Das Business mit der Queerness

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Spätestens seitdem Cara Delevigne 2010 ihre Modelkarriere startete und kurz darauf zum Gesicht des britischen Tartan-Giganten Burberry wurde, sind LGBTQIA+ Models nicht mehr von den Laufstegen zu denken. Der Weg hin zu mehr Sichtbarkeit von queeren Models in der Branche war steinig und auch bis heute sind die Motive der Industrie sehr janusgesichtig.

Eine kleine Phantasiereise zurück in die USA der 1970’s – Simon and Garfunkel singen sich mit Bridge Over Troubled Water die Seele aus dem Leib und an die Spitze der Charts. Der Zeitgeist schwelgt in den Nachwehen der klimaktischen Hippiebewegung des Vorjahres und Präsident Nixon ahnt noch nichts vom Watergate, welches ihn bald seine Herrschaft kosten wird. Genau in diesem Jahr beginnt Tracey „Africa“ Normans Aufstieg als Model.

Tracy Norman

Vom legendären Fotografen Irving Penn wird sie für ein Shooting der Vogue Italia gebucht. Sie wird zum Haus-Model in Balenciagas Pariser Showroom. Über Jahre hinweg ziert ihr fröhliches Portrait Haarfärbemittel-Verpackungen. Doch auf den Ruhm folgte der Fall.   In Vorbereitung auf ein Shooting für Essence petzt 1980 ein Assistent, was Tracey eine Dekade erfolgreich verheimlichte: Sie ist eine Transfrau.

Dem antiquierten Gedankengut zum Opfern fallend büßt sie in kürzester Zeit ihre Karriere ein und muss sich fortan als Burlesque-Tänzerin über Wasser halten. 2016 wird Tracys Geschichte dann im New York Magazine publiziert, woraufhin eine Kampagnen-Anfrage für Clairol folgt. Zurück nun ihr Gesicht, wieder präsent auf Haarfärbemittel und nur schlappe 30 Jahre älter.

Und damit zurück in einer Gegenwart, in der queere Models zunehmend an Aufmerksamkeit gewinnen – und das ist gut so. Weniger gut scheinen dagegen die Motive der Modeindustrie, denn als Gretchenfrage bleibt offen: Wie kann es sein, dass man sich nach Jahren der Ignoranz plötzlich um queere Representation des Labels reißt? Die utopische Antwort: Unsere Gesellschaft wird –endlich– offener und huldigt einer gesunden Inklusion von Vielfalt. Die dystopische: Profitgier. Die Kundschaft von heute und morgen wird diverser; um im Rennen zu bleiben, muss sich pragmatisch angepasst werden – Natürliche Selektion 2019 Edition.

Teddy Quinlivan

Ein Negativbeispiel hierfür ist die Geschichte des Models Teddy Quinlivan. Ihre Identität als Transfrau hielt sie geheim, als sie 2015 vom Louis Vuitton Designer Nicolas Ghesquière entdeckt wurde. Als man schließlich Wind von ihrer Identität bekam, wurde schnellstens versucht, hieraus eine geschickte PR-Kampagne zu basteln. Und das gegen Teddys Willen, da sie sich noch nicht bereit fühlte, sich zu öffentlich zu outen. Letztlich wurde sie von großen Labels unter Druck gesetzt, da man in ihr ein exotisches Einhorn sah, das sich perfekt kommerzialisieren lässt.

Wie auch immer die Motive der großen Spieler in der Branche aussehen mögen, ermöglichen sie schlussendlich in jedem Fall die Sichtbarkeit von LGBTQIA+ Menschen im teils heteronormativen Vakuum. Und damit setzen sie –wenn auch vielleicht nur passiv– ein Zeichen hin zu einer vielfältigeren Gesellschaft, in der Menschen sich und andere für das akzeptieren können, was sie sind.

Category: Special

Tags: LGBTQIA, LQBTQ, Queer

Von: Fabian Alexander Stammen

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