Einfache Botschaften: Mode in unübersichtlichen Zeiten

Das Leben wird unübersichtlicher, die Botschaften einfacher – auch in der Mode. Das hilft nicht weiter.

Wer in Syrien nun gegen wen kämpft, warum Russland und die Türkei sich plötzlich trotzdem verbrüdern, wann der Klimawandel den Planeten endlich so richtig umkrämpelt, was mit den viel zu vielen Menschen passiert, wenn alle plötzlich Durst haben, was Google eigentlich so vorhat, mit und in der Zukunft, und warum es in Deutschland keine öffentlichen Denker mehr gibt – die Antworten darauf sind unübersichtlich oder eben keine. Die Welt ist kompliziert.

Und was tut die Mode, die doch nun wirklich jede Freiheit hat? Sie setzt auf einfache Botschaften.

Die Kult-Labels der Stunde vereinfachen, was es nur zu vereinfachen gibt. Gosha Rubchinsky setzt auf den mittlerweile satt gesehenen Kontrast zwischen halbwegs queerer Skateboard-Gegenkultur und plattestem russischen Nationalismus. Und das nach wie vor allerorts gefeierte Kollektiv (allein das schon: unangenehm großspurig) Vetements schreibt Tumblr-taugliche Kalendersprüche wie “May The Bridges I Burn Light The Way” auf nicht mal mehr viel zu große Kapuzenpullover.

Diese Einfachheit stellt keine Fragen. Diese aktuell so angesagte Mode, die sich dann doch meist eben nur an der Mode orientiert, die zur Jugendzeit der Designer Gosha Rubchinsky und Demna Gvasalia (Vetements) auf MTV hip war, ohnehin nicht. Das kennen wir, das weist in die Vergangenheit, in die eigene Jugend, als die Welt noch leichter einzuordnen war und MTV bunten Pop und Stars gezeigt hat.

Aber Stars gibt es nicht mehr und Pop auch nicht. Von beidem sehen wir maximal noch die Ausläufer in Form von ehemaligen Disney-Stars, wie Justin Bieber und Miley Cyrus, oder Protegés von zu damaligen Zeiten bekannt gewordenen Künstlern (Rihanna). Jeder ist jetzt ein Star – und damit keiner. Das Selfie, Sinnbild unserer Zeit, zeigt das überhöhte und im Glücksfall idealisierte Selbst, und das möglichst 24 Stunden (Snapchat).

Das wiederum passt dann doch ganz gut zur Mode von Vetements und Gosha Rubchinsky: beide verweisen auf sich selbst, auf ihre Sozialisation und damit auf das Gestern.

Was Heute ist oder Morgen kommt, sagt uns keiner. Dabei wollen wir doch genau das wissen.

Der für knapp 1.000,- Euro erhältliche Vetements-Pullover mit der Aufschrift “Justin 4 ever” hilft dabei nicht weiter.

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Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

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