Die Medien und das Finale von GNTM

Heidi Klum hat vor ein, zwei Tagen eine große Show zum Finale ihrer Sendung “Germany’s Next Topmodel (by Heidi Klum)” veranstaltet. Und während ich nur mehr oder minder beschämende Ausschnitte davon gesehen habe, zum Beispiel, wie Heidi Playback singt oder Michalsky tanzt, haben zwei Journalistinnen von der SZ und SPIEGEL ONLINE sich scheinbar die ganze Sendung angeschaut – und gallige Artikel darüber geschrieben, die aktuell dutzendfach durch meine Social Media-Feeds geteilt werden.

Ich habe die Artikel gelesen und mich sehr über den Hass gewundert.

In der SZ schreibt Juliane Liebert über die Co-Moderatoren Heidi Klums, Michael Michalsky und Thomas Hayo:

“An Heidis Seite sind zwei Typen, deren Namen zu erwähnen irgendwie müßig ist, weil sie ihre Seelen verkauft haben.”

Als wäre es nicht genauso seelenkrämerisch klickgeil über eine natürlich bescheuerte Sendung zu schreiben, wie ebendiese Sendung zu moderieren.

Und weiter gehts:

“Nur eine der vier (Models) kann gewinnen; es gibt ein paar Trostpreise, die von Ex-Kandidatinnen verliehen werden. “Topmodel-Awards” heißen die Trostpreise, sie sehen aus wie Plätzchenausstecher. Die Plätzchenausstecher-Trostpreise werden verliehen für: bester Walk, bestes Shooting, größte PersonalityPersonality muss auf Englisch gesagt werden, weil “Persönlichkeit” uncool ist und die hier ohnehin keiner hat.”

Unklar, warum die Autorin sich hier anmaßt, über die Persönlichkeit der jungen Frauen urteilen zu können. Die dem Finale vorangegangenen Sendungen scheint sie nicht geschaut zu haben, da sie zu Beginn des Artikels damit kokettiert, zwanzig Jahre kein TV geschaut zu haben. Und Heid Klum eine Persönlichkeit abzusprechen, wie brutal die auch sein mag, ist ja auch irgendwie sehr abenteuerlich. Wenn irgendjemand eine Persönlichkeit hat, dann doch wohl sie.

Und auch das Showprogramm hat die medienkritische Journalistin offensichtlich durchschaut:

“(…) die Mädchen (laufen) auf und ab, auf und ab, auf und ab. Robin Schulz und James Blunt spielen dazu, weil sie ihre neuen Alben promoten müssen. “Weltpremiere” wird eingeblendet, falls man’s nicht gemerkt hat.”

Wohingegen Musiker, Autoren und Schauspieler Zeitungen wie zum Beispiel der Süddeutschen ja immer dann Interviews geben und deren Platz zwischen den Anzeigen füllen, wenn sie wirklich was zu sagen haben und nicht etwa dann, wenn es etwas zu promoten gibt. Promoten muss übrigens auf Englisch gesagt werden, weil “bewerben” uncool klingt und das bei der SZ ohnehin keiner macht.

Zwischenzeitlich wünscht die Autorin sich, dass endlich die Werbung kommt, nur um sich drei Absätze später darüber zu mokieren, dass ein Opel verlost wird und Helene Fischer ihre neue Single bewirbt – ups, Korrektur: promotet.

Und dem als Gast geladenen Modedesigner Wolfgang Joop sagt sie nach, er würde Fette hassen und am liebsten hätte er ja gesagt, die auftretende Sängerin Beth Ditto sei fett, aber das ginge ja nicht, der Anführungszeichen Personality Abführungszeichen wegen. Also schreibt Autorin Liebert es. Irgendwer muss es ja sagen. Beth Ditto ist also fett. Na und? Wer hat jetzt was davon, das ausgesprochen zu haben?

Am Ende des Artikels spricht Liebert der Sendung jegliche Schönheit ab und nennt sie hässlich. Für die Gewinnerin möchte sie eine Schweigeminute einlegen, wie bei einem Trauerfall.

Beim Artikel von SPIEGEL ONLINE wird es nur vom Sound her besser, inhaltlich wird auch voll draufgehauen.

Anja Rützel schreibt dort:

“Heidi Klum singt und tanzt “Vogue”, und man fühlt sich wie bei einer leicht provinziellen Abifeier, bei der sich die knochenharte Turnlehrerin, die heimlich nie ihre Kleinmädchenträume von einem Leben in der Glitzerwelt verlor, unerbittlich ins Programm gedrängt hat.”

Und ich frage mich, in welcher Provinz sie aufgewachsen ist, wo die wohl der großen Show-Welt Hollywoods am nächsten stehende Deutsche, der weltweit bekannte, brutal professionelle Megastar Heidi Klum, wenn sie eine Showtreppe in einem silberglitzernden Body heruntergeht und singt, sie an ihre Turnlehrerin erinnert. In der Provinz aus der ich komme, wurde ich von meiner kurzhaarigen Turnlehrerin mit einem Schlüsselbund beworfen, wenn ich mich mit meinen Kameraden oder den Mädchen unterhielt. Es muss eine aufregende Provinz sein, in der Anja Rützel ihre Schulzeit verbracht hat.

Weiter gehts:

“Models sollten eventuell lieber schön umhergehen und dafür eher nicht reden.”

Ja, okay, das kann man so sehen. Aber sich darüber lustig zu machen, wie knapp volljährige Mädchen sich auf einer großen Bühne versprechen, mal ein Wort mit dem anderen vertauschen, ist schon sehr low. Dass Rützel hier wieder an ihre Schulzeit erinnert wird, an die Abirede der Streberin zum Beispiel, könnte sich dadurch erklären lassen, dass die Models eben eventuell noch im schulpflichtigen Alter sind. Und sich über einen Wortdreher in einer Abi-Rede lustig zu machen, hat einen schon damals nicht sympathischer gemacht.

Ich frage mich, wie ich hier so selbstgerecht sitze und die Sendung ja gar nicht gesehen, mir nicht angetan habe, weil ich eben vielleicht auch nicht mehr zur Zielgruppe gehöre, warum man sich an einer Frau wie Heidi Klum, die doch ohnehin schon jeder für völlig überdreht und kaputt hält, noch so abarbeiten muss und warum denn an den jungen Mädchen, die doch einen Traum haben, wie eben viele junge Menschen Träume haben, so einfach und unrealistisch der auch sein mag.

Am Ende ihres Textes beschreibt Rützel den für sie zynischsten Moment des Abends:

“Die “Personality”-Preisträgerin, das Transgender-Model Melina, bittet in ihrer Dankesrede: “Fangt doch bitte an, andere Menschen zu tolerieren. Es ist doch egal, wie einer aussieht oder was einer wiegt.” Und der Beifall der Jury ist der zynischste Moment des ganzen Showschlamassels.”

Zynischer ist es sicherlich, sich das “ganze Showschlamassel” anzuschauen und alle schlimmen Momente nochmal genüsslich in einem viel gelesenen Artikel zur Schau zu stellen.

Dabei hätte es doch wirklich viel zu beschreiben gegeben, wenn man sich denn mit dieser Sendung hätte auseinandersetzen wollen. Dass die feministische Body-positive Ikone Beth Ditto bei einer solchen genormten Körperschau auftritt, zum Beispiel, oder dass eben auch Transgender-Models mitgemacht haben, bei dieser großen Abendgala, die in hunderttausendste Haushalte ausgestrahlt wurde und dass eben nicht alles nur beschissen ist, weil es Show ist und glänzt und dass nicht alles, was schön aussieht immer gleich dumm ist. Aber dafür hätte man sich eben mit dem Inhalt und nicht nur mit der Form auseinandersetzen müssen.

Category: News

Von: Carl Jakob Haupt

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