China Diary II

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Die Begegnungen mit Menschen sind es, die eine Reise so besonders machen. Das schönste, in jedem Fall längste, Gespräch innerhalb meiner noch kurzen Zeit, 4 Tage sind es, möchte euch gern für euch wiedergeben:

Während ich die Prachtmeile Shanghais, die East Nanjing Road, deren Ende, kurz vor dem Huangpu-River etwas von der luxuriösen New Yorker Fifth Avenue hat, entlang lief, sprach mich eine Dame in einem engen, beige-weiß gestreiften Kleid an: „Hello“ – und reichte mir ihre Hand – ich versuchte dagegen zu halten, was mir nicht leicht fiel, denn sie war kräftig.

Ihr glattes, pechschwarzes Haar, fiel auf ihren prallen Bizeps, große Kreolen in den Ohren, auf ihrer Stupsnase eine Brille, wie sie John Lennon seinerzeit gern trug, rund und klein, dazu, ihren feschen Look abrundend, weiße Stilettos.

Sie: „Where are you going?“. Ich: „I‘m on the way to my hostel“. Sie: „It‘s so early! Let‘s drink a beer! Later on I‘ll give a massage!“ Sie wirkte nicht als hätte sie eine Frage gestellt. Hatte ich überhaupt eine Wahl? Keinesfalls wollte ich sie verärgern, doch ich musste jetzt stark sein, denn viel zu oft hatte ich mich in der Vergangenheit von sexuell-aggressiven Frauen abschleppen lassen, nur weil ich nicht den Mut aufbrachte auch mal „Nein“ zu sagen.

Ich blickte ihr in die Augen: „No, I don‘t want that!“. Doch sie gab nicht auf, redete weiter auf mich ein, ich taumelte zur Seite, drehte mich noch einmal um und rief ihr entschieden zu: NO means No!“ – und ging zurück in mein Hostel, wo ich meinem Bettnachbarn, einem jungen Taiwanese mit Halbglatze, von der bizarren Situation erzählte.

Er klärte mich auf, dass es sich bei der forschen Frau mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Prostituierte gehandelt hat. Um Himmelswillen, schoss es mir durch den Kopf, tief fliegende Bordsteinschwalben auf der Prachtmeile Shanghais?

Die Nacht schlief ich nicht besonders gut, was nicht an meiner besonderen Begegnung lag, sondern an einem Mann, der ein Bett tiefer, partout nicht aufhören wollte ohrenbetäubend laut zu schnarchen, kurz überlegte ich ihn zu wenden, doch das wäre sicher keine gute Idee gewesen, es war schließlich mitten in der Nacht, also harrte ich, in der Embryonalen, mit geballten Fäusten, aus.

Die Zielsetzung meines 1-monatigen China-Trips ist es jede Nacht in einem Hostel zu schlafen. Dies ist, das sein angemerkt, keine finanzielle, sondern eine rein konzeptuelle Entscheidung, denn Geld spielt für mich natürlich keine Rolle, wie könnte es denn auch, bei dem Erfolg.

Spannend wird es ab 6 Personen im Zimmer. Die Geräusche und die Art-und Weise, wie sich Menschen auf engstem Raum in einer Intimsituation – Schlafenszeit – verhalten, all das finde ich hoch spannend. Bevor der schnarchende Mann, den ich nie sehen, sondern, leider, nur hören sollte, unter mir einzog, schlief dort ein älterer Asiate, der, das fand ich ziemlich stilvoll, immer blütenweiße Schlappen vom Marriott Hotel trug. Und 5 große Rimowa  Koffer besaß. Zwei betrunkene Amerikaner kamen spät, laut flüsternd, viel Wasser trinkend und am nächsten Morgen noch immer in ihrer Kleidung und in ihren Schuhen, dunkelroten 8-Loch Doc Martens, steckend.

Ein kleiner, pickliger Junge, der zum Team des „Shanghai Blue Mountain Bund Youth Hotel“ zu gehören schien, erzählte mir, während er ein diebisches Grinsen auflegte, von einem Event, das ich unbedingt besuchen sollte, den „Shanghai Marriage Market“. Jedes Wochenende treffen sich im „People‘s Park“ Eltern, die ihren Kindern zum Liebesglück verhelfen wollen.

Nach einem eher enttäuschenden Besuch in „Thames Town“, ein rund anderthalb Stunden von Shanghai Zentrum entfernt liegendes Fake London, besuchte ich also den Heiratsmarkt Shanghais.

Und tatsächlich: Überall Eltern, die all die relevanten Informationen auf kleinen Zetteln zusammenzutragen, um diese dann zur Promotion des Nachwuchs auf Regenschirmen festzupinnen.

Größe, Gewicht, Alter, Wohnung, Hobbys und – ganz wichtig – das Einkommen. Die Chancen für die Eltern eines beruflich erfolgreichen Sohn stehen besonders gut. Denn hier werden rund fünfmal so viele Töchter wie Söhne angeboten. Hartnäckige Eltern, so die Gerüchte, sollen seit vier Jahren, offensichtlich nicht wirklich erfolgreich, auf den Marriage Market kommen.

Es herrscht ein entspannter Kaffeefahrten-Vibe. Nur dass es eben nicht um den neuen „Energie-Meister“, sondern um das Glück der eigenen Tochter geht. Was die Eltern des People‘s Park wohl zur Cruising-Szene des Tiergartens sagen würden?

Für mich soll es weitergehen, zurück ins Hostel, Rucksack packen, weiter nach Beijng, denn dort lädt Präsident Jinping zur großen Parade zum 70. Geburtstag der Volksrepublik China. Und den darf ich doch keinesfalls verpassen.

Category: #dandydiaryspace

Von: David Kurt Karl Roth

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