Die Versace Verarsche in Berlin

Es klang, als würde die große, weite, die schillernde Modewelt endlich auch mal nach Berlin kommen: eine Versace Modenschau im Kronprinzenpalais. An dem Ort also, an dem wenige Tage zuvor die nicht ganz so schillernden Berliner Designer im Rahmen der Fashion Week ihre Entwürfe gezeigt hatten.

Die Modenschau sollte der glamouröse Auftakt sein für die Ausstellung “Gianni Versace Retrospective”, die bis Mitte April 2018 in dem spätklassizistischen Palais am Prachtboulevard Unter den Linden gezeigt wird.

Der gesamte Berliner Modepöbel lackte sich auf, kam und sonnte sich in der Vorstellung, endlich auch einmal auf eine Modenschau des glanzvollen italienischen Luxuslabels eingeladen zu sein. Denn normalerweise zeigt Versace seine Mode auf der Mailänder Fashion Week – und Einladungen dafür sind rar.

Hier in Berlin waren dann aber alle da, die was auf sich hielten:

Marcus Schenkenberg – das ehemalige Männermodel, das zuletzt eher durch seine Teilnahme an Stefan Raabs “Wok-WM” (Team: “Krüger Chai Latte”) auf sich aufmerksam machte, als durch hochkarätige Modeljobs

Lena Gercke – ehemalige Fußballerfrau

Sila Sahin – Soap-Darstellerin

Manuel Cortez – Eintänzer im Privatfernsehen

Palina Rojinski – Schauspielerin (“Rubbeldiekatz”, “Hotel Desire”, “Tatort die Fette Hoppe”)

Mousse T. – das One-Hit-Wonder aus Hannover

Rebecca Mir – zweiplatzierte der sechsten Staffel eines TV-Model-Contests

Albert Eickhoff – Deutschlands bekanntester Modeeinzelhändler und “der Frauenflüsterer von der Kö”

… und so weiter.

Aber auch professionellere Modeleute wie Nachwuchsmodel Adriano Sack von der Tageszeitung “Die Welt”, “032c”-Influencer Marc Göhring und die Berliner Designerin Marina Hoermanseder ließen sich blicken. Die mannshohe Bloggerin Veronika Heilbrunner sorgte sich in ihrer Instagram-Story gar darüber, dass sie in der zweiten Reihe Platz nehmen sollte, wo sie doch mit ihren 150.000 Followern sonst auf allen großen Modenschauen in Mailand, Paris und New York doch sicherlich immer ganz vorne sitzt, in der wichtigen Front Row.

Alle waren also gekommen und ganz aufgeregt.

Eigentlich fehlte nur noch der Clown Riccardo Simonetti. Ach nein, doch nicht: er war natürlich auch da.

Einzig: mit Versace hatte das alles wenig zu tun.

Ein paar Sammler zeigen hier ihren Kleiderschrank. Der Italiener Antonio Caravano und vier weitere Privatleute haben ihre tatsächlich nicht unbeeindruckende Versace-Klamottensammlungen zur Verfügung gestellt. Die Ausstellung war in abgespeckter Version und wenig ambitioniert hergerichtet auch schon in Neapel zu sehen, wo sie nicht sonderlich viele Besucher angelockt hatte. Nun also Berlin, wo die lokale Modeszene nach Glamour lechzt und zu jedem noch so egalen Cocktail-Empfang italienischer oder französischer Luxusmarken pilgert, als wäre es das goldene Kalb.

Die gestrige Modenschau versprühte dann von der Modelauswahl über das Make-Up bis hin zum Styling den Charme einer Kaufhausmodenschau. Den Gästen war das offensichtlich egal oder sie wussten es nicht besser: auf deren Social Media-Kanälen wurde die Schau ganz ordentlich abgefeiert.

In der Via Borgospesso in Mailand hingegen, dort also, wo das Modehaus Versace seinen Sitz hat, waren die Reaktionen eher verhalten. Man habe in keinster Weise mit dieser Modenschau oder der Ausstellung zu tun, heißt es dort. Die Ausstellung ist schlicht nicht autorisiert und die Veranstalter haben sich private Sponsoren geholt, um sie zu finanzieren. Hinter vorgehaltener Hand spricht man in Mailand von einer Beschmutzung der Marke. Eine sehr blonde Dame soll gesagt haben, ihr blute das Herz.

Wie man eine dem reichen Erbe der Marke angemessene Modenschau macht, hatte das Haus Versace im September des vergangenen Jahres selbst gezeigt: in Mailand ließ Donatella Versace die fünf Topmodels Cindy Crawford, Carla Bruni, Naomi Campbell, Helena Christensen und Claudia Schiffer über den Laufsteg laufen – und erwies ihrem 1997 ermordeten Bruder Gianni damit eine weit würdigere Ehre, als das derzeit in Berlin der Fall ist.

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Fotos: © Marko Berkholz

Category: News

Von: Carl Jakob Haupt

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