Ballern mit Jan

💣💣

Ballern gehen? Klar, warum nicht. „Treffpunkt: vor dem Prinzenbad, blauer Renault Capture“ – so die Info per WhatsApp von Jan Mihm, dem MitgrĂŒnder des Nagellack-Labels USLU AIRLINES, mit dem ich auf dem Schießstand ĂŒber sein neues Projekt „Ballistic Therapy“ sprechen will.

Renault, hinten auf der Heckscheibe, unter den Resten von ergrauter Vogelscheisse, ein Sticker mit den Worten: SUCK DICK. EAT PUSSY. POLE DANCE“. Das muss er sein. TĂŒr auf. Da sitzt er – der irre Berliner Entrepreneur – breitbeinig, grinsend, die rechte Hand zum High-5 erhoben. „Unter Ballistic Therapy“, so Mihm, „versteht man den Stressabbau durch den Einsatz von Schusswaffen“. FĂŒr Jan Mihm der ideale Name fĂŒr einen Duft. Seinen Duft.

Im Flakon von „Ballistic Thearapy“ schwimmt eine 9 mm Patrone, die war zu groß fĂŒr den Flaschenhals der handelsĂŒblichen Flakons der Duftbranche, daher suchte er wochenlang nach einer Alternative, bis er einen passenden GlasbehĂ€lter im Medizinbereich fand. Eine kleinere Patrone, so Mihm, wĂ€re keine eine Option gewesen. Geza, den Mann, der fĂŒr ihn den Duft komponierte, hielt Mihm, vor vielen Jahren, betrunken spĂ€tnachts allein vor seinem Rechner sitzend, fĂŒr eine persische Prinzessin.

Geza schrieb ihm eine E-Mail, wollte einen Duft fĂŒr ‚Uslu Airlines‘ kreieren. Der vom Göttertrank verzauberte Mihm sah schon die mandelĂ€ugige Scheherazade (1001 Nacht) vor sich. Doch Geza war, so stellte sich am nĂ€chsten Tag raus, ein Typ, nicht schwul und lebt 60 m Luftlinie entfernt von Mihms Wohnung.

Zur Zusammenarbeit mit ‚Uslu Airlines‘ sollte es nie kommen, doch viele Jahre spĂ€ter verpasste Geza „Ballistic Therapy“ einen Duft, inspiriert von der Erfindung des Schwarzpulvers im alten China. In Berlin, in der NĂ€he des „Kellers“, wie Jan Mihm den Schießstand der Tempelhofer SportschĂŒtzen nennt, findet der „Cowboy mit einer SchwĂ€che fĂŒr Nagellack“ nach langer Suche endlich einen Parkplatz.

Als wir auf den „Keller“ zu laufen, kommen uns zwei von Mihms Vereinskollegen entgegen: MĂ€nner, die so aussehen, als hĂ€tten sie in den letzten 20 Jahren nur in allergrĂ¶ĂŸten NotfĂ€llen ihren Hochsitz verlassen. Man nickt sich zu. Wir treten ein, die Treppe hinunter in den ehemaligen Bunker, immer weiter, bis wir in einem kleinen Vorzimmer landen, mit einem Holztisch, bedeckt mit einer Tischdecke im blau-weißen bayrischen Rautenmuster, und Fotos an der Wand, von zu Ruhm und Ehre gekommenen SchĂŒtzen des Vereins, unter anderem Lothar, der den „Shoot Down“ fĂŒr sich entscheiden konnte sowie ein kitschiges Safari-Triptchyon, welches Löwen, Elefanten und Giraffen zeigt.

Die, nennen wir es mal Empfangsdame des Vereins, ist nicht besonders gut aufgelegt. Sie untersagt dem Fremden, das bin ich, das schießen und Mihms laute, entwaffnend offene Art entlockt ihr nur ein abfĂ€lliges Stirnrunzeln. Der 50-jĂ€hrige „Ballistic Therapy“ Macher, in lilafarbenen Camouflage-Cargo-Pants, Alpha-Industries Bomberjacke und den Resten von Nagellack am kleinen Finger, und der SchĂŒtzenverein: ein Kultur-Clash.

Mihm setzt seinen Gehörschutz auf, lĂ€dt seine Glock 9 mm und ballert los, ein Schuss, zwei, drei, vier – HöllenlĂ€rm, ich zucke zusammen, leere PatronenhĂŒlsen fliegen umher.

Kurze Feuerpause: „Ich gelte als Munitionsvernichter, weil ich viel schieße, es geht mir um das GefĂŒhl, dass an meinem Körper dabei stattfindet, nicht in erster Linie, um das Treffen einer Zielscheibe. Ich bin fasziniert von der Energie – der geballten Kraft, die von einer Schusswaffe ausgeht.“

Der zweifache Familienvater, 20-jĂ€hriger Sohn und 16-jĂ€hrige Tochter, ballert wieder los. Feuer tritt aus dem Lauf seiner Waffe. Eine Zielscheibe am Ende des holzvertĂ€felten Gangs wird traktiert. Woher kommt diese Leidenschaft? Die Eltern? „Nein, meine Mutter war tiefe Pazifisten, komplette Waffengegnerin. Mein Bruder und ich durften auch keine Spielzeugwaffen zu Hause haben. Wir haben uns dann aus Lego Spielzeugwaffen gebaut. Oder einmal auch eine Waffe aus einer alten, trockenen Brotscheibe gebissen, Unser Nachbar Matthias, der rund fĂŒnf Jahre Ă€lter war, hat irgendwann einmal ausgemistet, so kamen wir an ein ganzes Arsenal von Spielzeugwaffen. Das hat mich damals vollkommen geflashed, da war ich richtig hooked. Jahre spĂ€ter habe ich mir dann eine Waffe gekauft“.

Mihm kommt auf mich zu: „Neben der Glock besitze ich heute noch eine 357 Magnum, also ein Revolver, eine Pump-Action Schrotflinte und dann habe ich noch eine Kalaschnikow, die ist natĂŒrlich Basis-Ausstattung“. Breites Grinsen. Es gibt Bilder, da inszeniert sich Jan Mihm im Fotostudio mit visionĂ€ren Blick mit Kalaschnikow. Es ist immer auch ein humorvolles Spiel mit MĂ€nnlichkeit und dem Bruch von Konventionen.

FrĂŒher, auf dem Dachgarten von Uslu Airlines, hing Hobby-Kickboxer Mihm einen pinken Boxsack auf – ein Ă€hnliches Prinzip, wie heute: mit den lackierten Finger am Abzug einer Kalaschnikow. Er trĂ€gt auch mal Rock und geht ins FICKEN 3000 – eine Schwulenbar – obwohl er, nach wie vor (bislang keine AltershomosexualitĂ€t), auf MĂ€dels steht. Mihm entzieht sich bewusst jeder Einordnung. „Was mĂ€nnlich ist, entscheide ich“.

Draußen am Kofferraum seines Renaults ĂŒbergibt er mir stolz ein „Ballistic Therapy“ Exemplar. ErzĂ€hlt davon, dass es ihm rechtlich untersagt ist, explizit auf der Verpackung darauf hinzuweisen, dass man nach Gebrauch den Flakon zerstören soll, um an die Patrone zu gelangen, welche als Kette zum Einsatz kommen soll. Und weißt mich auf den spiegelverkehrt geschriebenen Satz“: Now what kinda man are you?“ hin.

Mihm durchbricht den „ArmlĂ€ngen-Abstand“ um LĂ€ngen – erhobener Zeigefinger, wenige Zentimeter vor meinem Gesicht taucht er mit ĂŒberzeichnet fragender Mimik auf: „Uuuuund? Was bist du fĂŒr ein Mann?! Guck dich im Spiegel an. Wieviel Homo bist du?“ Und fĂ€ngt schallend an zu lachen. „Ballistic Therapy“ – das mĂ€nnlichste ParfĂŒm aller Zeiten – ĂŒbrigens auch was fĂŒr Frauen. 

Category: #dandydiaryspace

Tags: Ballistic Therapy

Von: David Kurt Karl Roth

Fotograf 1:: Jacint Halasz

Fotograf 2:: Katja Deutschmann

Fotograf 3:: Jannike Stelling

Instagram