Blauäugig und durstig

Mit der irren Werbebotschaft, dies sei der männlichste Rum der Welt, hatte man uns an die Bar gelockt. Blauäugig und durstig, wie wir nun mal sind, setzten wir uns, und hörten uns das Seemannsgarn dieses Mannes an, der uns nun einschenkte.

Er erzählte von einem Seefahrer, der nach langer Reise über die Weltmeere, nach Hause, in den Hamburger Hafen kam und nichts weiter dabei hatte, als ein paar Fässer Rums und die tolle Geschichte, diesen Rum einem Kraken mit riesigen Tentakeln abgetrotzt und dabei seine komplette Mannschaft verloren zu haben.

Wir glaubten alles und tranken.

“Geschichten und Mythen”, erzählte der redselige Seemann weiter, “prägen unsere Träume seit Jahrhunderten. Manche mehr – manche weniger. Seeungeheuer und mutige Männer und Frauen, die diese Tiere bezwingen, sind wie die Sehnsüchte von euch jungen Leuten, die ihr den Städten lebt.” Wir erschraken, er fuhr fort: “Erobern, verändern, bezwingen. Mittlerweile sind es nicht mehr wilde Tiere, die es zu bekämpfen gibt, wie es bei mir vor vielen Monden der Fall war, sondern Regeln, die euch auferlegt werden. Regeln und Verpflichtungen gegen die ihr aufbegehren müsst. Ihr wollt doch frei sein. Dieser Rum hier, den ich Kraken-Rum genannt habe, gibt uns in den gewissen dunklen Stunden der Nacht genau das Gefühl ungebändigt und frei zu sein. So dunkel wie seine Farbe, so dunkel wie seine Seele, so dunkel würden auch wir doch gerne manchmal sein.”

Wir lauschten dem gesagten nach, tranken einen großen Schluck – und dann wurde es dunkel, sehr dunkel.

Angeblich, so erzählte man uns später, würde der Seemann am 18. und 19. Oktober mit seinem Schiff in Hamburg anlegen und wieder einige Fässer Kraken-Rum dabei haben. Vier Wochen lang, jeweils Freitags und Samstags wird er in der Hamburger Bar “Good Old Days” sitzen und von ebenjenen erzählen: den guten alten Tagen. Und dann wird es sicher wieder sehr, sehr dunkel.

Category: News

Von: Carl Jakob Haupt

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