Frankfurt

Ich hatte ja nun schon länger das Gefühl, dass hier was gehen würde. Vor etwa zehn Jahren hatte ich einen Sommer hier verbracht und fand es damals schon alles sehr gut. Dann haben mich aber Hamburg und Berlin doch mehr gepackt. Vor einigen Jahren dann habe ich aus der Schweiz kommend und Richtung Norden fahrend extra einen Stopp eingelegt, um im “7 Bello”, dem besten Italiener nördlich der Alpen zu essen. Eigentlich war da schon alles klar, denn am Bahnhof versuchte mich ein Junkie, dem ich noch wenige Sekunden vorher einen sehr gutes Almosen gegeben hatte, meines Rucksacks zu berauben. Das fand ich gleich dermaßen abgewichst und cool und wollte eigentlich hier bleiben (trotzdem war ich natürlich froh, dass der Raub nicht geglückt war). Hin und wieder war ich seitdem in Frankfurt und jedes mal war es gut und die Sonne schien oder es regnete und immer hat es gepasst.

Jetzt also war ich mit David nach Frankfurt geflogen, weil man uns mit dem Versprechen gelockt hatte, eine Rennfahrt im brandneuen Opel “Insignia” durch den Taunus machen zu können. Also flogen wir hin und rasten mit dem Wagen durch die Landschaft, aber bald dann auch wieder in die Stadt rein, weil die es doch war, die uns interessierte.

Auf der Taunusstraße posierten wir in glänzenden Anzügen vor dem ebenso glänzenden Auto und vor Rotlichtschuppen, bei denen der Lack schon eher matt war und das glänzen nur noch in den Augen der verbliebenen Angestellten zu finden war, die hier schon zu lange saßen.

Sofort war klar, was wir als nächstes tun müssten. Wir würden zumindest ein, zwei mal im Monat nach Frankfurt umsiedeln müssen und dort mit unseren neu gewonnenen Freunden einen Striptease-Laden aufmachen. Der Name jedenfalls stand sofort fest: DAS STRIPTEASE.

Drei Stangen sollte der Laden haben und eine sehr gute Bar und Spiegel an der Decke, runde Sitzrondells, Teppichboden. Und natürlich müsste “Das Striptease” im Bahnhofsviertel liegen, diesem Viertel zwischen Rotlicht, Halbwelt, Drogenszene und In-Restaurants. Eigentlich, das war uns klar, spielt sich alles hier ab, was wichtig ist. Weiter würden wir nicht gehen müssen. Und weiter gingen wir auch nicht: wir inspizierten die Szene, gingen ins “Stanley Diamond”, das “Maxie Eisen”, diese eine Bar neben dem “Levi’s Hotel” und dann weiter. Hier war alles lebendig und die Leute gut drauf. Rüsselsheim war weit weg und wir waren froh den Wagen am Hotel stehen gelassen zu haben. Man konnte ohnehin alles zu Fuß erreichen. Das geht nämlich in Frankfurt – und das geht nicht in Berlin oder München und in Hamburg des Wetters wegen schon gar nicht.

Frankfurt war gut zu uns und wir wollten es zu Frankfurt sein, dachten wir, besiegelten den Gedanken mit einem festen Handschlag zwischen einander und mit den neuen Freunden und auch mit einem vorbeikommenden Fremden, der uns danach nach etwas Kleingeld fragte, das wir ihm gaben.

Um ein Haar verpassten wir am Folgetag den Flug, denn es war noch nicht Zeit abzureisen oder auf jeden Fall bald Zeit wiederzukommen. Mit einem Affenzahn heizte ich im “Insignia” mit geöffneten Fenstern und geschlossenem Gurt einen unorthodoxen Weg Richtung Flughafen, parkte den Wagen mit leider nicht quietschenden Reifen im “Business Parking”-Bereich und fühlte mich absolut im Recht: ich war geschäftlich hier und ich würde geschäftlich wiederkommen.

Frankfurt ist das neue Ding und so flog ich wehmütig nach Berlin und wusste was ich zu tun habe.

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Fotos: Harald Opel

Anzüge: Maßanfertigungen von ATELIER NA

Category: Trends

Von: Carl Jakob Haupt

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