Berliner Wiener Romantik

Interviews mit Musikern sind ja so eine Sache. Schon die Terminvereinbarung erweist sich schnell als monatelanges, zeitraubendes Großprojekt, das die Erwartungen an den großen Tag und letztendlich das Gespräch in derart astronomische Höhen steigen lässt, dass sie ja nur enttäuscht werden können. Werden sie dann natürlich auch, von einem absurd verspäteten Interviewpartner, der absurd wenig Lust hat, irgendwelche Fragen zu beantworten. So schwer ist das doch nicht, denkt sich der eingeschüchterte Musikjournalist dann und hofft, das am Ende doch alles gut wird. Nun ja.

Mit Yung Hurn versuche ich seit, sagen wir, längerer Zeit, ein Interview zu führen. Für das Setting hatte ich die tollsten Ideen: Wir waren schon zum Schnitzel essen in seiner Heimatstadt Wien verabredet, wollten dann auf dem Splash! „irgendwas machen“ und schließlich in Berlin. Geklappt hat es nie und es sei ihm wirklich verziehen, es ist ja gerade viel los bei ihm, der Identifikationsfigur einer ganzen Bewegung, der so Vieles egal zu sein scheint. Umso schöner ist es natürlich, dass es letzte Woche dann doch endlich dazu kommt, zum großen Treffen. Einen angemessenen Rahmen finden wir in der Victoria Bar auf der Potsdamer Straße. Zum Interview trinken wir einen guten (weil starken) Drink, den Jet Pilot.

 

Gibt es eigentlich etwas Harmloseres als ein Mixtape von dir? 

Ich weiß nicht, die Frage ist echt komisch. Ein Kinderfotobuch vielleicht, aber sonst nichts. Ich habe jetzt voll Angst, dass ich schlechte Antworten gebe.

Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, auf dem Splash, hast du dich mit Xatar unterhalten. Seid ihr jetzt Freunde, du und er? 

Ja, wir sind die allerbesten Freunde.

Bist du traurig wegen seiner Verhaftung? 

Dazu kann und darf ich leider keine Antwort geben. Aber er ist unschuldig, das weiß ich hundertprozentig.

Bei dir ging das ja sehr schnell mit dem Alter Ego. Bist du schon gelangweilt von Yung Hurn? 

Das stimmt ja so nicht, K. Ronaldo ist mein Bruder. Er ist gerade auf dem Weg nach Berlin und kommt auch mit auf die Tour.

Österreich ist ja so verdammt cool zur Zeit: Wanda, Bilderbuch, Du, Crack Ignaz und jetzt hat dein Bruder auch noch dem österreichischen Skispringer Andi Goldberger einen Track gewidmet. Erklär mir das mal.  

Ich weiß auch nicht, warum das so ist. Jeder Österreicher hasst Österreich, jeder Österreicher hasst auch Deutschland und jeder Deutsche hasst Deutschland aber viele Deutsche mögen anscheinend Österreich. Das ist für mich unerklärlich. Am ehesten vielleicht wegen dem österreichischen, dem Wiener Schmäh, also Witz. Und wegen der Art, einfach mal einen Fick zu geben. Das machen Wanda und Bilderbuch ja sehr stark.

Gibt es überhaupt irgendwas, was dir wichtig ist? 

Ja. Liebe, Zuneigung und Koks.

Was bedeutet dir Otto Wagner? Sein Name steht ja auf deiner Brust tätowiert. 

Wow, sehr viel. Als Kind wollte ich Architekt werden. Die ersten Zeichnungen, die ich gemacht habe, waren immer Grundrisse von Häusern oder Wohnungen: Wohnzimmer, Klo, Küche. Damals war ich noch zu jung, um Otto Wagner zu kennen. Aber mit 14 oder 15 habe ich angefangen, mich mit dem Wiener Jugendstil auseinanderzusetzen. Da war Otto Wagner einer der wichtigsten Architekten und auch für die Wiener Geschichte ist Otto Wagner eine der wichtigsten Personen. Auf der alten österreichischen Währung, dem Schilling, gab es einen Schein mit Otto Wagner drauf. Er beutetet mir sehr viel aufgrund dessen was er geleistet hat.

Neben Otto Wagner steht noch ein zweiter Name auf deiner Brust, den kann ich auf Fotos nie lesen. 

Das ist der Michi Häupl, der Wiener Bürgermeister. Er gibt offen zu, dass er säuft. Eine richtige Legende!

Was bedeutet dir das Internet?

Leider sehr viel, ich bin ziemlich internetsüchtig. Aber es ist eben sehr wichtig. Ein großer Teil meiner Inspiration kommt aus dem Internet. Oder von Spaziergängen.

Du spazierst gerne?

Ja, hauptsächlich in meiner Heimatstadt Wien. Ich liebe es, alleine rumzulaufen oder im Bus rumzufahren und Musik zu hören. Bevor ich losgehe, suche ich mir Beats raus, die ich mag. Das ist sehr beruhigend. Spazieren gehen und das Internet: Das sind meine zwei großen Leidenschaften.

Kennst du Marcel Duchamp? Der war einer der Wegbereiter des Dadaismus, dem du auch manchmal zugeschrieben wirst und hat mal ein Pissoir auf den Boden gelegt, es „fountain“ genannt und als Kunst bezeichnet. Kannst du damit was anfangen? (Ich zeige ihm ein Bild) 

Ich finde das echt cool, ich feier sowas. Aber ich glaube du könntest mir vieles zeigen, was in diese Richtung geht und ich würde das alles feiern. Ich kann das nichtmal definieren, aber das könnte von mir auch kommen. Erst vorhin haben wir ein Video gedreht und dafür Rotwein in eine Gießkanne geschüttet und dann daraus getrunken.

Gestern hast du oben ohne im Grill Royal rumgehangen und dein Steak mit den Händen gegessen. Ist dir bewusst, was das für eine popkulturelle Dimension hat? 

Ich bin mir noch nicht bewusst. Das ist wie wenn man Gold bei Olympia gewinnt und das erst noch realisieren muss. Aber das war einer der wichtigsten Momente der modernen deutschen und österreichischen Musikgeschichte. Ich wusste in dem Moment nicht, dass das so krass ist. Vielleicht wird das auch erst mit meinen Tod erkannt werden. Aber ab diesem Moment hat ein neues Kapitel begonnen. Manche wissen es jetzt schon und der Rest wird es bald realisieren.

Jetzt sitzt du schon wieder in einer teuren und schillernden Institution der Berliner Nacht, in der Victoria Bar. Magst du Glamour? 

Ganz ehrlich: Ja. Ich habe das schon immer sehr gemocht. Es macht einfach Spaß, Geld auszugeben, auch wenn man es eigentlich gar nicht hat, so zu tun als ob und einfach das Gefühl haben, dabei zu sein. Um nochmal zurück zum Grill Royal zu kommen: Ich fand den Berghain-Schal richtig gut, der da hängt. Die ganze Kunst, die Bilder im Raucherbereich, das hat einfach Klasse und Stil. Es ist angenehm und macht Spaß, in Restaurants zu gehen, in denen das Essen gut und schön teuer ist.

Was sind die Werte, die deine Musik vertritt? 

Feminismus, generelle Akzeptanz der menschlichen Grundwerte und Liebe.

Wie gehst du damit um, dass deine Musik über die Rapwelt hinaus größtenteils belächelt wird? 

Eigentlich ganz gut. Ich muss momentan nicht arbeiten, kann von der Musik leben und deshalb ist mir das ziemlich egal. Jede Art von Emotion oder Reaktion ist gut.

Das ist ja hier ein Modeblog. Willst du mir verraten, was du heute trägst? 

Ja, gerne. Meine Kappe ist vom Ordnungsamt in Köln, die hat mir dort ein Mädchen aus dem Publikum geschenkt. Der Pullover ist von Astrid Deigner, einer Designerin aus Wien. Shoutouts an Astrid! Mein T-Shirt ist von Parisienne, die Jeans von Wrangler. Mein Gürtel ist von Diesel und Socken und Schuhe von Nike. Brille: Fielmann. Die Leute glauben ja, ich hab voll die teure Brille. Aber meine ist eine der Billigsten, weil ich meine Brillen dauernd verliere. Die hat glaube ich 28 Euro gekostet.

Wann ziehst du endlich nach Berlin? 

Nach meiner Japan-Reise, Ende Oktober. In letzter Zeit ist es in Wien ein bisschen komisch geworden. Aber ich will nicht sehr lange in Berlin bleiben, ich habe Angst dass der Winter hier scheiße ist. Und dass ich zu viel feiern gehe.

Nach dem Interview sind wir sehr betrunken. Und weil wir ja jetzt schon in Schöneberg sind, also quasi mittendrin im zwielichtigen oder vielmehr rotlichtigen Teil des Berliner Nachtlebens, wollen wir (das sind Yung Hurn, zwei 16-Jährige und ich) das natürlich auch ausprobieren. Der oft fotografierte LSD-Neonschriftzug (Love Sex Drugs) löst in uns irren Größenwahn und Realitätsferne und den Wunsch nach eben diesen drei Dingen aus – wir erhoffen uns hinter der Tür des beworbenen Hauses ein Paradies mit, natürlich, Frauen und Genussmitteln und überhaupt allem, was es auf dieser Welt so Schönes gibt.

Triste Pornokabinen und wirklich keine einzige Frau holen uns schnell zurück auf den sogenannten Boden der Tatsachen, viel eher aber auf den dreckigen Boden des Etablissements. Auf Nachfrage von Hurn antwortet der erbärmliche Kassenwart der schmierigen Trümmerhütte von Pornopuff nur, dass das wirklich alles ist, was er hier zu bieten hat. Oder uns betrunkenen Kinderhirnen zutraut.

Das ist natürlich schade. Aber vielleicht sind wir, so die Erkenntnis, leider noch zu jung und zum Glück nicht verzweifelt genug für all das. Wo wir wirklich hingehören ist wohl die behütete Umgebung eines Kinderzimmers und, es ist kaum zu glauben: 20 Minuten später sitzen wir wirklich in einem. Zwischen einer Buzz Lightyear-Kuschelfigur, unserem Gastgeber Elvis, den wir in den Victoria Bar kennengelernt haben und der jetzt mit seinem Nunchacku spielt und unendlich vielen unfassbar teuren Produkten von Supreme und Gosha Rubchinskiy walzen wir uns im Alkoholrausch, irgendwo in einem Kinderzimmer in Reinickendorf. Im Nachbargrundstück ist kürzlich eine Gartenlaube eingestürzt und dabei, laut Elvis, auch jemand gestorben. Ganz offensichtlich ist alles einigermaßen absurd. Yung Hurn scheinen sie wirklich sehr egal zu sein, all diese Zustände.

Der nächste Morgen, harter aber irgendwie angenehmer Kater. Letzteres wohl vor allem, weil die Wohnung von Elvis’ Eltern wirklich schön ist, da braucht man sich nicht beklagen. Wir füllen die großen Räume schnell mit wahrhaftem Unsinn: Witze machen über „Joschua“ Yamamoto, die wirklich lauten und viel zu tief fliegenden Flugzeuge anschauen und sich darüber freuen, dass man lesen kann, was auf ihnen steht, Zitronenkuchen vom 16. Geburtstag von Elvis essen, Rapvideos schauen, rauchen, duschen, rumliegen.

Am Abend ist der Tourstart der großen, Achtung, Deutschlandtournee von Yung Hurn und Anhang. Vor der Tür stehen viele traurige Minderjährige und wedeln mit ihren Tickets. Sie sind wegen der Altersbegrenzung nicht reingekommen, wollen jetzt ihre Karten loswerden und dann halt „Einen rauchen gehen“. Kein wirklich standesgemäßes Ersatzprogramm wie ich finde, denn: Das Konzert ist wirklich gut, es ist alles romantisch und ekstatisch zugleich, Yung Hurn wirft mit Schuhen und Liebe um sich, bietet wie ein Irrer und ununterbrochen den hervorragenden Service an, mit den Handys der Fans Snaps zu produzieren und laut Branchenexperte DJ Stickle war das dann „das größte, was in diesem Genre bisher passiert ist.“ Damit hat er wohl Recht. Sehr sogar. Das war alles ganz großartig.

Category: Special

Tags: Yung Hurn

Von: David Jenal

Fotos: Samuel Smelty

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