Frauen und dies gern auch im Kollektiv zu drehen.

Das ist einerseits natürlich total richtig, vor allem in einer Branche, in der die großen Konzerne tatsächlich immer noch allesamt von Männern geführt werden (selbst bei PRADA ist es der Mann von Miuccia Prada, der CEO ist; Miuccia selbst ist “Chairman” – uff!).

Andererseits zielt dieses Betonen von weiblicher Stärke und weiblichen Netzwerken in eine falsche Richtung. Der “Boss” an sich ist eine nicht sonderlich positiv konnotierte Kategorie.

Wer “bossy” ist, ist mir erstmal nicht besonders sympathisch, wer es sich selbst zuschreibt oder einfach nur gern wäre, umso weniger.

Auch in Kombination mit dem Begriff des “Girls” knirscht und knackt es ziemlich. Im Deutschen wird das vielleicht klarer: “Mädchen”. Auch wenn man nicht weiß – oder wie ich nachgelesen hat -, dass das Wort “Mädchen” eine Verkleinerungsform ist, ist offensichtlich, dass ein Mädchen eben noch keine er- wie ausgewachsene und damit in jeder Hinsicht reife Frau ist. Wer sich als Frau Mädchen nennt, macht sich selbst kleiner.

Ein #girlboss möchte also, so verstehe ich, Macherin sein, gleichzeitig aber auch schutzbedürftig, minderjährig und ja, sicher auch irgendwie süß.

Ein Boss ist, wenn er seine Funktion ernst nimmt, nämlich vieles, aber sicher nicht supersweet. Und eine Frau ist, wenn sie Boss sein möchte, wohl eher auch keine verkleinerte Frau, kein “Girl”. Die Selbstermächtigung wird so im gleichen Atemzug schon wieder zurechtgestutzt, der Boss wird verkleinert.

Ebenfalls kritisch sehe ich die Tendenz hin zu offensiv kommunizierten #girlboss-Netzwerken und -Kollektiven. Zum einen ist die Rolle eines Bosses die eines Vorgesetzten. Es liegt in der Natur des Bosses, dass es ein oben (er oder sie) und ein unten gibt (Befehlsempfänger) gibt. Ohne Untergebene kein Boss. Wenn jeder, wie in einem Kollektiv sehr sympathisch angedacht, gleich ist, kann und sollte es auch keinen Boss geben. Das ganze Rumgebosse funktioniert da schlicht nicht mehr – und wenn doch, ist es ein irgendwie blödes Kollektiv.

Ich frage mich ohnehin, warum diese ganze Wortklauberei sein muss. Ich finde nicht, dass eine Frau besonders darauf hinweisen muss, dass sie der Boss ihres eigenen Lebens oder ihres Unternehmens ist. Auch ist ja gar nicht erwiesen, dass eine Frau immer ein besserer Boss sein muss, als ein Mann. Diese zumindest so ein bisschen sexistische Unterstellung schwingt ja immer ein wenig mit, bei all dem Stolz auf die girly bossiness (wörtlich übersetzt übrigens: mädchenhafte Herrschsucht).

Dass der Ober-Girlboss Sophia Amoruso, die mit einem Online-Shop für Vintage-Klamotten reich und mit dem Ratgeber “Girlboss” berühmt wurde, in ihrem Buch dann auch so klassische Idioten-Tipps gibt, wie “Deine Mitarbeiter sind nicht deine Freunde”, zeigt, dass hinter dem Begriff des #girlboss’ dann eben doch nur die Idee liegt, genauso ein Arschloch-Chef zu sein, wie ihn (sie!) ja nun wirklich niemand gern hat.

#girlboss my ass, weil #boss my ass!

Diese ganze Boss-Nummer verengt das Empfinden der eigenen Lebensleistung ohnehin auf einen rein ökonomischen Gedanken. Bei Freundschaften, bei Spaß, bei Glück gibt es jedenfalls keinen Boss. Da ist jeder gleich.

Warum macht denn nicht einfach jeder, was er oder sie mag? Und wenn das wirtschaftlich oder persönlich erfolgreich ist, ist das total gut, völlig egal, welches Geschlecht man hat. Dann ist die Person vielleicht einfach super oder die Idee oder das Produkt. Ist doch okay. Aber das muss doch nicht gleich ein Geschlecht haben. Wir sind doch wirklich schon weiter.

Hier sitze ich nun also und frage mich, warum so viele Frauen sich selbst so klein machen und einem männlich-geprägten Ideal hinterherrennen, das doch ohnehin niemand mag. Vielleicht kann mir das ja jemand mal erklären. Gerne eine Frau, kein Mädchen. Und bitte nicht bossy.

P.S.: Ich bin sehr froh, dass David und ich keine #boybosse sind und kein #boypowercollective – sondern einfach nur zwei Freunde, die gemeinsam an der selben Sache arbeiten.

Category: Trends

Von: Carl Jakob Haupt

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