Das sind die heißesten Labels aus London

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Während ganz Großbritannien politisch und gesellschaftlich völlig verunsichert ist, floriert die Modeszene in London wie nie zuvor. Mehr über die spannendsten Auswüchse der kreativen Hochphase gibt es jetzt und hier.

Über Palace Skateboards und Grace Wales Bonner haben wir in den letzten Monaten schon so oft und wohlwollend berichtet, dass sie für uns selbstverständlich zu den ganz Großen von der Insel gehören. Es ist aber eben auch eigentlich alles über sie gesagt. Deshalb verweise ich einfach mal an die etlichen, vorausgegangenen Artikel und widme mich hier anderen, nicht weniger wichtigen Designern und Labels.

Craig Green zum Beispiel, dessen gleichnamiges Label es nun seit vier Jahren gibt und der in dieser Zeit mal kurz den feuchten Traum eines jeden englischen Modedesigners gelebt hat: Nach seinem Abschluss am Central Saint Martins College gewann er den Newcomer-Preis bei den international geachteten British Fashion Awards und wurde für den ebenso wichtigen LVMH-Prize nominiert. Für eine Kampagne hat er mit Fotografen-Legende Nick Knight zusammengearbeitet, für eine 20-teilige Capsule Collection mit Björn Borg. Wichtiger und regelmäßiger Bestandteil der London Collections: Men, die mittlerweile wohl relevanteste aller Männermodewochen, ist Craig Greens Show sowieso.

In seinen Entwürfen spielt der Designer mit Elementen klassischer Arbeiterkleidung. Aufgesetzte Taschen, von Uniformen inspirierte Schnallen, Bündchen und jede Menge Gürtel schaffen in Kombination mit weit geschnittenen Beinen und technischen Materialien eine elegante Weiterentwicklung des martialischen Health Goth-Looks. Eine aggressive und maskuline Grundhaltung verlieren die Entwürfe dadurch nicht; wesentlich stilvoller sind sie aber schon. Den Erfolg hat sich Green also redlich verdient. In Deutschland kennt ihn – wie das halt so ist – bisher so gut wie niemand. Wir arbeiten hart daran, das schleunigst zu ändern.

Ebenfalls in Deutschland weitgehend unbekannt, in London und im Internet (also an zwei extrem lässigen Orte) aber hochgradig angesagt, ist Cottweiler. Das Label, das aus einem Tumblr-Meme entstanden ist und zu dessen Fans und Freunden FKA Twigs, Yung Lean und Skepta gehören, definiert sich vor allem über seine sportliche Ästhetik. Für das Styling der ersten Show haben sich Matthew Dainty und Ben Cottrel, die Designer hinter Cottweiler, von der Health Goth-Facebookseite inspirieren lassen, auf der Anhänger des Trends ihre Outfits posteten. Von seinem reinen Sport-Image hat sich das Label ein wenig gelöst, bezeichnet sich selbst mittlerweile als “contemporary luxury” und präsentiert Kollektionen inmitten in Bürogebäuden nachgebauten Kornfeldern. Die Entwürfe sind weiterhin sportlich, weisen aber in Material, Prints und Schnitten sowohl in Richtung diverser Subkulturen als auch nach oben, in den High Fashion-Bereich.

Bestätigung genug für Cottweiler dürfte sein, dass unter den Gästen der letzten Show unter anderem Gosha Rubchinskiy und Wolfgang Tillmans waren, zwei für das moderne Männerbild und den Umgang mit sportlichen Einflüssen hoch relevante Persönlichkeiten. Zur nächsten Show sind wir sicher auch wieder da. Bestätigung im Überfluss also.

Ein Newcomer oder gar Unbekannter ist J.W. Anderson schon lange nicht mehr, trotzdem lohnt es sich, sich mit seinem Schaffen nochmals auseinanderzusetzen, ist er doch für das Männerbild im Jahr 2016 mindestens ebenso wichtig wie Wolfgang Tillmans oder Gosha Rubchinskiy.

Seine Idee von der “Shared Wardrobe”, die sich Frauen und Männer teilen können, ist zwar noch nicht so wirklich in der Realität angekommen, aber auf dem besten Weg dahin. Unisex-Kollektionen gewinnen an Relevanz, die Mode sieht sich als Vorreiter einer Bewegung, die die Geschlechtergrenzen in den kommenden Jahren weiter auftrennen und verwischen wird. An der Spitze dieser Bewegung steht nun J.W. Anderson, der in Interviews stets einen dermaßen entspannten Eindruck macht, und das, obwohl er mittlerweile neben seinen eigenen Kollektionen auch die des zwischenzeitlich völlig eingestaubten spanischen Luxushauses LOEWE verantwortet.

Was J.W. Anderson zu dem herausragenden Designer macht, der er ist, ist seine unpolitische und rein ästhetische Art, mit der Gender-Thematik umzugehen – ein Thema, das tradtitionell emotional und eben politisch aufgeladen ist und schnell zu Empörung aus allen Ecken führt, wird von ihm mit einer beruhigenden Selbstverständlichkeit behandelt.

Seine Entwürfe sind zu alldem mehr als tragbar. Jetzt hat Anderson auch noch mit Asap Rocky zusammengearbeitet. Aus modischer Sicht ist die Capsule Collection nicht der ganz große Wurf. Muss sie aber vielleicht auch gar nicht sein. Schließlich dienen Kooperationen seit jeher viel eher der Imagebildung und dem Erschließen neuer Zielgruppen. Das ist den Beiden ganz ausgezeichnet gelungen.

Dass London modisch so stark ist, liegt vor allem an der exzellenten Nachwuchsförderung. Der British Fashion Council ist eine ernstzunehmende Instanz, der von ihm verliehene Preis richtungsweisend und entscheidend für ganze Karrieren. Die besten Modeschulen Europas, wenn nicht sogar der Welt, sitzen in London. Es ist also nur logisch, das die britische Hauptstadt – trotz der gruselig hohen und weiter steigenden Lebenshaltungskosten – weiterhin DIE Geburtsstätte von Trends und vielversprechenden Jungdesignern ist.

Der Fashion Council Germany hat es sich nun auf die Fahne geschrieben, in Deutschland zumindest im Ansatz vergleichbare Strukturen zu schaffen. Eine große Aufgabe – auf deren Lösung wir sehnlichst warten.

Category: News

Tags: Cottweiler, Craig Green, Grace Wales Bonner, J.W. Anderson, Palace Skateboards

Von: David Jenal

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