Das war das Modejahr 2017 – Dadcore, Strass, Merchandise & das Ende von Gucci?

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Das Jahr 2017 begann mit einem Rest-Trauma aus dem vorangegangenen: Trump wurde zum Präsidenten gewählt und allgemein schien es, als kĂśnnte alles eigentlich nur noch schlechter werden. Als Reaktion auf diesen tieferliegenden Pessimismus entschied sich die Modebranche dazu, politische Shirt mit Aufdrucken wie „Time to love HARDER“ (Willy Chavarria) oder „Everyone should be a Feminist“ (DIOR), zu tragen.  Einfach, um sich nochmal ganz explizit gegen all das offensichtlich Ungute zu positionieren. Bis wir darauf auch irgendwann keine Lust mehr hatten – nicht, dass es je etwas gebracht hätte.

Das Berliner Modemagazin 032C entwickelte sich zu einer international gefragten Modemarke, alle wollten nach Berlin, alle wollten das lila Langarmshirt mit dem Motorcross-Motiv tragen, ein Design von dem ebenfalls in diesem Jahr sehr angesagten Design-Team Sucuk und Bratwurst aus Mainz. Zum Ende hin schauten wir Kim & Kanye dabei zu, wie sie uns alle mit ihrer YEEZY-Kampagne, bestehend aus Paparazzi Shots von Kim verarschten und irgendwie – ja auch in den Bann zogen, so als Business-Pärchen. Außerdem mutmaßen wir immer noch darĂźber, ob dieser krĂśnende Abschluss Lagerfelds mit seiner CHANEL-Show in der Elbphilarmonie denn nun wirklich ein Ende war, wie ja alle, vor allem aber doch wir, vermutet hatten.

Wovon wir uns eigentlich schon im Laufe des vorangegangenen Jahres, nun aber endgĂźltig verabschieden durften, ist das Cool-Sein der Marke VETEMENTS. Letztendlich wurde sie eben ein wenig zu sehr fĂźr alles gefeiert, was sie anders machen wollte und dafĂźr vom Modejournalismus zur „Revolution der Modebranche“ hochgejazzt. Ein Titel, dem man nicht allzu lange wirklich genĂźgen kann.  Die Jungs, die damals hunderte Euros fĂźr einen Mantel mit der Aufschrift „Vetements“ zahlten und ihn deshalb aus GrĂźnden der Loyalität und des Geldes heute doch bitteschĂśn immer noch zu Modeevents tragen, wirken darunter kahl, blass, mĂźde. Der schwarze Mantel auf ihnen wie eine leere, nichtssagende HĂźlle.

Und so nehmen die Dinge ihren Lauf, Neues kommt dazu, oft wird Altes wieder neu, Vieles geht – wie es alle Jahre wieder der Fall ist. Die Revolution ist ausgeblieben.

BALENCIAGA

Es ist die Marke des Jahres, die Modekenner ebenso zufrieden stellen konnte, wie die breite Masse. Mit ihren Familien-Motiven, die zuhauf von der Branche abgefeiert wurden, wurde gleichzeitig eine neue Modewelle in der Reihe der Fashion-Bewegungen aufgenommen: DADCORE.

Die BALENCIAGA-Models der SS18 Kampagne trugen Jeans, pastellfarbene Regenmäntel und unförmige Blazer. Die vergilbte Ästhetik der 80er Jahre trifft auf das Familienmotiv trifft auf den mittelständigen, mode-desinteressierten Vater. „Junge Väter mit ihren Kindern im Park“ fasste Demna Gvasalia das passend zusammen. Der Kreativdirektor der Marke ist für den breiten Hype zuständig, indem er bodenständige Aspekte aus dem Alltag in seiner Mode integrierte. Wie zum Beispiel das Faken der blauen IKEA-Bag, die für einen regelrechten Hype sorgte und die Insta-Welt dazu brachte, nicht nur Taschen bei Ikea zu kaufen, sondern sich unter anderem auch Höschen und Hüte daraus zu basteln.

Wer jetzt nur noch sein Flaschenpfand in der großen blauen Tüte wegbringen will, macht sich des Hipstertums verdächtig.

CIAO: LOGOS ÜBER LOGOS

Die Streetstyle-Fans taten es schon immer, die High-Fashion Branche erst seit einigen, langen Monaten. Pullover, Shirts, Socken werden mit dem Namen der Marke bedruckt – und schon gelten sie als besonders begehrenswert, schlicht als cool. Doch das Jahr neigt sich dem Ende und so auch unsere Toleranz fĂźr diesen so uninspirierten, zur Schau getragenen Trend. ELLESSE steht in nicht zu Ăźbersehenden Größe auf dem rechten Hosenbein der weißen Jogginghose, darĂźber ein ADIDAS-Shirt mit der Aufschrift ADIDAS, eine Cap mit dem Supreme-Logo, auf der Bauchtasche die BALENCIAGA-Aufschrift. 2018 wird es vor allem Zeit, mal wieder etwas kreativer zu werden. Mode ist schließlich nicht nur Branding, sondern auch Schnitt, Stoff, Farbe, ja: Design.

UND GUCCI?

Das mittelgute GUCCI-Shirt: weißes Shirt, Aufschrift Gucci. Rot, grün, langweilig. Einer der meist getragensten, meist gesehenen Shirt des Jahres. Blogger und Influencer kauften es zuhauf, ein einfacher Weg Modebewusstsein auf der Brust zu tragen. Lil Pump lieferte mit „Gucci Gang“ den passenden Soundtrack zum Hype. Wir sahen es in den uninspiriertesten Variationen und waren dann auch schnell übersättigt von diesem überteuerten weißen Shirt, das doch letztlich nicht mehr als Werbung ist. Alessandro Micheles Vorgehen ist ohne Zweifel radikal. Er schickt unzusammenhängend scheinende Kleidungsstücke auf den Laufsteg, die auf den ersten Blick verwirren, auf den zweiten genial erscheinen. Der Instagram-Account, die Entwürfe an sich, alles funktioniert miteinander, übertritt gekonnt die zunehmend verschwommene Grenze zwischen Kunst und Kommerz.

Doch selbst wenn diese Arbeit so gut und kompromisslos scheint, so stellt sich doch die Frage, wie lange diese modische Relevanz im offenen Mainstream funktionieren kann. Denn in dieser schnelllebigen Branche ist auch das Durchhalten einer Ästhetik noch lange kein Garant dafür, dass etwas längerfristig funktionieren muss.

MERCH, DIE NEUE HIGH FASHION

Musiker, Magazine, Partys, Shows, Konzerte – zu jedem Anlass gab es dieses Jahr das passende Shirt. Und die meisten von ihnen sind mehr als nur das gedruckte Logo, man muss auch nicht Über-Fan sein, um das gut zu finden, es haben zu wollen. Weiteres Merkmal des Merchandise: limitiert – damit es nur noch relevanter wirkt (und die Kleinproduzenten nicht auf hohen Lagerbeständen sitzen bleiben, weil eben doch nicht so viele Kids das x-te Print-Shirt haben wollten). Beispiele, an denen sich 2017 erfreuen durfte: Europa-Merch der KĂśnig-Galerie und des Labels EUROTIC, die Zusammenarbeit von GOLF WANG und VANS und natĂźrlich unsere hĂśchst tragbaren GLÖÖCKLER x DD Shirts, designt von Decor Hardcore, besetzt mit abertausenden von Strasssteinchen.

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DAS GROSSE 2000er-REVIVAL

Noch mehr Strass, Denim Ăźber Denim, Paris Hilton, kleine Umhängetaschen, Flammen-Logos, Elemente aus dem Motorcross, Ed Hardy, Juicy Couture. Das alles klingt wie eine Aneinanderreihung der frĂźhen Nullerjahre – die 2017 ihr großes Wiederaufleben genießen durften. Und ein kurzer Blick in die Swarovskikristallkugel auf 2018 verspricht noch viel mehr von alledem.

Category: News

Tags: 2000s, Europe, Trend Review, Trends 2017

Von: Angelika Watta

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