Der Traum vom perfekt sitzenden Anzug

Der Traum vom pefekt sitzenden Anzug

Es gibt – denkt man länger darüber danach – eigentlich nur eine Art von Happening, die sich konsequent dem Trend hin zu Androgynität und Unisex-Garderobe entzieht: Die Abendveranstaltung, auf der Frauen weiterhin Abendkleid und Männer Anzug, Dreiteiler oder Smoking tragen.

Und obwohl die Kleiderordnung in Unternehmen jeder Branche (selbst im Bankenwesen) gelockert wird, Krawatten mancherorts (Soho House) sogar verboten sind und technische und funktionale Mode auch unter Verfechtern von Stil und Ästhetik ein wachsendes Ansehen genießen, steigt die Nachfrage nach hochqualitativen Anzügen immer weiter.

Wem dabei auch ein Acne-Dreiteiler, wie ihn Justin O’Shea die letzten Saisons vor den Venues der Shows in Paris, London und Mailand spazieren trug, nicht gut genug ist, sucht Jemanden auf, der in der heute so abgehetzten und fahrigen Modebranche kaum sichtbar ist: Der Maßschneider.

Mittwoch Vormittag: Im Atelier von Purwin & Radczun am Tempelhofer Ufer begrüßt mich Schneider James mit breitem Britischen Akzent. In Showroom und den Arbeitsräumen zeigt er mir ein paar wenige der 4000 Stoffmuster, aus denen man wählen kann. 60% der der Stoffe bezieht man bei Purwin & Radczun aus Großbritannien, die restlichen 40% kommen aus Italien. Der teuerste Stoff kostet 1000€ pro Meter. Beeindruckend sind die unfertigen Stücke: Unzählige Nähte, Fäden und Markierungen, bei denen mir als Laie nicht im Ansatz klar wird, was sie eigentlich bedeuten, überziehen die sich in einem zwei Monate andauernden Prozess befindlichen Teile.

Die Kunden in Berlin kommen überwiegend aus der Kreativ-Branche, Galeristen, Architekten und Künstler also. In Frankfurt wird erwartungsgemäß vor allem der Finanzsektor bedient. Und in München und Düsseldorf sei nicht ganz klar, wer die Kunden eigentlich sind, meint James. Wahrscheinlich haben sie einfach viel Geld, ganz ohne Grund.

Im Süden des Landes, in Stuttgart, kümmert sich ein gerade mal 26-jähriger Schneider um die exklusiven Wünsche seiner Kunden: Andreas Hildebrand hat mit 17 seine Ausbildung zum Schneidergesellen begonnen und nun sein eigenes Atelier.

Seinen Stil beschreibt Hildebrand als Italienisch. Weicht ein Kundenwunsch gravierend von den Idealvorstellungen von Stil und Sitz des Schneider ab, so würde er einen Auftrag auch ablehnen. 60 Stunden braucht er, um einen zweiteiligen Anzug zu fertigen. Während dem Wochen dauernden Prozess kommen die Kunden immer wieder zur Anprobe, woraufhin schrittweise Anpassungen vorgenommen werden. Dass in Stuttgart die Kunden überwiegend aus den Vorstandsetagen der Automobilbranche kommen, ist trotz Hildebrands Diskretion kein Geheimnis.

Die steigende Nachfrage nach ihrem Produkt spüren sowohl Andreas Hildebrand als auch Purwin & Radczun. Hildebrand führt das sowohl auf den allgemeinen Trend zur Individualisierung als auch auf ein steigendes Bedürfnis nach lange anhaltender Qualität und einem Verständnis für das Handwerk zurück.

Erfreulich ist das natürlich allemal. Nicht nur, weil die Maßschneiderei für mich, mit grenzenloser Verfügbarkeit von Billigmode aufgewachsen, ein beeindruckendes Handwerk ist. Sondern auch, weil der Anzug immer noch die Quintessenz der Männermode ist. Dabei besitze ich nichtmal einen. Ich sollte dringend den Maßschneider aufsuchen.

Category: Special

Tags: maßschneider

Von: David Jenal

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