Computer statt Omi: im ADIDAS “Knit For You”-Store gibts Strickpullover aus der Zukunft

Ihre erste offizielle Dienstreise hat unsere neue Praktikantin Angelika nach West-Berlin geführt. Dort hat sie sich die Zukunft angeschaut. Denn ab sofort kommen Strickpullover nicht mehr von Omi, sondern aus einem Computer von ADIDAS.

Vergangenen Freitagmorgen, es war ein ziemlich grauer und regnerischer Morgen, saß ich müde in der S-Bahn auf dem Weg ins Einkaufszentrum “Bikini Berlin”. Genauer gesagt war ich auf dem Weg zum Pop up-Store von ADIDAS mit dem Namen “Knit for you” und wusste auch nicht so recht, was mich dort erwarten würde.

Natürlich hatte ich mir vorher ein paar Informationen zusammengesucht, aber so wirklich ein Bild im Kopf hatte ich nicht. Ein personalisiertes Verfahren, bei denen Klamotten im Laden selbst gestrickt werden sollen, unter anderem finanziert durch staatliche Zuschüsse, so viel blieb hängen. Da ich außerdem wusste, dass ADIDAS sich in Bezug auf zukünftige Technologien (Beispiel 3D-Drucker) nicht zurückhält, war ich also gespannt, was mich erwarten würde. Ich stellte mir einen Laden vor, in dem ich mein eigenes It-Piece designen könnte, das dann direkt noch vor Ort gestrickt werden würde.

Meine Zweifel an dem Konzept hatte ich trotzdem, der Zweck erschloss sich mir nicht von vornherein. Sollte das jetzt das totale Sprießen der Individualität auf Seiten der Kundschaft bedeuten? Soll jetzt jeder die gleichen Mittel, wie der Designer selbst haben und einfach sagen können: Sticken Sie mir bitte „Deutschland“ auf mein Shirt – und vier Stunden später habe ich mein ganz eigenes VETEMENTS-Shirt in den Händen? Irgendwie gefiel mir die Idee, bei aller Abgründigkeit. Aber mal schauen. In Gedanken vertieft setzte ich die lange Bahnfahrt in den Westen.

Im “Knit for You”-Store angekommen begrüßte mich die Mitarbeiterin Marina mit den Worten: “Hi, wir machen heute deinen eigenen Sweater“. Ich schaute mich um und sah den Sweater bereits – im ganzen Laden hing er und Marina trug ihn in schwarz-weißer Variante. Meine Träume vom eigenen VETEMENTS zerplatzten. Ich beschloss mich von dieser kleinen Enttäuschung nicht beeinflussen zu lassen und verstand recht schnell. Wo etwas gestrickt wird, was vier Stunden später fertig ist, geht es nicht um das Ausleben der Kreativität des Kunden, sondern um eine ganz andere Form der Individualität. Doch dazu später mehr.

Zuerst gab ich also an einem Bildschirm meine Daten ein. Nächster Schritt: der Creator’s Space. Ein Ort, an dem man tanzen kann und Spaß haben soll, so Marina. Und das hätten auch (fast) alle Kunden, vor allem die Chinesen, sagte mir Marina. Da es erst halb elf war und ich trotz einiger Tassen Kaffee zum Spaß haben noch nicht so richtig aufgelegt war, tanzte ich nicht.

Vielmehr war ich fasziniert: Ein dunkler Raum, in dessen Mitte man sich positionieren, eins von drei Tarnmustern wählen sollte, das sich anschließend, passend zur Bewegung, veränderte. Je mehr man sich bewegte, desto mehr Muster bildeten sich. Mit der rechten Hand konnte man das Muster bewegen. Mit der linken Hand wischte man es weg. Eine Minute dauerte das Ganze. In dem verdunkelten Raum beginnt also die Personalisierung. Besonders individuell war das Herumzappeln zwar nicht, aber ich verstand das Prinzip und war gespannt, was als nächstes kommen würde.

„Wieviel kostet so ein Sweater eigentlich?“, fragte ich Marina, während ich meine seltsamen Bewegungen im Spiegel beobachtete. Ihre trockene Antwort: “200 Euro”. Mein Studentenbudget und ich waren etwas skeptisch. Nun gut. Wir gingen weiter.

Einige Abbiegungen und Türen im Laden später, erreichten wir den Body Scan. Etwas weiter weg von dem Verkaufsraum gelegen, war ein kleiner Raum mit hohen Wänden und Lichtstrahlen an den Seiten, die meinen Körper scannen sollten. Der Scan-Raum lag etwas abseits vom Verkaufsraum und mir wurde schnell klar warum: hier muss man sich bis auf die Unterwäsche ausziehen, sonst klappt der Scan nicht – und der muss schließlich 150 Maße nehmen, um den Sweater passgenau an den Körper des Kunden anzupassen. 

Da ich mich schon vorher dazu entschloss, den Pullover oversized, also in XL zu bestellen, übersprang ich den Body-Scan, warf aber doch einen neugierigen Blick hinein. Es sah unglaublich futuristisch da drin aus. Viele Kunden ließen sich auch einfach nur darin fotografieren, erzählte Marina. Ich tat das dann auch, bekleidet.

Als nächstes führte mich Marina zum letzten Teil der Personalisierung – zu einem großen Bildschirm, an dem ich erstmal vor die Wahl gestellt wurde: gelb, schwarz oder blau? Schwarz, sagte ich ohne zu Zögern, legte den schwarzen Stoff auf und schon konnte ich aus 300 Mustern wählen, die während meiner Bewegungen im Creator’s Space aufgenommen wurden. Erst sah ich keinen wirklichen Unterschied zwischen den Mustern und druckte mir willkürlich ein paar Beispiele aus. Dann vertiefte ich mich und das ganze dauerte dann doch einige bis viele Minuten, bis ich ein Muster zwischen 0 und 300 ausgewählt hatte. In Anlehnung an meine gescheiterten Hoffnungen auf etwas VETEMENTS-Ähnliches, entschied ich mich kurz vorm Ziel dann doch für den gelben Pullover. Wenn schon, denn schon, dachte ich mir und in Gedanken tauchte der gelbe DHL-Pullover und die gelben Schuhe auf, die ich letztens noch in einem Online-Shop gesehen hatte. Marina bekräftigte mich sehr in meiner sprunghaften Entscheidung. Dann schlug sie mir noch vor, den Pullover zu kürzen. Das sähe in XL etwas cooler aus. Ich sah, wir verstanden uns, es kam also eine Schneiderin und nahm die Maße auf. Kurze Zeit später war ich fertig, in vier Stunden wäre mein Sweater schon so weit.

Ich schaffte es dann doch erst ihn am nächsten Tag abzuholen. Mit einer braunen Papp-Tüte in der Hand verließ ich den Laden und fühlte mich dabei unglaublich nachhaltig und future zugleich. Obwohl meine Hoffnungen erst enttäuscht wurden, war es ein ganz geiles Gefühl zu wissen, wer meinen Pullover genäht hatte – und das er im Endeffekt genau so geworden ist, wie ich ihn mir ausgesucht hatte. Ob es jetzt die nette Marina, die angenehme Atmosphäre im Laden oder der weiche Stoff des Pullovers war – ich war zufrieden. Die Kundenzufriedenheit mag allerdings nur ein Aspekt von ADIDAS sein, den “Knit For You”-Store zu betreiben. Hier wird ganz nebenbei natürlich auch direkt am Kunden geforscht: ADIDAS verwendet die Maße, die im Bodyscan genommen werden nicht nur für die Sweater selbst, sondern auch für weitere Entwicklungen.

Vielleicht sehe ich meinen gelben, leicht in der Länge gekürzten XXL-Pullover ja schon bald in der regulären Kollektion. Spätestens dann wäre der Traum von der Individualität wieder vorbei. Bis es so weit ist, trage ich meinen Future-Pullover mit Stolz und dem Wissen, dass ich – noch – die Einzige damit bin.

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Text: Angelika Watta

Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

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