Dandy Diary im STERN: “Attacke aus der ersten Reihe”

Weil sie, laut in den Mund gelegter Aussage, “so wahnsinnig stolz auf euch” ist, hat unsere Praktikantin Aline den gesamten STERN-Artikel über uns (und Freundin Jessi) in ihrer ohnehin schon extrem knappen Freizeit abgetippt.

Diese Fleißarbeit verschafft ihr nicht nur eine eins mit Sternchen im Praktikumszeugnis, sondern uns!, euch!, allen! auch die Möglichkeit den Text digital zu lesen. Toll!

Here we go:

Attacke aus der ersten Reihe

Modeblogs gibt es viele – das aufregendste heißt „Dandy Diary“. Seine Betreiber legen sich gerne mit der  Branche an. Der stern begleitet sie auf der Berlin Fashion Week

David kann sich gut an den Tag erinnern, als er Jakob kennenlernte – vielleicht weil man Momente großer Demütigung nicht so schnell vergisst. Er war in der Schule sitzen geblieben und kam in eine neue elfte Klasse. In der ersten Reihe saß ein Typ mit einem Band-T-Shirt und Haaren bis zum Hintern. Der Typ war Pfarrerssohn, aber er sah überhaupt nicht aus wie das Kind von Gottesmenschen – und schon gar nicht wie die anderen in der Klasse. Auch David passte nicht hinein in die brave Schulklasse in Kassel. Die beiden wurden Freunde.

Als Jakob wegen seiner Mähne in einem Club Hausverbot bekam, schnitt er sich die Haare ab; danach durfte er wieder rein. So wechselte er von der Hausbesetzer-Szene in die House-Szene. David färbte sich blonde Strähnchen und hörte ebenfalls House-Musik. Sie machten viel Party. Ausgehen, tanzen, Leute treffen, Gin Tonic trinken. Sie tourten durchs Nachtleben. Mit 15 ließ David sich auf seine Brust das Wort „Glückselig“ tätowieren, im Ecstasy-Rausch; und genau so – glückselig – fühlten sie sich auch. Damals in Kassel. Heute in Berlin.

Denn auch heute, im Juli 2015, geht es im Leben von David und Jakob viel ums Feiern. Für die Fashion Week haben sie die Eröffnungsparty organisiert. Sie hatten den Anspruch, dass es nicht irgendeine Party sein sollte, sondern die beste. Im Club „Surprise“, gelegen im Stadtteil Schöneberg, ließen sie diesmal Rapper Haftbefehl auftreten. 1100 Leute erhielten Einlass, Hunderte mussten abgewiesen werden, und später kam die Polizei, weil es zu laut war. Zu laut. Hier. Das muss man erstmal schaffen.

Mit vollem Namen heißen die beiden Disco-fanatischen Jungs David Kurt Karl Roth und Carl Jakob Haupt. Und sie müssen ihren Eltern auf ewig dankbar sein, dass sie ihnen in ihrem Geburtsjahr 1984 so perfekte Berlin-Mitte-Namen gaben, denn heute betreiben sie: das aufregendste Männer-Modeblog Deutschlands. Es nennt sich „Dandy Diary“.

Das Blog hatte zunächst als Davids Abschlussarbeit für die Modeschule begonnen. Als er 2009 im Netz nach Männer-Modeblogs suchte fand er nur Sexseiten für Schwule. Eine Marktlücke, dachte er und entwickelte ein eigenes Konzept. Sein Blog sollte Avantgarde sein, drunter wollte er es nicht machen. Jakob stieg 2 Jahre später ein. Davor hatte er Politikwissenschaften studiert, in Marketing-Agenturen gearbeitet und Dax-Firmen beraten. David sagte, er wollte nur deshalb was mit Mode machen, weil es in der Branche so viele schöne Frauen gibt.

Jakob sagt, er habe keine Ahnung von Mode gehabt. Aber so intellektuell tief sei die Branche nicht.

Heute haben sie 360 000 Besuche im Monat. Das Blog ist ihr Beruf geworden. Sie schreiben, gucken sich Fashion-Shows an, entwerfen Mode in Kooperationen mit Firmen, machen Party, produzieren eigene Modestrecken für ihr Blog, drehen provokante Videos, vermarkten sich und bekommen bergeweise Klamotten zugeschickt. Vor allem aber machen sie Ärger.

Ihr erster großer Scoop war ein Fashion-Porno, den sie 2012 in einem Berliner Sexkino in Neukölln der Öffentlichkeit vorstellten und später auf ihrem Blog zeigten. Er wurde sofort verboten. 2013 schleusten sie einen Flitzer in Mailand auf die Dolce & Gabbana-Schau ein. Mit der Aktion schafften sie es bis in die „New York Times“. Im vergangenen Jahr schrieben sie in ihrem Blog über die Gründe, weshalb der Modemacher Michael Michalsky seine Schau auf der Fashion Week in Berlin abgesagt hatte. Angeblich wegen Ebola. Darüber machten sie sich lustig. „Aber“, sagte Jakob, „Michalsky nimmt unsere kleinen Attacken sehr locker. Wir sind befreundet und lachen darüber. Er versteht, was wir machen, im Vergleich zu vielen anderen.“

Für das bekannte Trachtenhaus Angermaier haben die beiden mal eine Lederhose entworfen.  Auf die Hosen ließen sie „MS13“ sticken. Das Symbol steht für eine der gefährlichsten Banden auf der Welt, die südamerikanische Gang Mara Salvatrucha, die ihr Geld mit Frauen-, Drogen-, und Waffenhandel verdient. Hanfblätter zierten die Hosenträger. Am Tag des Verkaufsstarts nahm Angermaier die Lederhosen aus dem Onlineshop und aus den Läden und beendete die Kooperation.

Auf der diesjährigen Fashion Week aber werden Jakob und David hofiert. Ein roter Shuttle chauffiert sie durch die Hauptstadt. Jakob ist der Aufgedrehte, David der Ruhige. Sie bewegen sich routiniert durch den Modedschungel. Sitzen in der ersten Reihe beim Modedesigner Sadak, fahren danach zu einer Releaseparty eines neuen Magazins, in dem ein großer Artikel über sie steht, trinken Champagner, machen Fotos von sich mit dem Magazin und posten sie auf Instagram. Ein Leben ohne Hashtags ist für sie kein Leben. Dabei nehmen sich die beiden Jungs nicht allzu ernst. Sie begegnen der hippen, leicht hysterischen Szene mit einer wohltuenden Selbstverständlichkeit. Auf dem Weg zu einer Party trifft Jakob einen Mann und sagt: „Kommen sie mit, da oben gibt es Champagner für lau.“ Der Mann sagt: „ Den kann ich mir gerade noch selbst leisten.“

Früher wurden Blogger belächelt, heute sind sie zu einer neuen Macht geworden. Früher musste David auf Anmeldeformularen noch selbst das Wort „Blogger“ zu den Kategorien Print, TV, und Radio hinzufügen, heute sitzen David und Jakob wie selbstverständlich in der Front Row der größten Schauen.

Modeblogger sind ein Phänomen der Nulljahre, und auch heute gefällt noch immer nicht jedem, dass sie fester Teil der eigentlichen elitären Modewelt geworden sind. Dass jeder Amateur sein Glück versuchen kann. Es gibt eigenen Agenturen, die Blogger betreuen und vertreten und die Werbeangebote für sie sichten und filtern. Eine dieser  Agenturen sind Cover-PR. Die Agentur, gegründet 2012, vermittelt Modebloggern Kunden, organisiert Reisen und verhandelt Honorare mit den Unternehmen. Die Existenz solcher Agenturen beweist, wie sehr sich die Branche professionalisiert hat. Blogger sind Marketing-Instrumente. Sie erzielen die Aufmerksamkeit einer ziemlich genau definierten Zielgruppe – und lassen sich dafür gut bezahlen.

Zwischen 50 und 2500 Euro bekommt ein Blogger, wenn er einen Markennamen erwähnt. Natürlich beteuern alle Blogger, dass sie nur empfehlen, was sie sowieso gern tragen würden.

„Ist viel hässlicher Scheiß dabei, den zieh ich natürlich nicht an“, sagt Jakob. Auch nicht für Geld? „Nee, eben erst hat einer angerufen und wollte mir eine Sonnenbrille zuschicken. Ich habe gesagt: Brauchste gar nicht schicken, setz ich eh nicht auf.“

Heute gibt es eine Vielfalt an Modeblogs. Sie tragen Namen wie „This is Jane Wayne“ und „Masha Sedwick“. Die Helene Fischer unter den Modebloggern heißt Jessie Weiß, ist 29 Jahre alt und betreibt das Blog „Journelles“. Auf ihm kann man sich ansehen, wie und wo Jessie geheiratet und wie sie alles dekoriert hat. Das Blog ist sehr beliebt, aber richtig cool ist es nicht. Vielleicht, weil Jessie eher wie eine wirkt, die alles richtig machen will, um möglichst erfolgreich zu sein. Bald erscheint ihr erste Kollektion.

Jessie Weiß gehört zu den Ersten, die verstanden, dass sich mit Tagebuch-ähnlichen Einträgen im Internet Geld verdienen lässt. Schon 2007 hatte sie sich zusammen mit einer Freundin das Blog „Les Mads“ ausgedacht – ohne journalistisches Vorwissen oder modische Expertise. 2011 stieg Weiß aus; das Blog gehört längst einem großen Verlag. „Damals wusste ja noch niemand, wohin die Reise geht. Wir haben einfach mal gemacht, und das hat sich ausgezahlt“, sagt sie heute.

Im vergangenen Jahr lag der Umsatz von Dandy Diary  im mittleren sechsstelligen Bereich. Jakob sagt: „Wir können gut davon leben. Würden wir nicht so oft verklagt, ginge es sogar noch besser“. Sie haben mehr als ein Dutzend Strafanzeigen angesammelt sowie eine Klagesumme von einer halben Million Euro. Zuletzt hatten sie Ärger mit H&M wegen eines Videos, in dem sie der Marke Kinderarbeit unterstellten. Sie einigten sich mit den Schweden darauf den Clip, von der Seite zu nehmen und die Anwälte von H&M zu bezahlen. Sie sind es gewohnt, sich auf einem schmalen Grad zu bewegen – zwischen lustig, beleidigend, gesellschaftskritisch und justiziabel.

Vor einem Schuhladen in der Berliner Torstraße steht eine Hipster-Traube herum. Jakob und David werden herzlich begrüßt, nur einer möchte Jakob auf keinen Fall die Hand geben: Patrick Mohr, ein Berliner Modedesigner, der einen blauen Schlapphut und einen Rock trägt und ziemlich sauer ist. Aus folgendem Grund: Jedes Jahr vor der Fashion Week stehen auf der Seite von Dandy Diary die diesjährigen „No-go-Shows“. Auf Platz drei landetet diesmal Patrick Mohr. Auf Dandy Diary heißt es: „Was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst , tut es auch auf den zweiten nicht. Patrick Mohr, der sich auf allen sich bietenden roten Teppichen als griesgrämiger Künstler inszenierende wandelnde Schnurrbart, hat so viel mit Sponge Bobs Themen Freiheit, Spaß und Fröhlichkeit zu tun wie Manou Lenz mit Magermodels. Und auch Mohrs geometrische Formen, auf die er sich immer wieder als Inspiration bezieht, haben mit der runden Unterwasserwelt von ‚Bikini Bottom’ rein gar nichts gemein.“

Als David und Jakob aufbrechen, um zur nächsten Show zu fahren, will auch Mohr weiter, reißt die Tür des roten Shuttles von Dandy Diary auf, erblickt die beiden und schreit: „Bei den Nutten steig ich nicht ein!“ Dann knallt er die Tür zu.

David und Jakob lachen sich kaputt. „Hat er wirklich Nutten gesagt?“, fragt Jakob. In den Top drei ihrer No-go-Shows befinden sich oft Guido Maria Kretschmer, Harald Glööckler und Karl Lagerfeld. Auch diese drei seien nicht gut auf die Dandys zu sprechen; was die beiden Blogger akzeptieren, aber affig finden.

Nach dem Schuhladen  steht noch eine Guerillaschau des schweizerischen Designers Julian Zigerli an – auf dem Gelände des ehemaligen Zellengefängnisses von Moabit. Die Models sehen aus, als seien sie gerade aus der Psychiatrie entlassen worden, und zu allem Überfluss hat man ihre Beine und Arme mit Gras eingerieben. David und Jakob sitzen nebeneinander wie damals in der ersten Reihe in der Schule und unterhalten sich über einen Pullover mit Äffchen und Bananen drauf.

Ihr Leben, das finden beide, ist ziemlich gut.

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Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

Text: Nora Gantenbrink für den Stern

Fotos: Norman Konrad für den Stern

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