Das Warten auf den großen Umbruch

Ein Jahr nach dem fulminanten Rücktritt von Raf Simons bei Dior geht in der Modewelt alles weiter seinen Gang. Der große Umbruch, von allen Seiten herbeigesehnt, erhofft, hochgeschrieben: er blieb bislang aus.

Dabei sollten die zahlreichen Rücktritte großer Modemacher bei großen Modehäusern im letzten Jahr die Branche verändern. Nachdem Raf Simons bei Dior das Handtuch warf – schlicht aufgrund zu vieler Kollektionen pro Jahr und seinem Wunsch, sich auf sein eigenes Label konzentrieren zu können – und auch Alber Elbaz nach 15 Jahren nicht länger Kreativdirektor bei Lanvin sein sollte und Hedi Slimane ebensowenig der Verantwortlich bei Saint Laurent, hatte man zumindest das Gefühl, die Branche hätte verstanden, dass es so nicht weitergehen kann.

Mit “so” ist hier zum Einen die so oft kritisierte, immer größer werdende Zahl an Zwischenkollektionen, Shows und Entwürfen gemeint, die das Verlangen nach Neuem auf Verbraucherseite stillen sollen, dieses letztlich aber nur weiter befeuern und, quasi nebenbei, die Designer an die Grenze ihres Arbeitspensums bringen. Dieser Versuch, mit der irren Geschwindigkeit von H&M, Zara und Primark in Design und Produktion mitzuhalten, verfing aber nicht: statt wie bisher das Tempo der Mode vorzugeben, ordneten sich die großen Häuser nun den Discounterketten sogar unter.

Es waren hier andere Strategien nötig, um irgendwie mithalten zu können bei diesem Rennen um, da braucht man sich nichts vormachen: Geld. Das haben die Modehäuser im vergangenen Jahr auch endlich gemerkt und so gibt es bei Burberry, Tom Ford, Ralph Lauren und Tommy Hilfiger mittlerweile die in der Show gezeigten Teile direkt im Anschluss zu kaufen. Das System scheint zu funktionieren: die Discounter werden nicht nur der Chance beraubt, die Designs vom Laufsteg zu klauen und noch vor den Luxushäusern zu einem Bruchteil des Preises in ihre Filialen hängen zu können, das Prinzip wirkt sich offensichtlich auch positiv auf die Verkaufszahlen aus. “We had our largest Tom Ford day of the year immediately following his New York show,” so Joshua Schulman, dem Direktor des legendären New Yorker Kaufhauses “Bergdorf Goodman”.

Eine Verlangsamung der Branche und ihrer Abläufe, wie sie nach den zahlreichen Rücktritten gefordert wurde, ist das aber nicht. Ganz im Gegenteil: “See now Buy now” beschleunigt den Prozess, verlangt zeitlich und räumlich getrennte Besuche von Show und Showroom und damit mehr Reisen für Buyer, Redakteure und Blogger und stellt am Ende vor allem den Sinn einer Show in Frage.

Auch den Versuch, die Stelle des Kreativdirektors nicht an einen gelernten Schneider (oder zumindest: einen Modedesigner), sondern einen Social Media-Star zu vergeben, darf man nach dem halbjährigen Gastspiel von Justin O’Shea bei Brioni getrost als gescheitert betrachten. Die Idee war gut und vor allem mal: neu, hätte also der Beginn eines Umbruchs sein können. Aber außer uns, und wir zählen nun wirklich nicht zum Stammklientel der italienischen Edel-Marke, scheinen das Logo in Fraktur, die Kampagne mit Metallica und schwarz glänzende Särge in den Schaufenstern der Boutiquen letztlich niemanden so richtig begeistert zu haben.

Einen durchaus sinnigen Fortschritt hat das vergangene Modejahr mit sich gebracht: die Zusammenlegung von Männer-und Frauenshows. Aufgrund immer androgynerer Entwürfe und zahlreicher Unisex-Teilen in den Kollektionen war das sowieso eine Frage der Zeit. Außerdem hat Vetements, eine weitere, zumindest fragwürdige Erscheinung der letzten Monate, die gemeinsame Show von Anfang an lautstark proklamiert. Und weil Vetements ja nunmal “das Label der Stunde” ist, müssen da alle mitziehen. Nun ja.

Ein Jahr nach dem Weggang von Raf Simons bei Dior lässt sich heute sagen, dass der große Wandel ausgeblieben ist. Die erhoffte Zäsur, die Rückbesinnung auf den Kern und die Faszination der Mode, nämlich berührende, große, humorvolle oder sonst irgendwie bemerkenswerte Entwürfe, davon war und ist nichts zu spüren.

Vergangene Woche gab Consuelo Castiglioni ihre Stelle als Chefdesignerin bei Marni, dem Label, das sie einst selbst gründete, aus “persönlichen Gründen” auf. Und gestern wurde bekannt, dass Alexis Martial and Adrien Caillaudaud, bisher Kreativdirektoren bei Carven, das Haus nach eineinhalb Jahren verlassen. 

Category: News

Von: David Jenal

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