Ballern mit Jan

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Ballern gehen? Klar, warum nicht. „Treffpunkt: vor dem Prinzenbad, blauer Renault Capture“ – so die Info per WhatsApp von Jan Mihm, dem MitgrĂźnder des Nagellack-Labels USLU AIRLINES, mit dem ich auf dem Schießstand Ăźber sein neues Projekt „Ballistic Therapy“ sprechen will.

Renault, hinten auf der Heckscheibe, unter den Resten von ergrauter Vogelscheisse, ein Sticker mit den Worten: SUCK DICK. EAT PUSSY. POLE DANCE“. Das muss er sein. TĂźr auf. Da sitzt er – der irre Berliner Entrepreneur – breitbeinig, grinsend, die rechte Hand zum High-5 erhoben. „Unter Ballistic Therapy“, so Mihm, „versteht man den Stressabbau durch den Einsatz von Schusswaffen“. FĂźr Jan Mihm der ideale Name fĂźr einen Duft. Seinen Duft.

Im Flakon von „Ballistic Thearapy“ schwimmt eine 9 mm Patrone, die war zu groß für den Flaschenhals der handelsüblichen Flakons der Duftbranche, daher suchte er wochenlang nach einer Alternative, bis er einen passenden Glasbehälter im Medizinbereich fand. Eine kleinere Patrone, so Mihm, wäre keine eine Option gewesen. Geza, den Mann, der für ihn den Duft komponierte, hielt Mihm, vor vielen Jahren, betrunken spätnachts allein vor seinem Rechner sitzend, für eine persische Prinzessin.

Geza schrieb ihm eine E-Mail, wollte einen Duft für ‚Uslu Airlines‘ kreieren. Der vom Göttertrank verzauberte Mihm sah schon die mandeläugige Scheherazade (1001 Nacht) vor sich. Doch Geza war, so stellte sich am nächsten Tag raus, ein Typ, nicht schwul und lebt 60 m Luftlinie entfernt von Mihms Wohnung.

Zur Zusammenarbeit mit ‚Uslu Airlines‘ sollte es nie kommen, doch viele Jahre später verpasste Geza „Ballistic Therapy“ einen Duft, inspiriert von der Erfindung des Schwarzpulvers im alten China. In Berlin, in der Nähe des „Kellers“, wie Jan Mihm den Schießstand der Tempelhofer Sportschützen nennt, findet der „Cowboy mit einer Schwäche für Nagellack“ nach langer Suche endlich einen Parkplatz.

Als wir auf den „Keller“ zu laufen, kommen uns zwei von Mihms Vereinskollegen entgegen: Männer, die so aussehen, als hätten sie in den letzten 20 Jahren nur in allergrößten Notfällen ihren Hochsitz verlassen. Man nickt sich zu. Wir treten ein, die Treppe hinunter in den ehemaligen Bunker, immer weiter, bis wir in einem kleinen Vorzimmer landen, mit einem Holztisch, bedeckt mit einer Tischdecke im blau-weißen bayrischen Rautenmuster, und Fotos an der Wand, von zu Ruhm und Ehre gekommenen Schützen des Vereins, unter anderem Lothar, der den „Shoot Down“ für sich entscheiden konnte sowie ein kitschiges Safari-Triptchyon, welches Löwen, Elefanten und Giraffen zeigt.

Die, nennen wir es mal Empfangsdame des Vereins, ist nicht besonders gut aufgelegt. Sie untersagt dem Fremden, das bin ich, das schießen und Mihms laute, entwaffnend offene Art entlockt ihr nur ein abfälliges Stirnrunzeln. Der 50-jährige „Ballistic Therapy“ Macher, in lilafarbenen Camouflage-Cargo-Pants, Alpha-Industries Bomberjacke und den Resten von Nagellack am kleinen Finger, und der Schützenverein: ein Kultur-Clash.

Mihm setzt seinen GehĂśrschutz auf, lädt seine Glock 9 mm und ballert los, ein Schuss, zwei, drei, vier – HĂśllenlärm, ich zucke zusammen, leere PatronenhĂźlsen fliegen umher.

Kurze Feuerpause: „Ich gelte als Munitionsvernichter, weil ich viel schieße, es geht mir um das GefĂźhl, dass an meinem KĂśrper dabei stattfindet, nicht in erster Linie, um das Treffen einer Zielscheibe. Ich bin fasziniert von der Energie – der geballten Kraft, die von einer Schusswaffe ausgeht.“

Der zweifache Familienvater, 20-jähriger Sohn und 16-jährige Tochter, ballert wieder los. Feuer tritt aus dem Lauf seiner Waffe. Eine Zielscheibe am Ende des holzvertäfelten Gangs wird traktiert. Woher kommt diese Leidenschaft? Die Eltern? „Nein, meine Mutter war tiefe Pazifisten, komplette Waffengegnerin. Mein Bruder und ich durften auch keine Spielzeugwaffen zu Hause haben. Wir haben uns dann aus Lego Spielzeugwaffen gebaut. Oder einmal auch eine Waffe aus einer alten, trockenen Brotscheibe gebissen, Unser Nachbar Matthias, der rund fünf Jahre älter war, hat irgendwann einmal ausgemistet, so kamen wir an ein ganzes Arsenal von Spielzeugwaffen. Das hat mich damals vollkommen geflashed, da war ich richtig hooked. Jahre später habe ich mir dann eine Waffe gekauft“.

Mihm kommt auf mich zu: „Neben der Glock besitze ich heute noch eine 357 Magnum, also ein Revolver, eine Pump-Action Schrotflinte und dann habe ich noch eine Kalaschnikow, die ist natürlich Basis-Ausstattung“. Breites Grinsen. Es gibt Bilder, da inszeniert sich Jan Mihm im Fotostudio mit visionären Blick mit Kalaschnikow. Es ist immer auch ein humorvolles Spiel mit Männlichkeit und dem Bruch von Konventionen.

FrĂźher, auf dem Dachgarten von Uslu Airlines, hing Hobby-Kickboxer Mihm einen pinken Boxsack auf – ein ähnliches Prinzip, wie heute: mit den lackierten Finger am Abzug einer Kalaschnikow. Er trägt auch mal Rock und geht ins FICKEN 3000 – eine Schwulenbar – obwohl er, nach wie vor (bislang keine Altershomosexualität), auf Mädels steht. Mihm entzieht sich bewusst jeder Einordnung. „Was männlich ist, entscheide ich“.

Draußen am Kofferraum seines Renaults übergibt er mir stolz ein „Ballistic Therapy“ Exemplar. Erzählt davon, dass es ihm rechtlich untersagt ist, explizit auf der Verpackung darauf hinzuweisen, dass man nach Gebrauch den Flakon zerstören soll, um an die Patrone zu gelangen, welche als Kette zum Einsatz kommen soll. Und weißt mich auf den spiegelverkehrt geschriebenen Satz“: Now what kinda man are you?“ hin.

Mihm durchbricht den „Armlängen-Abstand“ um Längen – erhobener Zeigefinger, wenige Zentimeter vor meinem Gesicht taucht er mit Ăźberzeichnet fragender Mimik auf: „Uuuuund? Was bist du fĂźr ein Mann?! Guck dich im Spiegel an. Wieviel Homo bist du?“ Und fängt schallend an zu lachen. „Ballistic Therapy“ – das männlichste ParfĂźm aller Zeiten – Ăźbrigens auch was fĂźr Frauen. 

Category: #dandydiaryspace

Tags: Ballistic Therapy

Von: David Kurt Karl Roth

Fotograf 1:: Jacint Halasz

Fotograf 2:: Katja Deutschmann

Fotograf 3:: Jannike Stelling

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