China Diary IIII

Während in Halle ein Loser, der immer Loser bleiben wird, versucht die Tür einer Synagoge gewaltsam zu öffnen, um dort am Jom Kippur ein Massaker anzurichten, sitze ich in einem Taxi in China, zitternd, schwitzend, mit der feurig-scharfen Sichuan-Küche vom Vortag kämpfend.

Wenig später dann in der Hocke, gebückt über einem weißen Loch, die Toilette, thronend über China sinnierend.

Das Reich der Mitte, indem in Löcher geschissen und mit WeChat bezahlt wird, wo Millionenstädte aus dem Boden sprießen, wie Hanfplantagen in den Gewächshäusern Brandenburgs.

Meine neuen, besten Freunde, drei Jungs und ein Mädchen, am Nebentisch sitzend, laden mich zu sich an ihre runde Tafel, unter der sich abgenagte Hühnerknochen, ausgelutschte Bohnen und diverse andere, ausgespuckte, für mich nicht zu identifizierende offensichtlich unliebsame Überreste zu einem knöchelhohen Haufen türmen.

Kommuniziert wird per WeChat. Sie sind allesamt, so bekomme ich übersetzt, LKW-Fahrer. Der Wortführer, breitbeinig, rauchend, zeigt stolz Fotos von einer Baustelle, ich nicke anerkennend.

Es wird viel gelacht, mit mir?, über mich?, nicht immer ist das so klar, geschmatzt, getrunken und am Ende des Mittagessens besteht die Gruppe darauf mich zum Hotel – dem „Panda Princess“ – zu fahren.

Dort angekommen, Check-In, WeChat-Kontakt-Austausch, Mittagsschlaf bis in die frühen Abendstunden, Dusche, runter in die Lobby, im dunkelroten, mit mir sprechenden Massage-Sessel Platz nehmend und meinen Freunden schreiben.

Schreibe stattdessen, man möge mir vergeben, WeChat-Newbie, der Lady an der Rezeption, frage, was für heute Abend der Plan ist („arbeiten“), bis ich realisiere, dass ich nicht mit der krawalligen Gang, sondern mit der Rezeptionistin, ein paar Meter von mir entfernt, chatte, ich versuche das Missverständnis aufzuklären, ein hoffnungsloser Fall, und schreibe meinen Trucker-Friendos, die Standort schicken.

Sie sitzen auf bunten Miniatur-Plastik-Stühlen, vor einem Imbiss, trinken 0,5 l Tsingtao-Dosenbier, und essen gegrilltes, auf langen Holzspießen aufgespießtes Fleisch.

Als ich auf Toilette will, nimmt mich ein Typ, schlaksig, abgemergelt, irrer Blick, der, so die Übersetzung, einem „Odd Job“ nachgeht, an die Hand, um mich zur Toilette zu führen, dort frage ich mich kurz, ob er jetzt mit reinkommt, was wird das!?

Mann gegen Mann?! Doch ich darf allein pinkeln gehen. Es ist eine zärtliche Geste des guten Gastgebers. Kurz nach meiner Rückkehr kommt es zum Streit, ausgelöst durch zwei neue, grimmig drein blickende Boys, die kurz dem Mann, mit dem ich eben noch Händchen hielt, mit Schlägen drohen.

Eine WeChat-Message von dem einzigen Mädchen in der Runde erreicht mich: „We are busy now! Better leave!“ Sie ruft mir ein Taxi, für mich soll es weitergehen, in den „TAG Club“, ein Underground-Club über den Dächern Chengdus.

Was, wie alles hier, nicht wirklich leicht fällt, nach einer guten halben Stunde Suche stehe ich dann tatsächlich in einem Aufzug, mit mir ein etwa 45-jähriger Typ, der bestätigt: „Yes, TAG, I‘ll take you there“.

Ich folge ihm. Sofas, Flatscreen, Designer-Küche, acht überraschte Gesichter, in die ich blicke, nee, das kann nicht der TAG-Club sein, ein guter Scherz vom Elevator-Mann, lautes Lachen, ich grüße: „Nǐ hǎo!.

Ein bebrillter, etwas aus der Form geratender Mann, schenkt mir Wein ein und klärt nach kurzem Smalltalk über den Aufstieg Chinas auf: „Nobody needs to be afraid of us! We don‘t war“.

Und lacht. Na, dann ist ja nochmal alles gut.

Category: #dandydiaryspace

Tags: Jom Kippur

Von: David Kurt Karl Roth

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