Die Daur-Werbesendung und der Influencer-Hass

Der Schauspieler Elyas M’Barek und eine biestige Lifestyle-Redakteurin sind sich einig: Influencer ist kein Beruf.

 

Beide verdienen aber mit ähnlicher Arbeit Geld. Huch!

Ich bin dann, jetzt, eine Woche nach Veröffentlichung des Artikels, hoffentlich wirklich der Allerletzte, der sich zum heiß diskutierten Interview mit dem schön naheliegenden Titel “Die Daur-Werbesendung” äußert.

Die Causa lässt sich in aller Knappheit etwa so zusammenfassen: Das Manager-Magazin hat ein Interview mit Deutschlands aktuell angesagtester Influencerin/Bloggerin Caro Daur geführt. Caro hat die Hälfte der Fragen beantwortet und einige Fragen eben nicht. Die Interviewerin hat dann auch die unbeantworteten Fragen veröffentlicht. Das Medien-Magazin “Werben und Verkaufen” (sic!) attestierte dem Manager-Magazin daraufhin, Caro Daur “zerlegt” zu haben und die generelle Meinung war, dass Caro einerseits extrem naiv sei und andererseits Werbe-Inhalte ohne Kennzeichnung auf ihrem Blog und vor allem ihrem Instagram-Kanal zeigt.

Das Interview beziehungsweise die beantworteten Fragen sind so mäßig spannend. Caro erzählt aus ihrem Leben als Influencerin, dass sie, wenn sie nicht gerade in Luxushotels eingeladen wird, in ihrem 15qm Jugendzimmer bei Mami wohnt, und dass sie nie geglaubt hätte, mal für Dolce & Gabbana auf einer Modenschau zu laufen.

Caro mag auf Instagram die aktuell allerbeste sein. Im Beantworten von Interviewfragen könnte sie noch etwas lernen, finden wir und im Zweifel hätte sie das Interview in Gänze ablehnen sollen, als sie die Fragen gesehen hat. Die Interviewerin Bianca Lang fragt dermaßen voreingenommen und, ja, biestig nach, dass man sie auf sämtlichen unbeantworteten Fragen hätte sitzen lassen sollen.

Dass Bianca Lang dann auch noch leitende Redakteurin des “Splendid”-Magazins ist, eines Luxus-Beilegers des Manager-Magazins, und damit quasi Wettbewerberin von Caro Daur um Werbegelder von Luxusmarken, macht die Sache auch nicht gerade hübscher.

“Splendid” wirbt um Anzeigenkunden unter anderem mit folgenden Sätzen:

“Im Vordergrund stehen die Themen Mode, Beauty und Interieur, die journalistisch anspruchsvoll und visuell hochwertig umgesetzt werden. Die manager magazin-Leser erhalten Einblicke in die Welt der Macher und kreativen Köpfe hinter den großen und feinen Luxusmarken dieser Welt.”

Ähnlich könnte man auch Caros Arbeit bewerben.

Das Manager-Magazin fragt unter anderem, und hier antwortet Caro noch ganz freundlich, was genau ihr Content sei und kommentiert, dass ihr Arbeitsalltag, der ja “wirklich so leicht” aussieht, nicht besonders stressig klingt. Wie stressig ein dermaßen hohes und gleichbleibend hochwertiges Veröffentlichen von Content ist, wie es Caro macht, kann sich die Redakteurin scheinbar nicht vorstellen. Aber wer ein zweimal im Jahr veröffentlichtes und mit einem großen Team an freien Mitarbeitern erstelltes Werbe-Heftchen produziert, das natürlich gar nicht den Druck eines Social Media-Auftritts hat, weil es nur um das Verkaufen klassischer Anzeigen geht, kann das natürlich auch nicht nachvollziehen.

Dass Artikel im “Splendid”-Magazin dann zum Beispiel “Die perfekten Sommerlooks” heißen, zeigt, wie nah sich der Content von Caro Daur und dem Magazin ist. Der Vorwurf, Caro würde sich mit ihren Dior-Täschchen und Dolce & Gabbana-Kleidern nicht wie gleichaltrige kleiden, mag stimmen, aber das hat Caro ja auch nie behauptet. Dass sich die “Splendid”-Redakteurin alle im Heft gezeigten “Sommerlooks” von ihrem Redakteursgehalt leisten kann, mag ohnehin mal dahingestellt sein. Sämtliche ihrer Altersgenossinnen werden es aber sicher nicht können.

Dass Caro Fragen zu einer etwaigen Steuerprüfung nicht beantworten möchte und nicht sagt, wieviel Geld sie für einen Post bekommt und wie sie ihr Geld anlegt (“Wie sparst du?”), ist absolut nachvollziehbar. Caro ist Unternehmerin mit, wenn man dem Magazin glauben schenken darf, Millionenumsatz. Einem klassischen Unternehmer würde man solche Fragen sicher nicht stellen. Dafür ist Achtung vor seiner Leistung vor allem beim erfolgsgeilen Manager Magazin meist zu groß. Aber einer kleinen Influencerin, deren Arbeit ja ach so leicht ist und die ja jeder machen könnte, der kann man solche Fragen ruhig stellen.

Die Verachtung gegenüber einem gesamten Berufsstand, die durch die Interviewfragen offenbar wird, hat sich in diesen Tagen auch noch an anderer Stelle gezeigt: Der Schauspieler Elyas M’Barek hat Caro auf dem Werbe-Event einer Uhrenfirma getroffen, ein Selfie mit ihr gemacht, das gespostet und darunter geschrieben “Hab sie nach ihrem Beruf gefragt – sie hatte keine Antwort.”. Daraufhin haben knapp tausend Leute unter das Bild kommentiert, dem Komödiendarsteller recht gegeben und gegen Influencer und deren vermeintlich einfache Arbeit, die ja gar keine ist, gepöbelt.

Dass der Schauspieler auf diesem Uhren-Event ja selber quasi die Arbeit eines Influencers gemacht hat, weil er als Werbegesicht eingeladen wurde, war sowohl ihm als auch den Kommentatoren scheinbar nicht so richtig klar. Oder eben doch und auch er hat Angst um sein einträgliches Geschäft. Denn nächstes Mal bucht die Uhrenfirma vielleicht lieber Caro als Testimonial. Spätestens dann würde das “Fack Ju Göthe”-Sternchen wohl merken, dass es im Jahr 2017 keinen klassischen Beruf mehr braucht, um ein erfolgreiches Business zu führen.

Den Werbepartnern im “Splendid”-Magazin kann man ohnehin nur empfehlen, lieber in Influencer zu investieren. Diese aufwändig produzierten Luxus-Beilege-Heftchen liest doch eh niemand.

Category: News

Von: Carl Jakob Haupt

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