Die Welt dreht sich weiter: Eine Antwort auf „All you need is less“ von Wäis Kiani

Wir schreiben das Jahr 2016. Die Welt und mit ihr die Modebranche verändern sich immer schneller, finden sich in einem stetigen, spannenden Wandel wieder. Die momentanen Veränderungen, welche nach Jahrzehnten des selben Systems nicht nur dringend notwendig, sondern richtig und wichtig sind, scheinen aber nicht jedem zu gefallen.

Auf der Website der F.A.Z. ist am Donnerstag ein Artikel erschienen, dessen Autorin sich offensichtlich schwer tut mit Vielem, was momentan passiert. Wieso und warum, das geht aus dem Text nicht so ganz hervor. Fest stelle ich aber, dass ihre Meinung doch sehr stark von der meinen abweicht. Daher findet die Autorin des Texts, Wäis Kiani, jetzt und hier meine Antwort auf „All you need is less“.

Ihr Artikel lebt ganz allgemein von nichts als der Rückbesinnung auf die „gute, alte, prähistorische Ära“, in denen ja alles besser war. Diese arrogant-quengelige Nostalgie hilft aber nicht; um das zu realisieren reicht ein kurzer Blick zwischen Prada-Mantel und Jil Sander-Cocktailkleid hindurch auf aktuelle politische Entwicklungen.

Die Aussage, Designer und Trends hätten „das Ende der Fahnenstange“ erreicht, wird in „All you need is less“ mit den Kopien von Designer-Kollektionen durch Fast-Fashion Ketten begründet. Hier zu resignieren und Hedi Slimane, der bewusst trashige Teile designen wollte, verantwortlich zu machen, ist sehr deutsch und wenig förderlich. Viel wichtiger wäre, die aktuelle Entwicklung hin zu einer See-and Buy-Struktur zu sehen und zu benennen, die genau dieser Problematik Einhalt gebieten kann.

Niemand wird gezwungen, 4000 Euro für ein Abendkleid zu zahlen. Sich über ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis bei Designermode zu echauffieren, ist mehr als scheinheilig, war sie doch schon immer einer kleinen Elite vorbehalten und gewann genau dadurch an Reiz und Mythos.

Die Kritik an Vetements im Text ist durchaus gerechtfertigt. Die Preise des Labels sind überzogen, die Entwürfe spannend, aber nicht königlich. Aber die Designleistung von Alessandro Michele, der unbestritten Gucci aus einer mittelgroßen Identitäts-Krise gerettet hat und die Kollektionen des Hauses zu den zeitgemäßesten aller Luxuslabels gemacht hat, als „auf den ersten Blick ganz lustig“ zu verunglimpfen, ist mehr als nur ungerechtfertigt, ja: Sehr antiquiert.

Es gibt mittlerweile mehr als schwarze Acne-Jeans und dunkelblaue Jil Sander-Blusen. Es gibt jetzt Hosen und Jacken, von oben bis unten bestickt mit Blumen, Libellen und Schlangen. Und das ist super so. Es lebe die Flower-Power-Abifete.

Zum Ende des Artikels gibt es noch gut gemeinte Tipps zur Zusammenstellung einer kleinen, aber ausgewählten Garderobe. Ein „must“ dafür sei eine ausgezeichnete Schneiderin, die für einen arbeitet. Das ist angesichts dessen, was „eine Schneiderin“ kostet, leider nichts mehr als ein Schlag ins Gesicht all jener, die sich auch ohne das große Geld stilvoll kleiden. Eine Schneiderin ist kein „must“, sondern – machen wir uns nichts vor – in erster Linie ein Statussymbol.

Und wenn man sich dann zusätzlich allen Ernstes darüber wundert, dass ein Abendkleid nach einer Nacht im King Size (dem wohl kleinsten und stets vollsten Laden der Berliner Nacht) nicht mehr so aussieht wie davor, dann, ja dann weiß ich auch nicht mehr. Ich habe jedenfalls auch im Jahr 2016 großen Spaß an Mode. Denn sie entwickelt sich schneller als je zuvor. Die Welt dreht sich weiter. Willkommen in der Zukunft.

Category: News

Tags: F.A.Z.

Von: David Jenal

Instagram