Eine einzige No Go-Show: die Berliner Fashion Week

Mindestens zwei Leserbriefe haben uns in den vergangenen Tagen erreicht, die fragten, wo denn unsere Schau-Empfehlungen und vor allem auch, wo die als “No Go-Shows” bezeichnete Anwesenheitswarnung für Modenschauen auf der Berliner Fashion Week in dieser Saison seien. Sie werden also: schmerzlich vermisst.

Um ehrlich zu sein, hatten wir schlicht kein Pulver, das wir hätten verschießen können. Die “Go-Shows”, eine Auflistung dreier sehenswerter Shows hätten wir zwar easy schreiben können – Julian Zigerli, Mads Dinesen, Sopopular – doch die “No Go-Shows” haben wir einfach nicht gepackt. Wen hätten wir in die Top 3 wählen sollen? Zu welcher Show sollte man auf keinen Fall gehen? 

Die ehrlichste Antwort lautet: neben den drei “Go Shows” findet nichts interessantes auf der Berliner Fashion Week statt. Ein Spaziergang durch die nächstgelegene H&M-Filiale bietet einen besseren Überblick über aktuelle Trends und Moden – und zeigt im Zweifel sogar bessere Schneiderkunst. Das ist die harte Realität.

Auf der Berliner Fashion Week wimmelt es nur so vor unambitionierten Labels, die gar nicht erst versuchen, den großen Wurf zu machen. Hier werden Kapuzenpullover gezeigt, schlecht sitzende Anzüge – im schlimmsten Fall “mit einem eigenen Dreh” -, und maue Abendkleider für ein glamouröses Silvester in Eppen-, Zehlen-, Düssel- oder irgendeinem anderen deutschen -dorf.

Darf man mehr erwarten von Mode, die auf dem Laufsteg gezeigt wird? Wir finden ja – und gucken deshalb neidisch auf die immer stärker werdende London Collections:Men, die junge britische Herrenmode-Woche, oder nach Kopenhagen. Beide Fashion Weeks kommen sicher mit weniger Geld, mit weniger Glamour und mit weniger Medienaufmerksamkeit aus – und doch zeigen sie: um Längen bessere Mode.

Während sich in Deutschland hanswurstige Corporate Fashion-Designer auf die schnelle eine Abendkleider-Kollektion aus den dicken Fingern saugen, um etwas zu haben, worüber die Boulevard-Presse berichten und zu dem jedes noch so kleine Reality-TV-Sternchen ein nichtssagendes Bonmot in die Kameras von RTL, Pro Sieben und Vox – für die Mode außerhalb der Fashion Weeks vor allem aus Heidi Klum und Nachwuchsmodel-Dramen besteht – aufsagen darf, werden im Ausland die Trends gesetzt.

Berlin wird seinem Ruf als hippe Stadt, als urbaner Schmelztiegel und Gradmesser aktuellen Zeitgeists, als Ort des Neuen, des Kreativen, auch des Wilden damit nicht nur nicht gerecht, sondern stellt einen jeden, der in seinem Leben auch nur einen guten Satz über den Trend-Appeal dieser Stadt verloren hat, als saudämlichen Lügner bloß.

Unseren internationalen Gästen konnten wir so nur abraten, vom Besuch der Shows am Brandenburger Tor. Wir haben uns stattdessen verabredet, für die Fashion Week in Kopenhagen, in zwei Wochen – und sind dann schlafen gegangen. Auf dass es bald vorbei geht.

Den drei oben genannten Labels würden wir derweil übrigens raten – die großen deutschen Marken Hugo Boss, Escada und Strenese haben es vorgemacht -, sich von Berlin zu verabschieden: Julian Zigerli hat den ersten Schritt nach Mailand schon gewagt, Mads Dinesen könnte in seinem Heimatland Dänemark sicher genauso gut zeigen und Daniel Blechmann von Sopopular erzählt ohnehin ständig von seinen Londoner Einflüssen. Wenn die drei unserem bescheidenen Rat folgen sollten, können wir zur nächsten Berliner Fashion Week auch endlich wieder unsere “No Go-Shows” veröffentlichen. Dann hieße es: die komplette Fashion Week ist No Go-Area. Und wir alle könnten zu Hause bleiben.

Schade eigentlich.

Von: Carl Jakob Haupt

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