Crazy Berlin!?!?

😾😾

Sonntag, spĂ€ter Nachmittag, das Wochenende, welches ich ausschließlich mit guten, produktiven Dingen verbracht hatte, neigte sich seinem Ende zu, da ĂŒberfiel es mich, urplötzlich, die Lust auf wildes Nachtleben. Ich schrieb einem Freund, der, so vermutete ich, tatsĂ€chlich gerade irgendwo am feiern sein könnte: „Bist du am feiern? Daaaannncen“ – kurz, euphorisch – so meine WhatsApp-Message.

Mein Freund, nennen wir ihn mal Lee, rief direkt zurĂŒck, schrie „KAAAAAATER“ ins Handy legte wieder auf und ich beschloss dem GefĂŒhl, das da in mir aufkam nachzugehen. Also: Kater Blau, den Nachfolger vom Kater Holzig, was wiederum der Nachfolger der legendĂ€ren BAR 25 war – ein legendĂ€rer Club, in dem ich frĂŒher viele schöne Stunden verbracht hatte.

Kurz geduscht, schwarzer ACNE Mantel, schwarzer Rollkragenpullover, schwarze, kurz ĂŒber dem Knöchel endende Hose, dazu Ray-Ban Korrekturbrille. Keine lange Schlange – nur ich, im Regen, vor dem TĂŒrsteher: „Mit wem bist du hier? Na, ich, allein, sieht er doch, denk ich. „Warst du denn schonmal hier?“ Ja, war ich.

Er lĂ€sst mich rein. Nochmal GlĂŒck gehabt. Menschen mit weit aufgerissenen Augen kommen mir entgegen, ich bestelle ein Bier und blicke mich um. Alle sagen immer, dass Berlin sich verĂ€ndert hat, doch das ist nur die halbe Wahrheit, stelle ich fest. Hier sehen alle so aus, als hĂ€tten sie das letzte Jahrzehnt in der Bar 25 verbracht – und hĂ€tten sich in all den Jahren kein einziges Mal umgezogen – immer noch so wie damals, erschreckend:

Ein Mann mit meterhohen Zylinder, an den er eine gewaltige Pfauenfeder gepinnt hat, ein MĂ€dchen in Leggings im Leoparden-Muster mit viel Glitzer im Gesicht, ein traurig drein blickender, schwuler Boy in Tank-Top und UniformsmĂŒtze.

Erstmal Jacke abgeben, ankommen, denk ich, die Garderoben-Lady Ă€fft mich nach, als ich mich höflich dafĂŒr bedanke, dass sie meine Sachen entgegen nimmt. Alles, wirklich alles, schreien, auf Tisch tanzen, wĂ€re hier wohl normaler gewesen, als mein ‚Dankeschön‘.

Auf der TanzflĂ€che, 2 Bier und ein Wodka & Mate (Nostalgie pur) fĂŒhle ich mich ein wenig, wie ein alter, einsamer Mann, der durch die Scheiben seines Aquariums blickt, vor ihm tanzen seine Paradiesfische zu treibenden Beats, doch kein eintauchen möglich, noch nicht.

Da ist Lee – die Rettung – er lĂ€uft auf mich zu, etwas ungelenk, staksig, so als hĂ€tte man ihm einen schweren Holzklotz ans Schienbein genagelt, der Mann, so mein erster, sich spĂ€ter bestĂ€tigender Verdacht, scheint auf PferdebetĂ€ubungsmittel zu sein – eine beliebte Partydroge.

An seiner Seite: Juan, ein langhaariger Mexikaner, den man noch weniger als Lee versteht, unklar, welche Sprache er ĂŒberhaupt spricht, ich frage mich, wie die Beiden kommunizieren (sie sind seit Tagen unterwegs) Sender und EmpfĂ€nger, Gestik, Mimik? Lee schwitzt, röchelt wie ein Karpfen, durch dessen beeindruckende Kiemen sich ein Angelhaken gebohrt hat, ab und zu flucht er –  „FUCK“ – „FUCK“. Wir setzten uns hin.

Neben uns liegt ein junger Mann, graues T-Shirt, exotischer Federohrring, Arme hinter seinem Kopf verschrĂ€nkt, Schweißflecken untern den Armen so groß wie eine Familienpizza, etwas weiter rechts zwei MĂ€dchen, die sich blonde PerĂŒcken aufgesetzt haben und Babybrei essen. Hier – den Zeitgeist ignorierend – zelebriert man noch Indie. Die eigene Crazyness wird öffentlich zur Schau gestellt. Durch flippige Klamotten oder eben Babybrei.

Wir gehen zur Toilette. Lee will Keks – eine Kombination aus Kokain und Ketamin – ziehen, ich lehne dankend ab, bin aber erstaunt, wieviel Zeit wir auf der Toilette verbringen, unglaublich lang, auch Drink holen, von A nach B – alles dauert im Rausch der Nacht erstaunlich lang. Was hab ich denn die ganze Nacht gemacht? Fragt man sich ja gern mal am nĂ€chsten Morgen, na, genau das, nicht viel, die nĂŒchterne Antwort.

Kurz nach dem Toiletten-Besuch nickt Lee ein, die HĂ€nde gefaltet, er sieht jetzt aus wie eine goldene Buddhafigur, die sich Spiri-Prolls allzu gern in ihren Garten stellen, durchaus friedlich. Nach einem Powernap und ein paar sanften Backpfeifen kommt er wieder zu sich und stellt sich bei der Toilette an. Wir warten rund 10 Minuten.

Irgendwann frag ich ihn, was er denn genau machen will. „Keine Ahnung“, so Lee, gefolgt von einem erbarmungslos lauten Lachen. Wir gehen tanzen.

Vorbei an einer Tischtennisplatte – die auch im Kater Blau, wie in jedem verdammten Start-up Office natĂŒrlich nicht fehlen darf – an dem ein etwa 45-jĂ€hriger Mann, der Second-Hand Pailletten-Weste trĂ€gt, dazu Bauchtasche und Indianerschmuck, lehnt.

Lee steuert zielstrebig – mehr oder weniger – auf das Herz der TanzflĂ€che, direkt vor den DJ zu. Er geht in Kampfposition: Kopf runter, FĂ€uste hoch. Er scheint jedem Beat einen gewaltigen Haken zu verpassen, neben ihm ein Mann, der sich im Takt der Musik mit seiner Hand durch seinen beeindruckenden Bart fĂ€hrt, daneben zwei in die Luft springende EnglĂ€nderinnen. Ich tanze, schreie, trinke Bier auf Bier, und bin kurz davor in der Nacht aufzugehen, wie ein StĂŒck GruyĂšre im vor sich hin brodelnden Fondue-Topf – doch statt den Englischen mache ich den Polnischen: Ich gehe ohne mich von Lee zu verabschieden, der noch immer kĂ€mpft, mit den Beats, dem Ketamin, sich selbst, auf dem Weg zur Garderobe treffe ich Patrick Mohr.

Auch er ein schrÀges, aber durchaus unterhaltsames Relikt aus einer anderen Zeit, wie diese ganze Kultur hier, in der die Kopie der Kopie gefeiert wird, in Dauerschleife, in der ewig gleichen, aus der Zeit gefallenen Uniform.

Category: #dandydiaryspace

Tags: Kater Blau

Von: David Kurt Karl Roth

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