Berlinale: die Kritik

Unser Autor Ruben Meier hat sich auf der Berlinale täglich vier bis fünf Filme angeguckt. Hier ist sein Resümee.

Man erzählt sich, dass schon um 5:30 in der Früh die ersten Berlinale-Besucher vor den Arcarden am “Potsi” (Potsdamer-Platz) vor der zentralen Ticket-Station herumlungern. Sie bilden eine Schlange, die Festival-Geeks, klar anvisiertes Objekt ihrer Begierde: die Premierenkarten der offiziellen Wettbewerbsfilme. Qualität und Inhalt dieser Streifen spielen hier keine Rolle, man ist im Allgemeinen einfach scharf auf das Gefühl Erster zu sein und den Stars damit nah. Das verstehe ich – will ja schließlich jeder und ich auch. Kann selber aber nicht, denn ich habe eine Schlangenphobie, naja, nein, aber ohne lässig klingen zu wollen, ich kam eben immer nicht so früh raus und das hatte seine Gründe und die waren gut und privat, und jetzt schreibe ich auf, was auf der Berlinale dieses Jahr so vor sich ging.

Die Niveau-Höhe des Wettbewerbs war – das konnte ich mir schon durch ein paar Blicke ins Programmheft ungefähr zusammenreimen – nicht gerade schwindelerregend.

Klassische oder anders gesagt, feige Erzählstrukturen und höchst Erwartbares stand zu befürchten.

Ein Beispiel:

Der alte Hut. Ein Berlinale-befreundeter Regisseur der seine besten Tage weit hinter sich gelassen hat macht einen Gefühls-Film über Vater und Sohn aus dem deutschen Mittelstands-Milleu. Dafür benutzt Regisseur Thomas Arslan oder “der alte Tommy” wie sie ihn sicherlich schulterklopfend nennen, mal mehr, sehr oft aber leider weniger pfiffig, die Berliner-Schule-Geheimrezepte “Anschweigen”, “Beleidigt-Sein” und “Nach Skandinavien” bzw. “in die Natur Fahren”. Dort klappen die Dinge natürlich genau so schlecht wie zuhause. Der alte Herr will seine Daddy-Rolle zurück, der Junior hat keinen richtigen Bock auf ihn. Und so flimmert der sogenannte Generationskonflikt leise und lang über die Leinwand: Na Klasse, Danke Tommy!

(Helle Nächte, R: Thomas Arslan)

Anderes Beispiel (es wird um genau einen Baby-Step besser).

Ein Mittelstands-Österreicher aus der Kultur-Klasse Wiens verliert seinen Redaktionsleiter-Job, die Freundin wird und wird, und wird, und wird nicht schwanger, er gibt zu Bedenken vielleicht auch doch ein bisschen zu alt zum Paps-werden zu sein. Folge: Krach mit Freundin, Sinnkrise, Rache am Chef, dazu deftiger Ätsch-Bätsch-Humor. Mein hundertvier-jähriger Sitznachbar pupst sich wenigstens ein Duzend mal vor Gekicher laut in die Hose. Irgendwann, zum Ende dann, ein wirklich lustiger, weil sehr misslungener Suizid-Versuch (nun lache auch ich das erste mal von Herzen) – damit war aber schon der Peak erreicht, die Versöhnung wird eingeleitet, weil so wild kann man es ja auf die Dauer nicht treiben, schade.

(Wilde Maus, R: Josef Hader)

Ich gerate in kurzes heftiges Grübeln. Was mache ich hier? Es laufen ja immerhin mehrere hundert Filme außerhalb dieses verfluchten und anti-revolutionären Wettbewerbs mit seinen Bleich-Fratzen und deren mittelmäßiger Mittelstands-Mellowness. Ich entscheide mich also in gebotener Voreile zum Boykott, sause mit Voll-Speed ins Panorama-Programm und sehe den ersten sehr guten Film.

In Tahqiq Fel Djenna / investigating Paradise (R: Merzak Allouche) geht eine algerische Journalistin den von salafistischen Predigern sehr plastischen Schilderungen vom Paradies auf den Grund.

Schnell wird klar, dass in den Paradies-Erzählungen die einfache und fromme muslimische Ehe-Frau aus dem Hier und Jetzt eigentlich überhaupt gar nicht vorkommt und völlig leer ausgeht.

Dank der 72 überirdischen Super-“Houris” nämlich, die dort (im Paradies) pro Mann zur Verfügung gestellt werden und für das Rundum-Sorglos-Paket verantwortlich sind, gibt es auch schlicht zu wenig Platz. Die Männer dürfen doch nun endlich auch Wein trinken und allen Gelüsten nachgehen die ihnen zu Lebzeiten auf Erden verboten waren. Frauen erwartet dagegen nichts oder zumindest weiß keiner so recht was. Ein kritischer Schriftsteller schlägt im Scherz vor: “Na die könnten ja einen größeren Herd bekommen, eine größere Spüle und eine bessere Waschmaschine.”

Der Film lebt von seinen starken Interviews. Mit nicht enden wollender Fantasie preisen Online-Salafisten und der einfache, meist junge algerische Mann die “Houris” als hyper-sexuelle voll-willige Top-Weiber – man könne sich ja gar keine Vorstellung darüber machen wie funkelnd ihre Augen, wie rund ihre Schenkel und weich ihre Haut sei, die Haare wie Seide “ohne Nivea, ohne L’Oreal” schwört ein Prediger auf Youtube.

Die Masche wird an einer Stelle des Filmes sehr treffend als “Pornografie des Jenseits” bezeichnet.

Und tatsächlich hat die völlig durchkommerzialisierte Propaganda bei den jungen Männern eine radikale Art der Konsum-Begeisterung erschaffen die sie in den Dschihad treibt und in letzter Instanz in der Erlösung, dem Tod / Paradies endet.

Nächster guter Beitrag ist der Film The Wound (R: John Trengove) – er ist eine dichte Erzählung über die verworrene Geschichte einer geheimen Liebe zwischen den zwei Männern Xolani und Vija. Die Beziehung der beiden, die als leitende Mentoren bei einem traditionellen Initiations-Ritus der Xhosa tätig sind, wird von einem aufmüpfigen ebenfalls schwulen Großstadt-Jungen namens Kwanda auf die Probe gestellt.

Kwanda macht den größtmöglichen Stress, steht auf, bohrt an verkrusteten Weltanschauungen herum, pocht auf ein Coming-Out seiner Mentoren und nennt Xolani gar einen Feigling.

Rebellische Töne! Das mutige Aufbäumen für Aufklärung und gegen überholte Werte und Homophobie bringen unüberwindbare Hürden zum Vorschein, jetzt hilft nur noch archaische Gewalt um die alte Ordnung wieder herzustellen.

Als ich herausfinde, dass der Film von einem 100%-weißen Südafrikaner gemacht wurde bin ich sprachlos und komplett-Baff, meine Begeisterung gerät ins Schleudern. Warum? Na erstens weil der Film ja fast vollständig in der Sprache der Xhosa erzählt ist und zweitens wegen dem 100%-schwarzen Cast und dem Thema des Beschneidungs-Rituals – Eine große Tradition. Diese als Grundlage eines Filmes über Toleranz zu machen ist natürlich ein smarter Schachzug – aber der Gute Herr Regisseur wird sich wohl noch einiges anhören und sich die ein oder andere Fragen gefallen lassen MÜSSEN. Ansonsten, Prädikat: besonders wertvoll.

Durstig rausche ich über den Potsdammer Platz, vorbei an den Profi-Netzwerkern aus der Branche, die mit ihren vulgär und aggressiv zur Schau gestellten Akkreditierungs-Bändchen überall herum huschen wie ein paar aufgescheuchte Hühner. Weiter, vorbei am Berlinale Palast wo die Regenbogenpresse ihr tägliches Tohuwabohu veranstaltet und rein in die Mall of Berlin.

Da bekomme ich dann einen nicht-mehr-feierlicher Wutausbruch weil, Ortszeit 14:45, alle möglichen Reserven an Still-Wasser-Produkten unwiderruflich LEERGEKAUFT sind!

Fünf Minuten später habe ich mich dann beruhigt und schwebe mit einer 1L Lipton Eistee Pfirsich Flasche über den roten Teppich. Einige Köpfe drehen sich sehr irritiert, ob dem Anblick dieses ungewöhnlichen Getränkes, zu mir um.

Zufrieden kippe ich mir die Brause rein, rülpse asozial und vergnügt mal in mich hinein, mal hinaus in den dunklen Kinosaal und sehe die nächste Vorstellung.

Final Stage (R: Nicolaas Schmidt) ist ein 27-minütiger Kurzfilm. Ein Teenager-Junge wird von seinem Freund im Stich gelassen, geht dann, in einer 12 Minuten langen Einstellung weinend und traurig durch das komplette Mundsburg-Center in Hamburg (längste Kauf-Meile Europas), dazu spielt ein Filmorchester, mein Herz reißt langsam in hunderte Stücke. Es folgt – das Ende – eine Super-Totale, der Mond strahlt inzwischen groß am Himmel, unser junger Boy hat die Mall verlassen und steht regungslos an einer Weggabelung. Plötzlich stürmt sein Freund doch noch ins Bild hinein und fällt ihm für die restlichen 4 Minuten des Filmes kraftvoll um den Hals.

Manche bezeichnen den Film als pathetisch andere als pseudo-experimentellen Emo-Quatsch, ich halte ihn für ein bombastisches zeitgenössisches Meisterwerk. Warum? Weil ich die ganze Zeit nicht davon los komme darüber nachzudenken, darüber warum ich ihn eigentlich so gut finde und weil ich ihn ja viel lieber einfach blöd finden will?!

Danach, Millenials (R: Jana Bürgelin) ein Film über Millenials. In der Hauptrolle, mein Freund und ehemaliges Vertragsmodel bei “A Kind of Guise”, der Millenial und Ruhrpott-Regisseur Leonel Dietsche. Er spielt den Berlin Neuling Leo, der mittels wenig-sagender analoger Foto-Kunst ganz und gar erfolglos versucht einen Fuß in die Tür der Berliner Kunst-Szene zu kriegen.

Seine enge Freundin Anne hat es – vielleicht mit etwas weniger Gefühl oder einfach mehr Talent – zu einigem Erfolg gebracht. Keiner weiß das wirklich. Beide eint, dass sie, wie sich das eben für ihre Generation gehört, unzufrieden sind, verletzt und ständig down. Außer es gibt Koks. Und weil sich in Leos Augen die gesamte Traurigkeit des Ruhrpotts vereinigt hat, funktioniert das alles sehr super.

Hastig gehe ich in die letzte Vorstellung des Tages und sehe dort, Im Rahmen der Berlinale Shorts den Kurzfilm Os Humonores Artificiais (R: Gabriel Abrantes).

Im Grunde genommen ist der Film eine Kind-gerechte und sehr charmante Version von “Ex Machina”. Statt einem heißen und abgebrühten Cyborg-Girl, fliegt hier ein wunderbar süßer Roboterkopf namens Coughman mit total putziger quitsche-Stimme durchs brasilianische Hinterland, verliebt sich in die Tochter des Häuptlings, der das nicht klasse findet, und entscheidet sich, das Mädchen kurzerhand in die Großstadt zu entführen. Dort wird unser kleiner Coughman von seiner Schöpferin zu einem Stand-Up-Comedy-Roboter umprogrammiert, die alte Version und Festplatte soll überspielt werden, aber wie in “Ex Machina”, siegt auch hier die künstliche Intelligenz mit Bravour, das Ende ist also ein Gutes und wünschenswertes. Das ganze Kino findet: “mega-sweet”

Am späten Abend federt dann noch der Festival-Direktor Dieter Kosslik in seinen Berlinale-Sneakern an mir vorbei. “Wow” denke ich, die muss man auch erstmal tragen können, ich nicke ihm respektvoll zu, er ignoriert mich..

Category: News

Von: Carl Jakob Haupt

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